GesellschaftskritikÜber Traumberufe

Eine Gesellschaftskritik von 

Papst Benedikt XVI. im April 2012

Papst Benedikt XVI.  |  © Franco Origlia/Getty Images

Schon verrückt, wie wenig man die Konsequenzen seiner Berufswahl einschätzen kann, wenn man sie trifft. Mit 23 ist Moderatorin oder Moderator beispielsweise der allerbeste Job der Welt: viele Verehrer, kostenlose Klamotten von Modefirmen, massig freie Zeit. Schon fünf Jahre später muss man aufpassen, dass man nicht im selben Beruf bei einem Verkaufssender Goldschmuck anpreist oder verzweifelt versucht, als Schauspieler Fuß zu fassen. Während die anderen inzwischen zu Ende studiert haben, führt man womöglich quälende Gespräche mit seinem Suchttherapeuten über die kranken Motive, die einen bewogen haben, die öffentliche Aufmerksamkeit zu suchen.

Nur unwesentlich besser: Fernsehreporter. Bis etwa 30 ist es der perfekte Beruf. Man lernt die Welt kennen, trifft die unterschiedlichsten Menschen, ist vielleicht bei großen Weltereignissen dabei. Wie tief allerdings die Depression ist, wenn man zum x-ten Mal eine arme Alleinerziehende überzeugen muss, dass es in ihrem Interesse sei, ihre schwierigen Familienverhältnisse vor einem Millionenpublikum auszubreiten, kann ermessen, wer Fernsehjournalisten kennt.

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Angeblich auch ganz schlimm: Pilot. Anfangs sieht man sich in schmucker Uniform, eskortiert von Stewardessen in Pencil-Dresses, durchs Gate laufen. Früher oder später merkt man: Es ist wie Busfahren. Busfahren mit Jetlag. Mit dem einzigen Vorteil, dass man bei einem Unfall mit hoher Wahrscheinlichkeit die Konsequenzen nicht mehr mitkriegt. Selbst ein so hoch angesehener Beruf wie Chirurg soll angeblich nur die ersten Jahre toll sein: viel Verantwortung, dankbare Patienten, hohes Sozialprestige, wehende Rockschöße, großes Kino. Irgendwann setzt die Routine ein, und man stellt fest, dass es eine sehr handwerkliche Angelegenheit ist, die viel mit Nadel und Faden zu tun hat. Bis. Zur. Rente.

Gesellschaftskritik
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Klicken Sie auf das Bild, um weitere Artikel der Serie "Gesellschaftskritik" zu lesen.  |  © Frazer Harrison/Getty Images

Vielleicht muss man die beiden großen Rücktritte dieser Tage in diesem Kontext sehen: Katie Holmes, die sagt, sie wolle nicht mehr als Schauspielerin arbeiten, weil ihre Tochter lernen solle, dass es im Leben noch um andere Dinge gehe als um rote Teppiche und Bling-Bling. Jetzt will sie Anwältin werden, der Beruf ihres Vaters. Der hat sie hoffentlich darüber aufgeklärt, dass die meisten Anwälte nerviges Klein-Klein bearbeiten und niemals flammende Plädoyers vor Gericht halten, Euer Ehren. Vielleicht ist so auch der Papst-Rücktritt zu verstehen. Gottes Stellvertreter auf Erden – für einen kleinen Messdiener in Marktl am Inn muss es wie ein Traumjob geklungen haben.

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    • Serie Gesellschaftskritik
    • Schlagworte Berufswahl | Depression | Gericht | Katie Holmes | Kino | Moderator
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