DIE ZEIT: Herr Geißler, ist Stuttgart 21 tot?

Heiner Geißler: Das weiß ich nicht. Aber ich glaube, dass Stuttgart 21, so wie es jetzt geplant ist, keine Chance mehr hat.

ZEIT: Mit anderen Worten: Stuttgart 21 ist tot.

Geißler: Nein, das sage ich nicht. Aber die Deutsche Bahn und der Bund als ihr Eigentümer müssen andere Konzepte endlich ernsthaft prüfen lassen. Das ist ja bislang nie geschehen. Stattdessen hält die Bahn weiter am Alles-oder-nichts-Prinzip fest: Entweder sie baut, oder es passiert gar nichts. Dieser Alternativradikalismus ist überholt. Die Zeit der Basta-Beschlüsse ist vorbei.

ZEIT: Was schlagen Sie vor?

Geißler: Am Ende der Schlichtungsgespräche, im Herbst 2010, habe ich zusammen mit dem renommierten Schweizer Ingenieurbüro SMA einen Kompromiss vorgeschlagen: einen Tiefbahnhof mit vier statt mit acht Gleisen für den Fern- und Flughafenregionalverkehr und einen verkleinerten Kopfbahnhof für den Nahverkehr. So macht man es in Zürich. Eine Kombination aus oben und unten. Ich glaube bis heute, dass diese Kompromisslösung eine Prüfung verdient hat.

ZEIT: Damals ging die Bahn nicht auf Ihren Vorschlag ein. Warum sollte sie es jetzt tun?

Geißler: Weil die Zweifel an Stuttgart 21 wachsen. Und weil dieser Kombi-Bahnhof auf jeden Fall billiger wäre. Nach den Berechnungen der SMA würden sich die Kosten um 1,5 bis 2 Milliarden Euro reduzieren.

ZEIT: Aber auch dann müssten Tunnel gebaut werden mit allen damit verbundenen Risiken.

Geißler: Es stimmt, im Eisenbahnbau gibt es nichts Kostspieligeres als Tunnels. Aber statt 52 Tunnelkilometern wie bei Stuttgart 21 müssten für den Kombi-Bahnhof nur 26 Kilometer gegraben werden. Das macht ihn billiger.

ZEIT: Für den Kombi-Bahnhof gibt es keine Planfeststellung. Sollte er kommen, könnte 10, 15 Jahre lang erst mal gar nichts gebaut werden.

Geißler: Natürlich würde ein alternatives Konzept länger brauchen, bis es realisiert ist. Aber auch Stuttgart 21 verzögert sich und wird viel später fertig als geplant. Das Zeitproblem ist überwindbar.

ZEIT: Die Gegner von Stuttgart 21 wollen den alten Kopfbahnhof lediglich instand setzen. Das ginge schneller.

Geißler: Auch diese Alternative sollte geprüft werden. Nur wären wir dann wieder am Punkt null angelangt. Dann hätten wir bis zu zwei Milliarden Euro ausgegeben und nichts dafür bekommen. Das erscheint mir nicht besonders sinnvoll.

ZEIT: Die Projektgegner rechnen mit einem Bruchteil der Ausstiegskosten, mit denen die Bahn kalkuliert. Wer hat recht?

Geißler: Während der Faktenschlichtung haben drei Wirtschaftsprüfungsgesellschaften die Ausstiegskosten überprüft und sie mit 500 Millionen bis 1,5 Milliarden berechnet.

ZEIT: Sollen die Bauarbeiten am Stuttgarter Hauptbahnhof jetzt so lange ruhen, bis alle Alternativen durchgerechnet worden sind?

Geißler: Die Baustelle ruht ja heute schon weitgehend. Und zum Teil sind die Tunnels, die zum Beispiel für den Kombi-Bahnhof notwendig sind, identisch mit den Tunnels von Stuttgart 21. Man könnte also gewisse Arbeiten weiterführen.