Deutschland streitet über das Sitzenbleiben – endlich! Nicht nur folgenlos auf Lehrerkonferenzen, auf Schulhöfen oder in den Familien, sondern auch dort, wo über solche Fragen entschieden wird: in der Politik.

Auslöser ist der Plan der neuen rot-grünen Koalition in Niedersachsen, die Nichtversetzung leistungsschwacher Schüler abzuschaffen.

"Bildungspolitischer und pädagogischer Populismus" sei das, kritisiert Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU). Das Wiederholen von Schuljahren sei "verschwendete Lebenszeit", kontert seine nordrhein-westfälische Amtskollegin Sylvia Löhrmann (Grüne).

Dieser Streit lohnt sich, denn er geht darum, in welchem Klima unsere Kinder aufwachsen.

Wollen wir, dass ein Zwölfjähriger Angst haben muss, seinen Eltern zu beichten, dass er sitzen bleibt? Dass über ihn getuschelt wird: "Das ist ein Sitzenbleiber." In der alten Klasse, in der neuen Klasse, im Sportverein, in den Familien seiner Mitschüler? Wollen wir, dass ein Schüler ein Jahr lang das komplette Programm wiederholen muss, obwohl er nur in zwei oder drei Fächern nicht die erforderliche Leistung erbracht hat? Nein, das kann man nicht ernsthaft wollen. Und deshalb gehört jetzt in allen Bundesländern das Thema Sitzenbleiben auf die Tagesordnung der Politik.

Dieses Thema betrifft viele Schüler: Jeder vierte Fünfzehnjährige ist im Laufe seiner Schulzeit mindestens einmal sitzen geblieben. Dass dies kein Naturgesetz ist, zeigen Länder wie Großbritannien und Finnland, die ohne eine solche Zwangsmaßnahme auskommen; leistungsschwache Schüler erhalten innerhalb und außerhalb der Schulzeit Nachhilfeunterricht.

Die Verantwortung für die Leistung eines Schülers liegt beim Lehrer

Zudem ist das Sitzenbleiben teuer, verursacht Kosten von einer knappen Milliarde Euro pro Jahr. Wenn es denn etwas nützen würde, dann wäre das Geld ja gut angelegt. Aber es nützt wenig. Zwar steigern Sitzenbleiber in der neuen Klasse zu Beginn ihre Leistungen. Dieser Effekt verpufft aber nach einer Weile. Wenn man immer wieder von erfolgreichen Sitzenbleibern hört, denen der "Warnschuss" nicht geschadet habe, dann muss man sich auch eine größere Gruppe von Gescheiterten und Gedemütigten dazudenken, die nicht in die Öffentlichkeit drängen.

Vor allem aber sollten wir uns langfristig vom Sitzenbleiben verabschieden, weil an unseren Schulen ein anderer Geist einziehen muss. Das Sitzenbleiben als pädagogische Zwangsmaßnahme ist Ausdruck einer Mentalität, nach der die Lehrer die Stöckchen hochhalten, über welche die Schüler zu springen haben. Von einigen Gymnasiallehrern hört man, dieser oder jener Schüler gehöre nicht hierher. Oder auch, dass die Lehrer den Unterrichtsstoff bereitstellten und die Schüler dann fürs Lernen zuständig seien.

Sicher muss sich der Nachwuchs beim Lernen anstrengen, sicher sind auch die Eltern in der Pflicht, aber die Verantwortung für die Leistung eines Schülers liegt nicht zuletzt beim Lehrer. Vielleicht sogar zuerst. Er muss sich in seiner Berufsehre gekränkt fühlen, wenn er dieser Verantwortung nicht gerecht wird. Viele Pädagogen messen sich schon an diesem Anspruch, Allgemeingut ist er jedoch noch lange nicht.

Wer diesen neuen Geist in die Schulen bringen will, in denen das Sitzenbleiben keinen Platz mehr hat, der muss allerdings mit anderen Mitteln dafür sorgen, dass keine Abstriche an der Leistung gemacht werden; sonst wird dieses Vorhaben scheitern. Das Aufgeben des Sitzenbleibens darf auf keinen Fall – wie die Gesamtschulbewegung in den siebziger Jahren – in ein Laisser-faire münden, für das Deutschland mit Pisa die Quittung erhalten hat.