Hauptsitz der Vatikanbank in Rom © Gabriel Bouys/AFP/Getty Images

Es war die letzte wichtige Amtshandlung eines alten Mannes, ganz als wolle er der Welt ein Signal senden. So verstehen es zumindest viele. Papst Benedikt XVI. hatte gerade erst seinen Rücktritt verkündet, als bekannt wurde, dass er kurz zuvor noch einer bedeutenden Personalie seinen Segen gegeben hatte: der Ernennung des Deutschen Ernst von Freyberg zum neuen Präsidenten des Instituts für die religiösen Werke (IOR). Besser bekannt als die Vatikanbank. Ein Mythos.

Geheime Konten, verschobene Millionen, tote Banker, die Mafia – mit derlei Geschichten wird Ernst von Freyberg künftig zu tun haben. Vieles davon ist Vergangenheit, manches Legende, doch alles zusammen ist zu mächtig, als dass der Banker sich künftig einfach in sein Büro zurückziehen könnte. Es liegt im Trumm des Torrione di Niccolò V. auf dem Gelände des Vatikans. Hinter teils neun Meter dicken Mauern, eine Etage über einer kühlen, nur von künstlichem Licht erhellten Schalterhalle, wird Freybergs Arbeitsplatz sein, für drei Tage die Woche, wie es in Rom heißt. Dahin werden ihn auch die Geschichten über seine Vorgänger verfolgen. Einer verschanzte sich über Jahre vor dem Zugriff der italienischen Justiz. Ein anderer sagte, er fürchte um sein Leben.

Freyberg tritt in diesen Tagen einen irrwitzigen Job an. Vielleicht ist es der härteste, den die katholische Kirche zu vergeben hat – nach dem Amt des Papstes. Wie viel Reform, wie viel Transparenz möglich ist, zeigt sich vor allem hier. In der Finanzwelt gibt es keinen zweiten Arbeitsplatz wie diesen.

Die Seltsamkeiten beginnen damit, dass die Vatikanbank weder zum Vatikan gehört noch eine Bank ist. In der katholischen Kirche gibt es den Heiligen Stuhl – die Führung und juristische Vertretung – sowie den Vatikan, jenen Stadtstaat, der dem Heiligen Stuhl als Heimat dient. Formal ist jedoch weder der Heilige Stuhl noch der Vatikan für das IOR zuständig. Zudem ist das Institut eine Stiftung und kann Finanzgeschäfte nur über Konten bei anderen Banken abwickeln. Im Kern ist es ein Vermögensverwalter für Kleriker, Klöster, Diözesen und Orden weltweit.

Insgesamt betreuen die mehr als 110 Mitarbeiter des Instituts knapp 21.000 Personen und Institutionen aus Afrika, Südamerika und vor allem Europa. Nach offiziellen Zahlen aus dem vergangenen Jahr wachen sie über rund 6,3 Milliarden Euro. Das Institut ohne Filialen ist ein Winzling, selbst die Kreissparkasse Biberach ist größer. Doch das IOR ist ungleich mysteriöser, seine Geschichte ungleich spektakulärer.

1942 gegründet, erlangte die Vatikanbank Berühmtheit, als in den achtziger Jahren bekannt wurde, dass ihr damaliger Chef Paul Marcinkus eng mit Roberto Calvi von der Banco Ambrosiano sowie mit Michele Sindona zusammengearbeitet hatte, einem Manager der Mafia und Mitglied der Geheimloge P2. Calvi fand man erhängt an der Blackfriars Bridge in London, Sindona vergiftet im Gefängnis, Marcinkus selbst verbarg sich im Vatikan vor den Ermittlern. 1989 kam ein Modernisierer, doch parallel errichtete ein Mitarbeiter ein Geflecht geheimer Nummernkonten, über die auch Schmiergelder für Politiker flossen.

Um derlei zu unterbinden, begann die Kirche in den neunziger Jahren, die Führung der Bank lieber Bankern statt Klerikern anzuvertrauen. Zu ihnen gehörten der Schweizer Philippe de Weck oder Theodor Pietzcker, früher Manager der Deutschen Bank. Später folgte Ronaldo Schmitz, ehemals Vorstand der Deutschen Bank. Er gehört dem Aufsichtsrat bis heute an und bildet nun gemeinsam mit Ernst von Freyberg eine kleine deutsche Fraktion im insgesamt fünf Köpfe zählenden Spitzengremium des Instituts.

Vor allem Schmitz war es, der im vergangenen Jahr den spektakulären Rauswurf des bislang letzten Bankchefs Ettore Gotti Tedeschi betrieb. Tedeschi, ein ehemaliger Unternehmensberater, aktiver Banker und Mann des Opus Dei, war 2009 gekommen. Immer wieder trat er als Reformer auf, als Mann der Transparenz. In den Augen von Schmitz und anderen vernachlässigte er jedoch seine Pflichten, polarisierte Mitarbeiter, machte öffentlich falsche Aussagen zum Schaden des Instituts. Im Mai 2012 sprach der Aufsichtsrat Tedeschi sein Misstrauen aus – weg war der Chef. Parallel ermittelte die italienische Justiz mal wieder, zeitweise wurden Gelder eingefroren.