Neun Jahre lang war Johannes Lackmann Präsident des Bundesverbands Erneuerbare Energie (BEE). In diesem Dachverband bündeln Solarunternehmen ihre Interessen und Anbieter von Biogas-, Geothermie- und Windkraftanlagen. Milliardenschwere Subventionen erkämpfte Lackmann für diese Branchen. Doch heute ist der 61-Jährige einer ihrer größten Kritiker.

Schon Ende 2007 trat Lackmann als Präsident des BEE zurück. Ein paar Jahre später gründete er eine Firma, mit der er heute Windparks mit Bürgerbeteiligung baut. Vor allem aber beschloss Lackmann damals, dem Verband "künftig vors Schienbein zu treten, wo es nur geht". Seither kritisiert er die Subventionen für erneuerbare Energien.

Anfang der Neunziger sah das noch anders aus. Da saß Lackmann in den Büros der Abgeordneten, die das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) schrieben: bei Hermann Scheer von der SPD, bei Hans-Josef Fell und Michaele Hustedt von den Grünen. Das Gesetz legt fest, dass jede Kilowattstunde Strom aus erneuerbaren Energien mit einer festen Summe vergütet wird. Bezahlt wird die Förderung über den Strompreis von den Verbrauchern.

Lackmann beriet die Abgeordneten, erklärte, warum Solaranlagen ineffizienter sind als Windkraftanlagen und wieso die Vergütung für Biomasse geringer sein sollte als für Wasserkraftwerke. "Man könnte sagen: Das war Lobbyarbeit. Ich sage: Das war Beratung, die notwendig war", verteidigt sich Lackmann. "Ich habe ja nicht den politischen Willen hintertrieben, sondern Informationen geliefert." Lobbyismus ist ein schmutziges Wort in Lackmanns Ohren. Er will nicht in einer Ecke stehen mit Leuten, die dafür bezahlt werden, die Interessen einer Industrie zu vertreten. Es war ihm wichtig, dass er die Präsidentschaft des BEE als Ehrenamt ausübte.

Erneuerbare Energie ist für ihn ein Lebensthema. Als Student baute er in den Siebzigern Sonnenkollektoren für das Dach seines Elternhauses bei Paderborn. Nach einem Ingenieurstudium in Bielefeld entwickelte er Computermonitore für Nixdorf. Wenig später plante er mit einem Paderborner Maschinenbauer seine ersten Windkraftanlagen.

Lackmanns Büro in einer umgebauten Scheune am Rand von Paderborn war vor über 20 Jahren Gründungsort und Zentrale des BEE. Als der Verband wuchs, pendelte Lackmann zwischen Paderborn und Berlin, um näher an den politischen Akteuren zu sein. Auf eigene Kosten stellte er zwei Mitarbeiter ein, als die Branche Milliardenumsätze erwirtschaftete und er die Arbeit allein nicht mehr bewältigen konnte. Heute sitzt der Verband in der Nähe der Berliner Friedrichstraße, einen Kilometer vom Reichstag entfernt. Lackmanns Büro in Paderborn sieht noch immer so aus, als hätten die Möbelpacker gerade das Haus verlassen: Ein großer Schreibtisch, die Wände vollgestellt mit Holzregalen, darin reihen sich Ordner mit handbeschriebenen Etiketten aneinander; es gibt zwei verschlissene Schreibtischstühle, keinen Sessel und kein Sofa.

Lackmann, kurze graue Haare, trägt Jeans. Er lehnt sich in einem der leise quietschenden Stühle zurück, legt den Kopf in den Nacken, nimmt seine Lesebrille mit den breiten roten Bügeln in die rechte Hand. Dann beginnt er zu erzählen: "Das EEG ist eine riesige Erfolgsgeschichte, ich hatte damals das Gefühl, tatsächlich etwas gestalten zu können. Wir wollten, dass jeder, der die Energiewende unterstützt, finanziell dafür belohnt wird. So haben wir es geschafft, dass sich Solar-, Windkraft- und Biogasanlagen in wenigen Jahren rasant weiterentwickelten."

"Plötzlich sollte er die Klappe halten und nicht mehr seine Meinung sagen"

Für Lackmann war das Gesetz eine Anschubfinanzierung. Technisch, sagt er, wäre es schon vor 50 Jahren möglich gewesen, Solaranlagen oder Windräder zu bauen. Aber die Politik habe diese Entwicklung damals nicht unterstützt. Lackmann, der Ingenieur, glaubt zu wissen, wie die Industrie tickt: "Ingenieure tüfteln nur dann an neuen Techniken, wenn sie unter Innovationsdruck stehen. Das EEG hat genau diesen Druck geschaffen." Durch das Gesetz sah Lackmann, der sich in den Achtzigern als Demonstrant vor dem Atomkraftwerk in Brokdorf mit Sprüchen wie "Atomkraftgegner überwintern bei Dunkelheit mit kaltem Hintern" verhöhnen lassen musste, eine Möglichkeit, den Atomkraftbefürwortern etwas entgegenzusetzen. Das EEG war für ihn eine Genugtuung. Und es löste einen der größten Industriebooms des vergangenen Jahrzehnts aus.