Eine Geschichte der menschlichen Grausamkeit müsste mehrere Dutzend Bände umfassen, um annähernd vollständig zu sein. Henning Ritter hat Mitleid mit dem Leser und beschränkt sich auf einen einzigen. Der aber hat es in sich. Ritter zitiert zum Beispiel aus den Tagebüchern von Henri Dunant, der Augenzeuge wurde, wie die Menschen in der Schlacht bei Solferino (1859) einander bestialisch niedermetzelten. Etwa 80.000 Soldaten kamen dabei ums Leben. Die grauenhaften Szenen, die Dunant notierte, entfachten nicht nur sein Mitleid, sondern auch den Wunsch, etwas dagegen zu unternehmen. 1863 kam es zur Gründung des Internationalen Roten Kreuzes, 1864 zur Verabschiedung der Genfer Konvention. »Kaum je hat ein Privatmann bei der Durchsetzung einer humanitären Idee einen so raschen Erfolg gehabt«, schreibt Ritter.

Der Erfolg verdankte sich nicht allein Dunants Tatkraft, sondern auch der Zeitstimmung. Einige Jahre zuvor hatte Florence Nightingale die Verwundeten des Krimkrieges gepflegt, und wenig später gründete William Booth die Heilsarmee. Gegen das Militär des Krieges sollte ein Militär des Friedens Not und Elend bekämpfen. Im 19. Jahrhundert entstand erstmals eine breite philanthropische Bewegung mit zahllosen Organisationen der Wohltätigkeit. Sie reagierte auf die Tatsache, dass die neuen Kriege eine neue Grausamkeit gezeigt hatten. Die Wechselwirkung von Mitleid und Grausamkeit ist Ritters Thema, wobei er die Abfolge offenlässt. War das Mitleid eine Antwort auf die Brutalität, oder war die Brutalität nur die Kehrseite des Mitleids?

Zu Beginn referiert er ein Gespräch zwischen Julien Sorel und dem Grafen Altamira. Wir befinden uns in Stendhals Roman Rot und Schwarz, in der Restaurationszeit Ende der Zwanziger des 19. Jahrhunderts. Altamira beklagt die allgemeine Leidenschaftslosigkeit, man begehe die schlimmsten Grausamkeiten – aber ohne Grausamkeit. Sorel entgegnet: Dadurch werde doch alles nur schlimmer, wenn man Verbrechen begehe, solle man an ihnen wenigstens Vergnügen haben.

Beide Positionen wirken auf uns harmlose Zeitgenossen gleichermaßen absurd. Sie sind es nicht, wie Ritters großartiges Buch zeigt. Lust in der Grausamkeit zu finden, wie Sorel es meint, ist von alters her die finstere Seite des Menschen. Aber Grausamkeit ohne Grausamkeit, begangen aus Gründen der Logik, des Pflichtgefühls, des höheren Auftrags (also ohne »Leidenschaft«): Das ist neu. Begonnen hat es mit Robespierre in der Französischen Revolution; mit Hitler, Stalin, Mao und Pol Pot hat es geendet – vielleicht, hoffentlich.

Ritter nennt diese Unmenschen nicht, aber er zeigt ihre Vorfahren. Sein Porträt von Robespierre ist glanzvoll. Wir sehen einen Mann, der sich im Hintergrund hält, der den Anblick von Blut nicht mag, es gleichwohl in Strömen fließen lässt, um das revolutionäre Projekt von allem Schädlichen zu reinigen. Ritter zitiert den Historiker Michelet: »Le vrai roi moderne: le scribe.« Der Mann am Schreibtisch, der die Todesurteile unterschreibt, ist der moderne König. Er begeht die Grausamkeiten nicht zum Spaß, sondern in vollem Ernst. Robespierre handelt im überirdischen Auftrag. Als er vor das Tribunal gestellt wird, verlangt er für sich die Todesstrafe.

Im Zentrum der Darstellung steht das 19. Jahrhundert. Es wurde zum Laboratorium der Grausamkeit ebenso wie ihrer Bekämpfung. Ritter durchwandert es mit der Sorgfalt eines Ermittlers, der Zeugen befragt und sprechen lässt. So etwa den liberalen Philosophen der Restauration, Benjamin Constant, der die Frage stellt, warum die modernen Kriege so grausam seien. Seine Antwort: Im Krieg verwildere der zivilisierte Mensch, doch die Verwilderung trage noch die Züge der Zivilisation. »Diese Vandalen verbinden die Brutalität der Barbarei mit dem Raffinement der Verweichlichung und die Hinterhältigkeit der Habgier mit den Exzessen der Gewalt.« Die Kriege seien so grausam geworden, weil ihre Abschaffung unmittelbar bevorzustehen schien. Von nun an gab es nur noch den jeweils letzten Krieg, in dem es um alles ging, in dem alles erlaubt war.

Einen anderen Aspekt der Grausamkeit erfasst Alexis de Tocqueville, der das Schicksal der Indianer betrachtet. Die Spanier hätten versucht, die Ureinwohner Mittelamerikas mit äußerster Brutalität auszurotten, und seien daran gescheitert, denn die Indianer überlebten, sie vermischten sich mit den Siegern und nahmen ihre Sitten an. Die Ureinwohner Nordamerikas hatten diese Chance nicht. Man schloss Verträge mit ihnen. Tocqueville fand, man könne die Menschen nicht mit mehr Ehrfurcht vor den Gesetzen der Menschlichkeit vernichten. Ritter erläutert diesen Sarkasmus: »Die Wahrung der Formen des Rechts bei der Vollstreckung eines offenkundigen Unrechts war Ausdruck des Glaubens der amerikanischen Gesellschaft an sich selbst und ihre Moral.« Die kalte Grausamkeit war ungleich wirkungsvoller als die gewissermaßen genusssüchtige der Spanier. Während diesen ihre Gräueltaten immer vorgehalten wurden, wurden die Amerikaner, so Tocqueville, mit dem Aufstieg ihrer Nation belohnt. Ritter sagt: »Sie lockten die Indianer in die Falle der Legalität, um sich ihrer straflos zu entledigen.«

Eine rechtliche Gleichstellung führt nicht weit, wenn es an Mitleid fehlt

Der Titel des Buchs geht zurück auf William James, in dessen Philosophie »die Schreie der Verwundeten«, die im amerikanischen Bürgerkrieg verhallt waren, endlich Gehör finden sollten – zugunsten einer neuen Moral. Arthur Schopenhauer, dem sich Ritter voller Sympathie zuwendet, hat eine solche Mitleidsphilosophie begründet. Er sammelte Grausamkeiten, um ihre gemeinsame Ursache herauszufinden. Sie bestand in einem Mangel an Mitleid. In ihm erblickte Schopenhauer das einzige Mittel gegen die Barbarei. Das Mitleid aber ist kein einklagbares rationales Verhalten, sondern »das große Mysterium der Ethik, ihr Urphänomen und der Grenzstein, über welchen hinaus nur noch die metaphysische Spekulation einen Schritt wagen kann.«

Wir könnten an dieser Stelle in Henning Ritters Versuch über das Mitleid (2004) blättern und uns nochmals die Frage vor Augen führen, auf wen sich unser Mitleid erstrecken muss und kann. Nur auf unseren Nächsten oder gar auf alle Menschen? In seinem neuen Buch erweitert Ritter die Fragestellung, indem er zeigt, wie das von Menschen verursachte Leid eine Ethik des Mitleids hervorruft, die heute zu einer globalen Forderung geworden ist. Im Streit über die Sklaverei hat sie sich zum ersten Mal gezeigt. Tocqueville sah aber voraus, dass die Befreiung der Schwarzen das Problem der Anerkennung nicht lösen würde. Er schrieb: »So scheint in den Vereinigten Staaten das Vorurteil gegen die Neger in dem Maße zu wachsen, als sie aufhören, Sklaven zu sein.« Eine rechtliche Gleichstellung führt nicht weit, wenn es an Mitleid fehlt.

Ritters Leistung besteht nicht allein in der Eleganz seines Stils, sondern mehr noch darin, dass er mit seinem stupenden Wissen nicht prunkt. Seine Darstellung zielt nicht auf Vollständigkeit, sondern konzentriert sich auf den großen Bogen der Debatte. Man folgt ihr voller Spannung und Anteilnahme. Auf Schritt und Tritt findet man Beobachtungen, die ins 20. Jahrhundert vorausweisen, ohne dass Ritter dies eigens sagen müsste. So vermeidet er den Begriff des totalen Krieges, der ja nichts anderes war als ein abermals letzter Krieg.

Das Buch endet mit Charles Darwin und seiner Entdeckung der Natur als einer »Schlachtbank des Lebens«. Ritter zeigt, wie Darwin sich gegen diese Einsicht gewehrt hat, und sagt: »Die eigentliche Kränkung durch Darwins Theorie besteht darin, dass der Mensch nicht mehr die ›Krone der Schöpfung‹ ist, sondern dass die Naturprozesse durch ihn hindurchgehen, er ihrer aber nie ansichtig werden kann.« Da sind wir noch heute. Wir retten uns mit der Aufspaltung in Körper und Geist, in Natur und Kultur. Mitleid also wäre Kultur, Grausamkeit Natur. Das ist keine glückliche Lösung des Problems.

Der einzige Mangel dieses wiederum wunderbaren Ritter-Buches besteht darin, dass es völlig auf Anmerkungen verzichtet. Das macht es dem unkundigen Leser schwer, die Fundstücke durch eigene Lektüre zu vertiefen. Fußnoten scheinen derart in Misskredit geraten, dass seriöse Autoren vor ihnen fliehen.