Lange Tradition, ein glanzvoller Name: Das nützt einem Unternehmen wenig, wenn die ganze Branche auf den Kopf gestellt wird. Wenn der Markt schrumpft und am Ende sogar der Eigentümer die Lust verliert. Das geschah dem Bielefelder Mittelständler Dürkopp Adler im Jahr 2005. Nach zwei Rationalisierungswellen hatte bei dem über 150 Jahre alten Nähmaschinenhersteller jeder zweite Beschäftigte seinen Job verloren. Der Automobilzulieferer Schaeffler, dem das Unternehmen zuletzt gehörte, wollte die Tochtergesellschaft nur noch loswerden.

In der Branche galt es als Wunder, dass sich ein Investor fand, dazu einer aus dem Geschäft selbst: Das Firmenkonglomerat SGSB aus Shanghai, das selber Nähmaschinen produziert, schlug ein. Und Dürkopp Adler wurde einer der ersten deutschen Mittelständler in der Hand von Chinesen.

Doch dann kamen gleich die bangen Fragen: Würden die Chinesen die Technologie und die Patente mitnehmen und Dürkopp-Adler-Maschinen im Fernen Osten fertigen? Oder war es sogar ein Beleg für den Verdacht, dass die Chinesen nur die Blaupausen der deutschen Industrie einkassieren und sie dann nachbauen?

Heute kaufen die Chinesen tatsächlich viele deutsche Unternehmen, 2012 zum Beispiel den schwäbischen Pumpenbauer Putzmeister. In der Politik ist der Kaufrausch erwünscht. Die Chinesen haben sich in ihrem aktuellen Fünfjahresplan vorgenommen, ihre Industrie durch Zukäufe bei Mittelständlern mit Spitzentechnologie zu stärken: 50 der 500 weltgrößten Unternehmen sollen 2015 unter chinesischer Führung laufen. Und erst kürzlich sagte Wirtschaftsminister Philipp Rösler: "Wir wollen mit dem Vorurteil aufräumen, dass chinesische Investitionen hier schädlich wären. Das Gegenteil ist der Fall." Der Fall Dürkopp Adler spricht bisher dafür, dass die Liaison gut gehen kann. Der Maschinenbauer ist wieder gesund – und er fertigt am alten Standort. Und die Mitarbeiter, die gefürchtet hatten, nun müssten sie morgens zum Frühsport antreten und viel länger arbeiten, sind positiv überrascht.

5,6 Millionen Euro Gewinn erzielte die Firma im Jahr 2011. Der Umsatz von rund 90 Millionen Euro ist kontinuierlich gewachsen, während die Branche insgesamt schwere Zeiten durchmacht. "Die Übernahme hat sich von einem Angstszenario zu einem bestmöglichen Szenario entwickelt", sagt Vorstandschef Dietrich Eickhoff in bestem Business-Deutsch.

Ein bisschen Glück war auch dabei, weil die Firma vom globalen Erfolg der Autokonzerne profitiert, die Maschinen aus Bielefeld beziehen. Aber welchen Anteil hatten die Chinesen?

Die Zentrale, das ist ein Zweckbau aus den achtziger Jahren. In einem Besprechungsraum steht Betriebsratschef Klaus-Jürgen Stark Rede und Antwort: Seit die Chinesen die Firma übernommen haben, ist die Belegschaft um fast 600 Leute auf heute 1.200 geschrumpft. Eigentlich Horrorzahlen für einen Arbeitnehmervertreter, aber Stark findet, die Übernahme "war das Beste, das uns passieren konnte".

Um das zu verstehen, muss man drei Jahre zurückspulen zur großen Wirtschaftskrise des Jahres 2009. "Die haben zu uns gestanden", erinnern sich mehrere von Starks Kollegen, und sie meinen nicht etwa deutsche Geldhäuser oder Geldgeber, sondern nur die chinesische Mutter. "Banken oder ein deutscher Investor hätten uns den Hahn abgedreht", sagt ein Mitarbeiter stellvertretend für viele. Es stimmt ja auch: Als überall gespart wurde, pumpten die Chinesen dreizehn Millionen Euro nach Bielefeld und verzichteten außerdem auf Forderungen in etwa gleicher Höhe.