Martin KippenbergerEin König der Trashkultur wollte er sein

Martin Kippenberger sang, soff und bastelte wie kaum ein anderer. War er wirklich der Ausnahmekünstler, als der er jetzt in Berlin gefeiert wird? von Jörg Scheller

Auch 16 Jahre nach seinem Tod ist Martin Kippenberger noch lange nicht gestorben. Als der liebste aller Lieblingsquerulanten wird er von der Kunstszene gefeiert. Das war 2003 so, als er 50 geworden wäre (große Retrospektive in Karlsruhe). Und das ist heuer wieder so (noch größere Ausstellung in Berlin). Es sei das unerhörte Verdienst dieses Künstlers, lässt das Museum Hamburger Bahnhof verlauten, dass er so konsequent wie kaum ein anderer das alte Klischee des Malergenies untergraben habe. Kippenberger, der große Originalitätszertrümmerer.

Doch stimmt das eigentlich? Und waren nicht andere viel früher dran mit der Klischeevernichtung? War Kippenberger nicht überhaupt mit allem, was er tat, ziemlich spät dran? Hatte er mehr zu bieten als Untergrabungen des Untergrabenen?

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Kippenbergers wichtigste Schaffensperiode waren die 1980er Jahre, jene Zeit also, in der das "Neue", ehedem Motor der Avantgarde, mit einem mal sehr alt aussah. Plötzlich schien vor jedem Wort die Post-Silbe zu pappen: Postpunk, Postmoderne, Postfordismus, Postfeminismus. Und es war dieser Zeitgeist, den der Hauptrepräsentant des "strategischen Dilettantismus" (Roland Schappert) vor allem verkörperte. In einem seiner hellsichtigeren Momente ergänzte er Beuys’ notorisch gewordenes Diktum, wonach jeder Mensch ein Künstler sei, um den Satz: "Jeder Künstler ist ein Mensch." Und das galt natürlich für ihn selber am allermeisten.

Die Rezeptionsgeschichte hat denn auch den Menschen Kippenberger ins Zentrum gerückt, seine Drogeneskapaden, seine fluchtartigen Wohnortwechsel, sein manisches Sich-Abarbeiten an den Stereotypen unserer Gegenwart, seinen frühen Tod. Davon zeugen die unzähligen ihm gewidmeten Texte mit Titeln wie Hart gearbeitet, viel getrunken, kurz gelebt oder gewissenhafte kunstwissenschaftliche Kontextualisierungen seiner Geburtstagsfeiern. Keine Werkanalyse ohne Biografieanalyse.

Ausstellung

»Martin Kippenberger: sehr gut | very good« im Hamburger Bahnhof vom 23. Februar bis zum 18. August.

Der Autor

Jörg Scheller lehrt Kunstgeschichte an der Zürcher Hochschule der Künste. Zuletzt von ihm erschienen: »Arnold Schwarzenegger oder Die Kunst, ein Leben zu stemmen« (Steiner Verlag)

Seinen Bierbauch trug er wie eine Trophäe zur Schau

Kippenberger förderte bewusst diesen Personenkult. Seinen Bierbauch trug er zur Schau wie eine Trophäe und signierte einige Bilder mit aufgeklebten "Kippenbergen". Im hedonistisch-subversiven Klima West-Berlins stolzierte er im Anzug durch die alternative Szene und wilderte im selbstzerstörerischen Punk, als in den USA mit dem Straight Edge Hardcore bereits dessen puritanisch-moralische Variante entstanden war. Als er neue Dogmen der Political Correctness witterte, delektierte er sich an dummdreisten Machosprüchen und kryptorassistischen Slogans, deren eigentliche Stoßrichtung letztlich diffus blieb. Moralisch war er insofern, als er auf seine Umwelt reagierte, doch amoralisch, insofern seine Reaktion stets auch Resignation war. Mit dilettantischen und kalauerigen Performances, Gemälden, Collagen, Plakaten, Skulpturen, Assemblagen, Installationen und Konzerten verwurstete er die Absurdität seiner Zeit zu einer überbordenden Dauerperformance – allerdings ohne dieser Absurdität etwas anderes entgegenzusetzen als wiederum Absurdität.

Kippenberger lebte den Nihilismus, die Hilflosigkeit, den Zynismus und den saturierten Irrsinn der Medien- und Konsumkultur des späten 20. Jahrhunderts, anstatt sie nur zu er leben. Bazon Brock bezeichnete ihn 1986 luzide als "Bildjournalisten der sozialen Wirklichkeit" jenseits der verkunsteten Künste. Er vergaß hinzuzufügen: Dieser Journalist war bereits embedded.

Vorbei war die Ära, da Künstler wie Joseph Beuys oder Pablo Picasso sich politischen Parteien anschlossen und sich als Fackelträger gesellschaftlicher Erneuerung anboten. Die letzten genuinen Avantgarden waren in den siebziger Jahren erblüht. Danach setzte jener vielstimmige Epilog ein, dessen Wortführer Kippenberger zunächst in Westdeutschland und seit den 1990er Jahren auch auf dem internationalen Kunstmarkt werden sollte.

Abgesehen vom Anti-Apartheid Drinking Congress (1986) in Edinburgh, ist Kippenbergers Werk bemerkenswert frei von kritischen Stellungnahmen – es sei denn, man wollte die prolongierte Kindheit des Künstlerdaseins im Sinne Jonathan Meeses als implizite Kulturkritik werten. Doch das wäre überinterpretiert. Kippenberger stopfte sich mit Junkfood voll und hatte weder Illusionen noch Visionen. Er malte lieber Bilder, deren Titel zugleich ihre Auslegung waren – etwa Null Bock auf Ideen ( 1982-83).

Leserkommentare
  1. Ja, Kippi war all das. Aber: Na und?

    Der Artikel lässt doch das vermissen, was er angeblich sein soll, nämlich eine Art zusammenfassende Bewertung oder ein Resümee des aktuellen Stellenwertes von Kippenberger in der Kunst. Ich denke, der Wert seiner Arbeit liegt dabei oft mehr im Operationalen, das soll heißen, wie kann man was machen, womit kann man dabei durchkommen und wenn kann man dafür interessieren. Man muss sich da machnmal nicht bei aufwändigeren Bildbetrachtungen verkünstelt. Das muste man aber auch schon zum Enstehungszeitpunkt.

    Ein 2. Aspekt sind seine Plastiken und Installationen, die sind nach wie vor radikal und super.

    Reicht das für den Großmeisterstatus? Keine Ahnung. Aber es reicht dazu, heutige Künstler weiter zu interessieren und auch zu beeinflussen. Immerhin, das können nicht viel von sich sagen.

    PS: Gibt es eigentlich Zeit-Journalisten, die "die Welt verändern wollen"? Warum sollte das dann ein Künstler wollen oder wollen müssen? Das mieft doch selber arg nach 70ger Standards und der Frage nach der "gesellschaftlichen Relevanz" (gähn).

    3 Leserempfehlungen
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    Ohne die Millionen seiner spießbürgerlichen Sammler und Kunsthändler würden wir den Namen Kippenberger heute nicht mehr kennen. Seine Plastiken, Installationen und Bilder sind fast alle 'zweiter Aufguss' und funktionieren nur, weil die Betrachter, die Ausstellungsmacher oder die Kunsthändler keine Bildung haben oder unwissend tun. The Show must go on!

    Es sind immer die gleichen Strategien des Marktes und der Ausstellungsmacher, die schon beim Machen von Schlingensief, Meese und Ai Wei Wei eingesetzt wurden. Und sie funktionieren noch immer.

    So macht man als Ausstellungsmacher Karriere und als Kunsthändler Millionen. Und das kleinbürgerliche Publikum bekommt endlich einen Künstler vorgesetzt, den es sich immer so vorgestellt hat. Lacht ein wenig über diese Art der Unterhaltung und braucht nicht weiter nachzudenken.

    Der Kunstkritiker und Kunstwissenschaftler Jörg Scheller stört da nur mit seiner sehr durchdachten Kritik!

    • jqqg
    • 01. März 2013 13:53 Uhr

    @BPecuchet
    sagt richtig daß das, was Kippenberger ausmacht, eben sein enormer Einfluss auf die aktuell arbeitende Künstlergeneration ist. Dies lässt sich nicht leugnen und letztlich sind da die Künstler als Gradmesser um einiges präziser als es z.B. Marktpreise sind. Hoch gehandelte Künstler gibt es viele. Aber nicht alle schaffen einen derart produktives 'Nachleben' in der folgenden Generation zu haben.

    @Mari o
    Ob das weg kann? Oh je oh Mario. Kippenbergers Werk ist schon viel zu sehr mainstream, es ist seit Jahren nicht mehr wegzudenken. Zu spät, das kann nicht mehr weg.

  2. Ohne die Millionen seiner spießbürgerlichen Sammler und Kunsthändler würden wir den Namen Kippenberger heute nicht mehr kennen. Seine Plastiken, Installationen und Bilder sind fast alle 'zweiter Aufguss' und funktionieren nur, weil die Betrachter, die Ausstellungsmacher oder die Kunsthändler keine Bildung haben oder unwissend tun. The Show must go on!

    Es sind immer die gleichen Strategien des Marktes und der Ausstellungsmacher, die schon beim Machen von Schlingensief, Meese und Ai Wei Wei eingesetzt wurden. Und sie funktionieren noch immer.

    So macht man als Ausstellungsmacher Karriere und als Kunsthändler Millionen. Und das kleinbürgerliche Publikum bekommt endlich einen Künstler vorgesetzt, den es sich immer so vorgestellt hat. Lacht ein wenig über diese Art der Unterhaltung und braucht nicht weiter nachzudenken.

    Der Kunstkritiker und Kunstwissenschaftler Jörg Scheller stört da nur mit seiner sehr durchdachten Kritik!

    2 Leserempfehlungen
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    Herr Scheller hat zu viel Lust, ALLES an Herrn Kippenberger schlecht zu machen. Solche Kritiken sagen dann leider doch mehr über den Kritiker aus als über den Künstler und sind daher nicht wirklich ernst zu nehmen. Schade.

    • Mari o
    • 01. März 2013 0:45 Uhr

    ja genau,man fragte sich:Was will der denn noch?Polke,Richter
    gabs doch auch schon,und die sahen auch schon damals alt aus.
    Beuys war auch nicht mehr charismatisch.Aber das war die westdeutsche Szene und da dacht dass das Kunst sei und da wollte er adabei sein,was ihm aufgrund seines großartigen Auftretens,und das ist es was zählt,auch gelang;und im übrigen bestand doch seine Kunst darin originelle Titel zu ersinnen.Im Nachhinein alles überflüssiges Zeugs und kann weg

    Eine Leserempfehlung
  3. "... denjenigen Aspekt des Alterns zu erleben, den der Philosoph Gilles Deleuze als den wertvollsten ansah: den Übergang in ein Stadium reinen, nicht länger ziel- und zweckgerichteten Seins."

    Hallo, Jörg Scheller

    Aus welchem Werk von Deleuze ist das? Gibt es eine Stellenangabe dazu? Hilfe zum Nachschlagen wäre prima!

    Mfg, Daniel F R

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    Redaktion

    Lieber DanielFR,

    vielen Dank für Ihr Interesse. Jörg Scheller lässt ausrichten:

    "Die Deleuze-Paraphrase bezieht sich auf die Interview-Reihe 'Abécédaire: Gilles Deleuze von A bis Z', Zweitausendeins, DVD, 2004 (die Äußerungen über das Alter und das 'reine Sein' auf DVD 2, gegen Ende)"

    Beste Grüße aus der Redaktion!

  4. Man kann doch Kippenberger nicht ernsthaft vorwerfen, dass er nicht in eine Partei eingetreten ist, oder dass er auf seine konsumorientierte Zeit mit Zynismus und einer eigenen Art von Hedonismus reagiert hat.

    Vielleicht war der Mann ein Komiker, aber er hat sein Handwerk beherrscht. Seine Bilder und Objekte sind ein Feuerwerk von Esprit.

    Aber der Job des Kunstkritikers ist es ja, niederzumachen. Zu sagen, wer von Kippenbergers Zeitgenossen ein wahrer Künstler war, das trauen Sie sich natürlich nicht.

    2 Leserempfehlungen
  5. koche guten kaffee, rauche viel, weil ich endlich nicht mehr gesund sein muss und verknüpfe alle mit allem...
    danke herr scheller

  6. Herr Scheller hat zu viel Lust, ALLES an Herrn Kippenberger schlecht zu machen. Solche Kritiken sagen dann leider doch mehr über den Kritiker aus als über den Künstler und sind daher nicht wirklich ernst zu nehmen. Schade.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Junkfood!"
  7. Redaktion

    Lieber DanielFR,

    vielen Dank für Ihr Interesse. Jörg Scheller lässt ausrichten:

    "Die Deleuze-Paraphrase bezieht sich auf die Interview-Reihe 'Abécédaire: Gilles Deleuze von A bis Z', Zweitausendeins, DVD, 2004 (die Äußerungen über das Alter und das 'reine Sein' auf DVD 2, gegen Ende)"

    Beste Grüße aus der Redaktion!

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