Film "The Master"Wir kennen uns seit 1870

Das Duell der Großschauspieler: Joaquín Phoenix und Philip Seymour Hoffman suchen den unendlichen Rausch in Paul Thomas Andersons Film "The Master". von 

Neurologen haben festgestellt, dass ein Mensch, der ein Gewehr in der Hand hält, die Waffe als "Verlängerung" des eigenen Körpers wahrnimmt. Das hat erstaunliche Folgen. Wird der Arm des Waffenträgers von einem Schlag getroffen, empfindet der Getroffene geringeren Schmerz, als wenn er keine Waffe trüge. Legt er die Waffe ab, steigert sich der Schmerz im getroffenen Arm. Kurzum: Der Mensch, der die Waffe loslässt, erlebt eine symbolische Amputation. In ihm flammt Phantomschmerz auf.

Paul Thomas Anderson zeigt in seinem Film The Master, wie so ein Schmerz auf eine ganze Gesellschaft ausstrahlt. Der Amerikaner Freddie Quell kommt aus dem Pazifikkrieg zurück. Er gibt seine Waffen ab, aber das macht ihn nicht zum Zivilisten; stattdessen wird der ganze Mann zur Waffe. Freddie reist ins Hinterland und fängt als Zivilist neu an, sein Körper bleibt der eines Frontsoldaten.

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Im Krieg hat Freddie erfahren, dass nur den Geschichten zu glauben ist, die mit Gewalt enden, und so dürstet es ihn nach Streit, Rausch, Selbstauflösung. Ein posttraumatisches Nervenleiden attestiert ihm der Armeearzt, als Freddie in allen Figuren des Rorschachtestes nur Genitalien erkennt; von den Genitalien aber spricht er, als wären es Geschütze. Er hat etwas Graziöses, noch wenn er sich verletzt: ein Tänzer, der unfähig ist, seine Tänze in Frieden zu beenden. Er findet Ruhe nur im Sturz.

Der Regisseur Anderson (Magnolia, There Will Be Blood) kann sich an Freddies Zuständen nicht sattsehen. Er lässt den Freddie-Darsteller Joaquín Phoenix in langen, verzweifelt nach dem Oscar für die beste männliche Hauptrolle brüllenden 65-Millimeter-Einstellungen Glück suchen und nur Unglück finden.

Freddie steht grinsend am Strand, über eine Erektion gebeugt, in die Brandung masturbierend. Freddie legt sich zwischen die Schenkel einer Frauenskulptur, die Armeekameraden aus Sand geformt haben, und beginnt mit dem Liebesspiel. Später sieht man ihn in einer Gefängniszelle, die Hände hinter dem Rücken gefesselt, die Einrichtung mit Fußtritten zertrümmernd wie ein tollwütiger, immer noch virtuoser Capoeira-Tänzer.

Anderson zeigt die Raserei des Heimkehrers mit der Demut eines Naturfilmers, es ist, als träfe ein kleiner Taifun das Festland, und die Botschaft dieser Bilder ist klar: Der Aufschwung Amerikas in den fünfziger Jahren war nicht denkbar ohne seine heulenden, rasenden Kriegsveteranen. Ihr Furor und ihr Hunger sind in dem Land bis heute "aufgehoben".

Freddie, dem alles misslingt und der nicht mehr weit vom Suizid entfernt ist, begegnet nun dem Mann seines Lebens: Der Philosoph, Dichter, Sektengründer Lancaster Dodd nimmt ihn unter seine Fittiche, gibt ihm Arbeit, eine Richtung, einen Sinn. Paul Thomas Anderson sagt, dass der Scientology-Gründer L. Ron Hubbard die wichtigste "Vorlage" für die Konstruktion des Dodd war, aber er hütet sich, aus seinem Film eine Enthüllungsgeschichte, eine Hubbard-Vernichtung zu machen: Das könnte im Scientology-freundlichen Hollywood teure Folgen haben. Stattdessen gerät ihm der Sektenchef zu einem selbst Suchenden, einem prallen Mann, der die Kunst beherrscht, aus dem Stegreif seine Lehre zu formulieren – wie ein Erzähler, der seinen begierigen Hörern nur einen Satz voraus ist. Amerika erfinde sich in jeder Minute neu, sagen seine Bewunderer; aber wenn man Dodd sieht, muss man sagen: Die wahre Kraft dieser Erfindung ist die Lüge.

Leserkommentare
  1. der dazugehörige Soundtrack ist ebenfalls sehr gelungen und stammt wie schon zu vor bei "There will be blood" von Jonny Greenwood. Fügt sich nahtlos in die Anderson'sche Düsterheit ein.

    Kleine Hörprobe:

    http://www.youtube.com/watch?v=m0Col9wnE_E

  2. Wie die Bewegung "The Cause" im Film funktioniert, kann hier sehr schön nachgelesen werden:

    www.destruktive-gruppen-erkennen.com

    Natürlich ist die Verbindung zu Scientology-Gründer L. Ron Hubbard nicht wegzuleugnen. Charismatischer Anführer, leichtgläubige Menschen, Druck, übermäßige soziale Beeinflussung, Absolutheitsanspruch, persönliche Geständnisse für die Manipulation.

    Man muss schon sehr verblendet sein, wenn man die Parallelen zu Scientology nicht erkennt ... oder selbst ein Scientologe, wenn man diese Tatsachen nicht mehr wahrnimmt bzw. sich nicht wahrzunehmen erlaubt.

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