DIE ZEIT: Herr Bisky, gegen Ihren alten Freund Gregor Gysi wird wegen uneidlicher Falschaussage ermittelt, weil er behauptet, nie wissentlich der Stasi berichtet zu haben. Glauben Sie ihm das?

Lothar Bisky: Gestatten Sie mir, dass ich Gregor Gysi vertraue. Ich habe ihn erst spät, im Herbst 1989, kennengelernt. Da ging ihm schon der Ruf voraus, ein guter Anwalt auch für Systemgegner zu sein. Diesen Ruf habe ich nie widerlegt gefunden. Natürlich hat der mit vielen Menschen gesprochen – der kann doch gar nicht den Mund halten! Der hat über seine Prozesse gesprochen, und in seinem Anwaltsbüro saßen auch viele, die dem System Mitteilung zu machen hatten. Dass er willentlich mit der Stasi gesprochen hat, wage ich zu bezweifeln – ich kann es aber auch nicht widerlegen, denn die war überall.

ZEIT: Konnte man Teil der DDR-Elite sein und mit einem diktatorischen System kooperieren, ohne sich moralisch zu kompromittieren, so wie Gysi das für sich behauptet?

Bisky: Nicht jeder, der in der DDR gelebt hat, war ein Schuft. Man hatte eine Wahl.

ZEIT: Gysi hat stets bestritten, dass er IM Notar ist. Es handele sich dabei gar nicht um eine Person, sondern um eine Aktensammlung, Nun sind Dokumente aufgetaucht, wonach IM Notar mit einer Münze ausgezeichnet wurde. Eine Akte würde keine Münze bekommen, oder?

Bisky: Es gab zahllose Vorwürfe gegen Gysi, Hunderte von Leuten fahnden seit Jahrzehnten nach ihm, bislang ist nichts bewiesen. Ich vertraue Gysi nach wie vor mehr als Stasi-Akten. Ich habe als Mitglied des Stolpe-Untersuchungsausschusses gelernt, auch im Umgang mit solchen Akten vorsichtig zu sein. Mandantenverrat traue ich Gysi absolut nicht zu.

ZEIT: Sie selbst sind, was die wenigsten wissen, gebürtiger Wessi. Mit 18 Jahren sind Sie freiwillig in die DDR gegangen. Wie kam das?

Bisky: Ich war Kriegskind, Flüchtling aus Hinterpommern in Schleswig-Holstein. Meine Eltern waren arm und haben sich obendrein noch scheiden lassen. Ich war auf dem Gymnasium in Rendsburg, musste nebenbei aber als Landarbeiter arbeiten. Da bekam ich einen Blick für die Unterschiede in dieser Gesellschaft! Ich las begeistert das Kommunistische Manifest, kannte es auswendig. Sobald ich achtzehn wurde, habe ich meinen Beutel gepackt und bin in Priwall bei Lübeck über die Grenze. Ich bin buchstäblich unter dem Zaun durchgekrochen

ZEIT: Empfing man Sie mit offenen Armen?

Bisky: Nein, mit MGs. Zwei Herren kamen sehr eilig heran. "Mitkommen!" hieß es, und man verfrachtete mich ins Aufnahmelager nach Schönberg. Da waren noch ein paar andere aus dem Westen. Zwei andere Herrn mit Schlips haben mich den ganzen Tag lang ausgefragt – konnte ich auch verstehen, diese Fluchtrichtung war nicht alltäglich. Nach zwei Wochen fragten sie mich, wo ich denn überhaupt hinwollte. Ich kannte keinen Menschen in der DDR. Da hab ich Leipzig gesagt. Ich kam aber nach Altenberg in Sachsen, zum Arbeiten als Pressenreiniger im Tierverarbeitungswerk Rositz.

ZEIT: War die DDR das Land Ihrer Träume?

Bisky: Nein. Ich war theoretischer Kommunist. Ich hatte ein paar romantische Bücher über die Sowjetunion gelesen. Nun war ich Arbeiter in der sozialistischen Produktion. Ich bin vor Heimweh fast umgekommen. Aber ich habe mir gedacht, du kannst jetzt nicht abhauen. Man kann doch nicht täglich die Systeme wechseln!

ZEIT: Was haben Sie am Westen vermisst?

Bisky: Den Wind. Sachsen ist windstill. Ich bin an der Waterkant groß geworden. Aber ich war eben Sozialist. Ich wollte nicht von der Fahne gehen. Also bin ich von meinen Westbesuchen immer wieder zurückgekehrt. Hab mich durchgebissen. Wo mein Koffer stand, war ich zu Hause.