Genau das ist das zweite Ziel, das die EU-Kommission mit der Steuer verfolgt. Schon seit geraumer Zeit ist die Frage berechtigt, ob die Börsen ihre einst wichtigste Funktion – die Versorgung der Firmen mit Geld und die langfristige Beteiligung der Aktionäre an einzelnen Unternehmen – überhaupt noch erfüllen können oder ob nicht längst die pure Spekulation regiert. 1980 wurde eine Aktie in Deutschland durchschnittlich zehn Jahre lang gehalten, schon 2009 waren es nur noch sechs Monate. Aktuelle Zahlen liegen für die deutschen Märkte nicht vor, aus den USA wird allerdings berichtet, dass die im S&P-Index der 500 größten US-Unternehmen gehandelten Wertpapiere inzwischen im Durchschnitt alle fünf Tage vollständig ihren Besitzer wechseln. Aktienhändler in New York sprechen sogar von einer durchschnittlichen Haltedauer von nur noch 22 Sekunden. Devisengeschäfte sollen im 30-Sekunden-Takt ablaufen.

Verantwortlich für die fulminante Beschleunigung des Börsengeschäfts sind in erster Linie spezialisierte Hochgeschwindigkeitshändler, die mithilfe von Computerprogrammen in Sekundenbruchteilen Aktien, Anleihen oder Devisen kaufen und verkaufen und dabei aus kleinsten Preisdifferenzen Profite schlagen. Fundamentale Daten über den wahren Wert eines Wertpapiers – und damit über den Zustand des dahinter stehenden Unternehmens oder Landes – spielen für ihren Arbitragehandel praktisch keine Rolle mehr. Vor allem diesen Akteuren würde durch eine Steuer das Geschäft verdorben, weil schon eine kleine Abgabe die minimalen Preisunterschiede aufhebt, mit denen die Algorithmenhändler spielen. Das Handelsvolumen ginge zurück, das Börsengeschehen würde ruhiger.

Wirksam wäre eine Transaktionssteuer aber auch im Kampf gegen jene sogenannten Finanzinnovationen, die der legendäre Investor Warren Buffett einmal als "finanzielle Massenvernichtungswaffen" bezeichnet hat – darunter etwa Produkte wie die kaskadenartig verpackten US-Hypothekenkredite, die am Anfang der weltweiten Finanzkrise standen. Solche Produkte zu entwerfen würde sich weniger lohnen, weil mit ihnen weniger Geld zu verdienen wäre.

Mit alldem fällt die Antwort auf die Frage, wer die Lasten der Finanztransaktionssteuer vor allem zu tragen hätte, relativ eindeutig aus: Kleinanleger nur dann, wenn sie so spekulativ und kurzfristig handeln, wie es ihnen viele großen Akteure an den Börsen gegenwärtig vormachen. Ansonsten Finanzjongleure, Devisenspekulanten, Hedgefonds, Handelshäuser und die Börsenunternehmen selbst. Ihnen allen würden bisher lukrative Geschäfte etwas schwererfallen.

Volker Wissing und die FDP können also ruhig gegen die neue Steuer sein. Sie sollten dann allerdings deutlich machen, wem sie mit ihrem Nein wirklich helfen wollen.