Doppelte Staatsbürgerschaft: Deutsch, jawoll!
Zwei Pässe? Lieber setzt Merkel türkische Familien unter Druck.
Angela Merkel ist eine kluge, weitgereiste Frau, sie hat gewiss weit mehr Menschen getroffen als unsereiner. Dennoch hat auch sie blinde Flecken, erfahrungsarme Zonen. Dazu gehört bei ihr das Leben der deutschen Migranten. Das ist nicht schlimm, niemand muss sich überall auskennen, es gibt auch keine Norm für das Migrantenkennerische. Aber wenn man sich nicht auskennt, könnte man sich zumindest mal erkundigen – bevor man verlautbart.
Vor gut zwei Jahren sagte, nein rief Merkel auf einem Parteitag zum Thema Multikulti: "Dieser Ansatz ist gescheitert, absolut gescheitert." Was natürlich Unfug ist. Das Neben- und Durcheinander der Kulturen ist in diesem Land mal gelungen und mal gescheitert, meist jedoch irgendwas dazwischen. Jedenfalls alles andere als "absolut".
Nun hat sich die Kanzlerin vermittels ihres Sprechers erneut geäußert. Der erklärte den Vorstoß eines FDP-Politikers für eine doppelte Staatsbürgerschaft für überflüssig: "kein Handlungsbedarf". Tatsächlich?
Nehmen wir als Beispiel ein typisches türkischstämmiges, in Deutschland lebendes Ehepaar, Mitte vierzig. Dessen Kinder sind gerade volljährig geworden und müssen sich laut geltendem Recht bis zu ihrem 23. Lebensjahr zwischen deutscher und türkischer Staatsangehörigkeit entscheiden. Nehmen wir weiter an, dass sich unser Ehepaar erfolgreich integriert hat, die Kinder sprechen perfekt Deutsch und mäßig Türkisch. Im Laufe der Jahre haben sich Eltern und Kindern entfremdet. Denn die Eltern können ihrem im deutschen Wohlstand groß gewordenen Nachwuchs nicht recht vermitteln, wie es früher war, arm in Anatolien. Die Kinder wiederum halten die Heimatgefühle ihrer Eltern womöglich für sentimental, ihr eigener Bezug zur Türkei ist dünn, was die Eltern kränkt.
Oder aber die Kinder, die sich in Deutschland selbstverständlich und selbstbewusst bewegen, fühlen sich von der Überangepasstheit ihrer Eltern abgestoßen und entwickeln aus Trotz eine etwas fadenscheinige, aber überintensive Heimatliebe zur Türkei, vielleicht werden sie fromm. Es geht bei alledem um Identität, Familie, Lebenssinn, Treue – eine heikle Mischung.
In all das wirft nun der deutsche Staat seinen Brandbeschleuniger hinein, indem er von den Kindern verlangt: Entscheidet euch! Verletzt die Herkunftsliebe eurer Eltern, indem ihr Deutsche werdet! Oder: Kränkt ihre Integrationsleistung, indem ihr den deutschen Pass wegwerft. Wie, Frau Merkel, würden Sie entscheiden?





Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren