Diese verdammte Frage folgt ihr wie ein Schatten. Nicht einmal hier entkommt sie ihr, in diesem kleinen Ortsverein mit dem unaussprechlichen Namen, irgendwo am Rande des Ruhrgebiets. Wohin Hannelore Kraft auch fährt, die Frage ist schon da.

Am Tag zuvor war Kraft noch beim Energiegipfel im Kanzleramt, in Berlin macht gerade der Witz vom "Problem-Peer" die Runde. Jetzt steht die Ministerpräsidentin des Landes Nordrhein-Westfalen auf einer Bühne im Haus der Arbeiterwohlfahrt Unna, und neben ihr beginnt die Rentnerin Ingeborg Eckey vor Stolz zu schweben. Die 60 Mitglieder des Ortsvereins Mühlhausen-Uelzen sind fast vollzählig erschienen: Senioren in flauschigen Strickjacken, Frauen mit Sonntagsschmuck. Sie blicken angestrengt nach vorne, wo Hannelore Kraft gleich die goldenen Ehrennadeln verleiht, für 50 Jahre in der SPD.

Ingeborg Eckey ist 71 und Vorstandsmitglied, eine Woche lang hat sie an ihrer Rede geschrieben, hat sie verworfen, korrigiert und Freunden vorgetragen. "Liebe Hannelore", hebt sie jetzt an, "von niemand anderem als dir würde ich lieber geehrt werden. Es geht mir bei allem Respekt nicht um dein hohes Amt, es geht mir um dich und deine Eigenschaften – nämlich Herz, Verstand und Glaubwürdigkeit."

Willst du "es" nicht versuchen?

Eckey kramt einen Stoffesel hervor, "das Wahrzeichen von Unna", und als sie ihn ihrem Gast feierlich überreicht, sagt Kraft: "Nu reicht’s aber!", dann nimmt sie Eckey schnell in den Arm.

Später, in der Teeküche der Arbeiterwohlfahrt, stehen sie um Kraft herum. Fotohandys blitzen. Und da ist sie dann auf einmal wieder, diese Frage, die in Berlin keiner mehr laut zu stellen wagt: "Hannelore, warum willst du es nicht versuchen?"

Es. Die Kandidatur fürs Kanzleramt.

Kraft lächelt. Ein Dutzend Antwortvarianten hat sie inzwischen im Repertoire. Diesmal sagt sie: "Ich hab mich doch gerade erst von euch wählen lassen."

Im vergangenen Sommer war Hannelore Kraft plötzlich die beliebteste deutsche Politikerin, vor Merkel und Gauck, weit vor Steinbrück. Jeder Vierte im Land wünschte sich Kraft als Kanzlerin. Eine Zeitung kürte sie zur "Kanzlerkandidatin der Herzen". Hannelore Kraft kann sich vor Liebe kaum retten, doch diese Liebe ist ein Problem. Die Zuneigung ihrer Partei drängt sie dorthin, wo sie nicht sein will. Kraft müsse die SPD in Berlin wieder an die Macht bringen, raunen sie an der Basis, spätestens 2017. Mit jedem Stolperer Steinbrücks, jeder neuen vernichtenden Umfrage kehrt das Thema zu ihr zurück.

"Hannelore, der Steinbrück soll nicht denken, er regiert die SPD allein", flüstert Ingeborg Eckey in der Teeküche. Seit 38 Jahren ist Eckey in der SPD, wie schon ihr Vater, wie ihr Großvater. Sie sagt: "Der Steinbrück wäre niemals zu unserer Feier gekommen. Der war doch lieber bei den Bankern."

"Ach, Kinder, jetzt übertreibt mal nicht. Das wird sich alles austarieren", beendet Kraft schließlich die Diskussion. Die Steinbrück-Verteidigung beherrscht sie mittlerweile im Schlaf. Was bleibt ihr auch anderes übrig?

Peer Steinbrück ist der Einzige, der sich getraut hat zu kandidieren. Ein 66-Jähriger, der nichts mehr zu verlieren hat. Einer, der einfach übrig blieb. Der Parteichef Sigmar Gabriel und der Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier hatten sich zurückgezogen, als es ernst wurde. Hannelore Kraft wollte nicht weg aus Nordrhein-Westfalen. Unter keinen Umständen wolle sie nach Berlin, sagt sie, auch nicht 2017.

Die Frage ist: Warum eigentlich nicht? Was ist so schlimm daran, Deutschland zu regieren?