Joachim GauckSo lächelt doch, ihr Bürger!

Der Bundespräsident fürchtet, im Amt zu verschwinden – doch eher verschwindet das Amt.

Für einen Mann, dessen großes Thema die Freiheit ist, bedeutet das Amt des Bundespräsidenten eigentlich eine Zumutung. Denn er ist eine hochgradig fremdbestimmte Person. Er muss zu unzähligen Anlässen Reden halten, bei denen er weder besonders originell noch besonders eigen sein kann. Er hat keine Funktion im operativen politischen Geschäft. Er darf nur reden, ja er muss es, weil nur das Wort ihm die Chance eröffnet, sich bemerkbar zu machen. Doch wenn der Bundespräsident die Gelegenheit findet, ungezwungen und mit Interesse über eine Sache zu sprechen, kann er leicht mit den präsidialen Konventionen in Konflikt geraten. Denn seine Sätze sollen nicht nur groß, wegweisend, vielleicht sogar unerhört sein, sie sollen auch immer die Grenzen des Amtes respektieren und der eigentlichen Politik nicht zu nahe treten. Es ist ein paradoxes Raster, in dem ein Bundespräsident sich bewegt.

Das wird geradezu sinnfällig, wenn man einmal die Gelegenheit hatte, Gauck im Schloss Bellevue anzutreffen. Inmitten der Würde seines Amtszimmers erlebt man einen Präsidenten, dessen zwanglose, direkte und neugierige Art die erhabene Atmosphäre des Ortes angenehm bricht. In seinem offiziellen Ambiente wirkt Gauck wie ein Flaneur in fremder Umgebung.

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Dazu passt die Geschichte, wie der Präsident im Sommerinterview 2012 mit dem ZDF diesen eher harmlosen Satz über die Kanzlerin gesagt hat und was daraufhin losgebrochen ist: Gauck hatte Angela Merkel nach dem Karlsruher Urteil zum Europäischen Stabilitätsmechanismus aufgefordert, den Deutschen nun wirklich einmal zu erklären, was es mit dem komplizierten europäischen Finanzkonstrukt auf sich habe. Das war als Affront eines Verfassungsorgans gegen ein anderes interpretiert worden und – nach der Vorgeschichte seiner Nominierung – als ein Affront Gauck gegen Merkel. Schließlich hatte ihn die Kanzlerin als Präsidenten verhindern wollen. Seither werden alle seine Worte, die sich mit ihr beschäftigen, skeptisch beäugt.

Die Kritik an seiner Äußerung hat Gauck abgehakt. Erschreckt hat ihn wohl eher, was sie ihm signalisierte: den engen Spielraum, den er nun haben würde. Vielleicht hat er seinerzeit zum ersten Mal begriffen, wie anstrengend es werden wird, das Amt auf seine Weise auszufüllen, selbstbewusst, authentisch und möglichst spontan. Inzwischen hat er gelernt: "Als Präsident stellt sich immer die Frage, was ist ein Impuls, dem man nachgeben kann, und was wäre eine Übergriffigkeit, die sich mit dem Amt nicht verträgt?"

Fast ein Jahr ist Joachim Gauck nun Bundespräsident. Als er es wurde, war das Amt auf den Hund gekommen. Seine beiden Vorgänger waren zurückgetreten, Horst Köhler im Frust, Christian Wulff, weil die Staatsanwaltschaft gegen ihn ermittelte. Damals wurde schon gewettet, die ehrwürdige Institution werde sich von diesem Doppelschlag nicht mehr erholen. Mit Gauck ist das Amt wieder da. Allein das würde als Bilanz seiner Präsidentschaft fast schon genügen. Doch natürlich will er mehr.

Kurz vor seinem ersten Amtsjubiläum hat Gauck eine programmatische Rede zu Europa angesetzt. Die Kanzlerin hat ihm allen Raum dafür gelassen. Sie muss bei jedem Satz, den sie zu Europa spricht, an die Krisenländer, die Märkte und an die Bundesrepublik denken. Der Präsident kann sich auf seine Deutschen konzentrieren. Einfach ist auch das nicht – bei einem Thema, bei dem die einen meinen, nichts sei erklärt, und die anderen, alles sei längst gesagt.

Gauck weiß, dass "zu viel Vereinfachung beim Thema Europa Frustration" erzeugt. Man darf deshalb vermuten, dass er die Standardformel zur Krise – "mehr Europa wagen" – für nicht mehr hinreichend hält, den künftigen Weg der EU zu beschreiben.

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