BürgerrechtsbewegungDie Wut der Nina Simone

Von Johann Sebastian Bach zu Martin Luther King: Nina Simone wurde die Stimme der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Zum 80. Geburtstag der militanten Sängerin ein Porträt. von 

Nina Simone im Jahr 1968

Nina Simone im Jahr 1968  |  © Getty Images

Klavier, Schlagzeug, Bass, Gitarre. Die Musik tänzelt auf der Stelle wie ein Boxer vor dem Angriff. »The name of this tune is ›Mississippi Goddam‹«, spricht Nina Simone ins Mikrofon, »and I mean every word of it.« Dann beginnt sie zu singen und meint jedes Wort. »Alabama’s got me so upset, / Tennessee made me lose my rest / And everybody knows about Mississippi goddam!« Der Song klingt wie eine Mischung aus Revuenummer, Gospel und Dreigroschenoper; Nina Simones Stimme ist voller Sarkasmus und Witz, voller Zorn und Anklage. Das »goddam« stößt sie wütend hervor. Mississippi, gottverdammt!

Jeder weiß, wovon sie singt, an jenem 21. März 1964 in der New Yorker Carnegie Hall, wovon das Lied handelt, das sie im September 1963 geschrieben hat, kurz nach Martin Luther Kings berühmter Rede »I have a dream«. Und jeder weiß: Nina Simones Verse sind kein Widerhall von Kings hoffnungsvollen Worten. Sie erzählen vom ganz realen amerikanischen Albtraum.

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1963, das große Jahr der Bürgerrechtsbewegung mit dem legendären March on Washington, war ein Jahr der Gewalt. Everybody knows about Mississippi: In der Nacht auf den 12. Juni 1963 erschießt ein weißer Attentäter in Jackson, Mississippi, den afroamerikanischen Aktivisten Medgar Evers. Der Mörder wird freigesprochen; vor Gericht reicht ihm der Gouverneur des Bundesstaates die Hand. Tennessee made me lose my rest: Im Mai des Jahres feuern Rassisten auf einen schwarzen Bürgerrechtler in Nashville, im Juni wird ein Aktivist in Chattanooga auf offener Straße zusammengeschlagen. Alabama’s got me so upset: Am 15. September 1963 explodiert in der 16th Street Baptist Church in Birmingham, Alabama, eine Bombe des Ku-Klux-Klans. Vier Mädchen, die den Bibelunterricht in der Kirche besucht haben, eines elf, die anderen 14 Jahre alt, sind auf der Stelle tot – Denise McNair, Cynthia Wesley, Carole Robertson und Addie Mae Collins.

Als Nina Simones Ehemann und Manager Andy Stroud an diesem Tag nach Hause kommt, findet er seine Frau in einem Zustand völliger Verstörung. Mit wirrem Blick sitzt sie im Wohnzimmer inmitten von Werkzeugen und Metallschrott, den sie aus dem Keller geholt hat, um sich eine Pistole zu basteln. »Ich hatte vor, loszugehen und jemanden umzubringen«, schreibt sie in ihrer Autobiografie Meine schwarze Seele, »wen, wusste ich nicht, aber irgendjemanden, der offensichtlich dem Ziel im Weg stand, dass meinem Volk zum ersten Mal seit 300 Jahren Gerechtigkeit widerfahren konnte.« Andy, ein ehemaliger New Yorker Polizist, habe sie angesehen und dann mit ruhiger Stimme gesagt: »Nina, du verstehst doch überhaupt nichts vom Töten. Du hast doch nur die Musik.«

Eine Stunde später verlässt sie die Wohnung mit den Noten zu Mississippi Goddam. Das Lied »war schneller aus mir herausgebrochen, als ich es aufschreiben konnte«. »You don’t have to live next to me / Just give me my equality«, heißt es zornig in der letzten Strophe. Am 15. September 1963 begriff Nina Simone, dass ihre Musik eine Waffe war und dass sie sie benutzen musste.

Die nächsten sieben Jahre ihres Lebens widmet sie dem Freiheitskampf, und Mississippi Goddam, dieser stolze Wutausbruch von einem Song, wird zu einer Hymne des Civil Rights Movement. Zugleich macht er den Auftakt zu Nina Simones Weltkarriere, denn ausgerechnet dieses Protestlied ist es, das den Chef von Philips Records dazu bewegt, sie 1963 nach einem Konzert im New Yorker Village Gate in der Garderobe aufzusuchen und unter Vertrag zu nehmen. Die LP In Concert, auf der die Live-Aufnahme vom März 1964 erscheint, ist das erste Album, das sie für das internationale Label einspielt.

Dabei hatte doch alles ganz anders kommen sollen. Immer wieder in ihrem Leben erreichte Nina Simone Dinge, die sie gar nicht angestrebt hatte. Und immer wieder blieb ihr die Erfüllung lang gehegter Wünsche und Hoffnungen verwehrt.

Am 21. Februar 1933, vor genau 80 Jahren, kommt sie in Tryon City, einer Kleinstadt in North Carolina, zur Welt. Ihre Eltern, die Waymons, taufen sie auf den Namen Eunice Kathleen. Sie ist das sechste Kind, zwei weitere Geschwister folgen, und wie alle Waymon-Kinder wächst sie in dem Glauben auf, dass Glück und Erfolg jedem offenstehen, der brav und gottesfürchtig ist, fleißig und bescheiden. Dass sie in einem Land lebt, in dem auch die Hautfarbe darüber entscheidet, kommt ihr nicht in den Sinn.

Die kleine Eunice gilt als Wunderkind. Mit drei spielt sie nach Gehör auf dem Klavier. Sie begleitet die Gottesdienste in der Methodistenkirche, wo ihre Mutter predigt. Sie lernt geistliche Lieder und improvisiert zu den Gospel-Ekstasen in der Holiness-Church. Doch für Klavierstunden fehlt das Geld. Ein Jahr lang bezahlt eine weiße Dame aus Tryon, für die Eunice’ Mutter den Haushalt macht, den Unterricht – bei »Miz Mazzy«, die so fasziniert ist von ihrer neuen Schülerin, dass sie einen Spendenfonds einrichtet, um dem begabten Kind die Ausbildung zu finanzieren.

Leserkommentare
    • Buria
    • 02. März 2013 11:59 Uhr

    Sie wird ihren Platz im Himmel haben, wo immer der auch sein mag.

    2 Leserempfehlungen
  1. ...über diese fantastische Frau und Musikerin. Ob durch "go limp", "love me or leave me", "mississippi goddam", "feeling good" oder eines der vielen, vielen anderen großartigen Stücke, sie hat es immer geschafft, mich zu berühren, zu ermuntern und aufzuwecken. Wir gern hätte ich sie live gesehen...

    3 Leserempfehlungen
    • TeCe
    • 02. März 2013 14:52 Uhr

    Von mir auch vielen Dank für den klasse Artikel.
    'Funkier than a Mosquito's Tweeter' von 'It Is Finished' ist eines meiner absoluten Lieblingsstücke. Kann ich nur jedem empfehlen!

    3 Leserempfehlungen

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  • Schlagworte Sänger | Nina Simone | Bürgerrechte | Protest | USA
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