BildungspolitikDie Halbstarken

Die Politik wollte Uni-Präsidenten zu mächtigen Entscheidern machen. In der Realität ist davon wenig angekommen. von Bastian Berbner

Wenn es nach Thomas Strothotte gegangen wäre, würden die Bilder in seinem Büro noch an der Wand hängen, würden die Bücher noch im Regal stehen und nicht verpackt in weißen Umzugskisten auf den Möbelwagen warten. Die persönlichen Dinge hat er schon weggepackt, nur auf seinem Schreibtisch steht noch ein Bild von Barack Obama. "Vor seiner Wiederwahl hat Obama gesagt: Ich brauche eine zweite Amtszeit, um meine Ziele umzusetzen. In diesem Satz habe ich mich wiedergefunden", sagt Strothotte.

Im Unterschied zu Obama hat er sie nicht bekommen. Bis Ende März ist Strothotte noch Präsident der Universität Regensburg. Dann muss er sein Büro räumen, abgewählt nach nur vier Jahren im Amt.

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Strothottes schnelles Ende als Regensburger Rektor erzählt einiges über das deutsche Universitätssystem und über eine halbherzige Hochschulpolitik im Land.

Die Bildungspolitiker aller Bundesländer hatten sich vorgenommen, die deutschen Universitäten zu entstauben. Ein bisschen hierarchischer sollten sie werden, mit weniger Diskussionen und mehr Entscheidungen, getroffen von starken Präsidenten. Vom Typ her eher Vorstandsvorsitzende, die die Richtung der Universität bestimmen, als Grüßauguste, die Urkunden überreichen und Reden halten, wie es all die Jahre war.

Durch dieses New Public Management sollten die Universitäten unternehmensähnlicher werden, effizienter, flexibler, unterscheidbarer. Deswegen haben die Länder in den vergangenen 15 Jahren nach und nach ihre Hochschulgesetze geändert. Sie haben den Präsidenten Budgethoheit gegeben und die Stellung der Senate geschwächt. Sie haben den Präsidenten mehr Entscheidungsmacht über die Berufung von Professoren zugestanden und ihnen aufgetragen, Entwicklungspläne mit den Bildungsministerien zu erarbeiten, was vorher in der Regel die Aufgabe der Fakultäten, also der einzelnen Fachbereiche, war. Aber wer sich im Jahr 2013 an deutschen Universitäten umsieht, erkennt, dass diese Reformen es vielerorts nicht vom Papier in die Realität geschafft haben. Universitätsmanager sind eine Ausnahme geblieben.

Natürlich gibt es den Radikalreformer Sascha Spoun, der die Universität Lüneburg gegen alle Widerstände umgekrempelt hat, bis sie nicht wiederzuerkennen war. Der ihr einen neuen Namen, ein neues Studienmodell und ein neues Logo verpasst hat, der das neue Zentralgebäude vom Stararchitekten Daniel Libeskind bauen lässt. Natürlich gibt es den Dauerreformer Wolfgang Herrmann, der die TU München seit 17 Jahren von einem Erfolg zum nächsten regiert, der spart und sie trotzdem an der Spitze der Hochschulrankings hält. Aber es gibt auch viele Präsidenten wie Thomas Strothotte, die sich an den institutionellen Widerständen ihrer Universitäten abarbeiten.

Strothotte sitzt an diesem Vormittag in seinem Büro und unterschreibt Urkunden, Arbeitsverträge, Briefe. Draußen wartet schon seine Vizepräsidentin auf ein Gespräch. Aber er hat gerade angefangen zu erzählen, wie enthusiastisch er 2009 in Regensburg gestartet ist, voller Ideen und Tatendrang, genau so, wie sich die New-Public-Management-Anhänger einen Präsidenten vorstellten.

Der gebürtige Kanadier wurde als Reformer nach Regensburg geholt. Er sollte ein paar Ideen aus der angelsächsischen Universitätswelt mitbringen. Mehr Nähe zur Wirtschaft. Mehr Internationalisierung. Mehr Spezialisierung. Aber vor allem sollte er in Regensburg die Macht des Kanzlers beschneiden. Der sollte als Beamter eigentlich Verwaltungschef der Universität sein, aber Strothottes Vorgänger hatte ihm weitgehende Führungsaufgaben überlassen.

Strothotte aber wollte als Präsident durchstarten: ein neues Computersystem einführen, Partnerschaften mit ausländischen Universitäten schließen, und vor allem wollte er die Studenten stolz machen auf ihre Universität, mit tollen Projekten, aufwendigen Abschlussfeiern, vielleicht sogar mit akademischen Hüten, die in die Luft geworfen werden. Er wollte amerikanischen Universitäts-Esprit auf dem Campus. "Wenn ich zurückdenke und sehe, zu was ich alles nicht gekommen bin, tut mir das weh", sagt Strothotte.

Er unterschreibt weiter, ein Dokument nach dem anderen. Der Präsident hat sich so in Wallung geredet, dass er schon zweimal sein geschwungenes Kürzel an der falschen Stelle gesetzt hat. Die Prorektorin wartet seit einer Viertelstunde. Er will gerade aufstehen, um sie hereinzubitten, da schiebt er noch einen Satz nach: "Wissen Sie, das Problem ist: Das Gesetz schreibt mir zwar viele Kompetenzen zu. Aber man muss sie erst mal durchsetzen gegen die jahrelang eingefahrene Praxis."

Es ist nicht so, dass Strothotte nichts erreicht hätte in seinen vier Jahren in Regensburg. Er hat ein Programm für Studenten mit Migrationshintergrund gegründet, den Osteuropa-Schwerpunkt ausgebaut, die Zahl der ausländischen Studenten in Regensburg erhöht, einen Hochschulentwicklungsplan ausgearbeitet, der festschreibt, mit wie viel Geld bis wann welches Ziel erreicht werden soll, und er hat fächerübergreifende Forschungscluster eingeführt.

An eine Strukturreform aber war nicht zu denken. Früh kam es zum Konflikt um die Verteilung der Kompetenzen zwischen ihm und dem Kanzler Christian Blomeyer. Strothotte wollte sich Entscheidungsbefugnisse zurückholen, die Blomeyer, Beamter auf Lebenszeit, nicht abgeben wollte. Blomeyer wachte über das Geld und bremste. "Wenn ein Präsident von außen kommt, muss er erst mal einige Zeit zuhören, um zu verstehen, wie eine Universität tickt. Dann kann er anfangen, an der einen oder anderen Schraube zu drehen, um Dinge zu ändern", sagt er.

Leserkommentare
  1. Man kann es wieder mal nicht fassen, was sich da in der Provinzuni Regensburg abgespielt hat. Da soll endlich frischer Wind den Betonbau durchlüften und den braven Ackergaul auf zeitgemäßen Trab bringen. Und es findet sich sogar eine Lichtgestalt, die den Sprung in die Wüste wagt. Die der eigenen hohen Wissenschaft klaglos entsagt und den Kampf aufnimmt mit bestenfalls beflissenen Geistespygmäen und kongenial mediokrem aber omnipotentem, auf Verhinderung gebürstetem Verwaltungspersonal. Visionen wehen über einen jahrzehntelang verödeten Campus! Projekte quellen schier endlos aus dem unerschöpflichen Zauberhut! Alleinstellungsmerkmale erblühen. Effizienz! Flexibilität! Raus aus dem provinziellen Mief! Internationaliät! Mit einem Mammuteinsatz an Zeit, Energie und strammem Pflichtbewusstsein schreitet sie unerschütterlich charmant lächelnd ans Werk! Reiche Ernte belohnt das emsige Tun.
    Und nun landet dieser Gigant des Managements als eher wimmernder Jobsuchender vor verständnisvollen Redakteuren?

    Man kann es nicht glauben? Glaubt man es doch? Warum fragt man nicht(auch andere)? [...]

    Nach mehr als einer Woche ein erster Kommentar zu einem Teilaspekt, der im Rahmen der Behandlung eines an sich wichtigen Themas viel Raum einnimmt?

    Diesen Kommentar haben wir größtenteils wieder hergestellt. Danke, die Redaktion/ds

    Eine Leserempfehlung
    • lars.b
    • 03. März 2013 15:44 Uhr

    > Universitäten sind konservativ. Ihr Selbstverständnis ist
    > ein staatliches, kein unternehmerisches.

    Ihr Selbstverständnis ist ein demokratisches! Wissenschaftler, nicht-wissenschaftliche Mitarbeiter und Studenten entscheiden in demokratisch gewählten Gremien darüber, wie sich die Universität entwickeln soll.

    Dieses *demokratische* System soll mit der "unternehmerischen Hochschule" mit starkem Präsidenten abgeschafft werden. Und das ist mitnichten positiv zu bewerten.

    7 Leserempfehlungen
  2. Zu schwach oder zu stark für das Präsidentenamt? Oder ist das Berliner Hochschulgesetz das Problem?

    In diesem haarsträubenden Fall jedenfalls, mit der 100-fach tödlichen Schavandosis: http://de.vroniplag.wikia...

    abgeschrieben aus Wikipedia und zitiert aus der SuperILLU, kommt der Präsident der TU Berlin zu folgender historischen Pressemitteilung:

    http://www.pressestelle.t...

    Man muss sich fragen, ob man lachen oder weinen soll. Es konnte keine Täuschungsabsicht erkannt werden. Soll das heißen, die TU Berlin geht davon aus, dass ihre Promovierten es nicht besser wissen? Der Präsident erteilt die Auflage, dass die Dissertation nun Jahre später überarbeitet werden soll, aber "unverändert" bleiben, nur eben in "korrekter Zitierweise".

    Präsident Jörg Steinbach ist ein Netzwerker (http://de.wikipedia.org/w...), macht sich in der ASIIN (http://de.wikipedia.org/w...) als Vorstandsmitglied stark für die Akkreditierung von Ingenieursstudiengängen. Aber was passiert hier nun? Zu vernetzt? Zu stark?

    Oder doch zu schwach? Das Berliner Hochschulgesetz lässt dieses merkwürdige Vorgehen offensichtlich zu: die Entscheidung hat der Präsident(!), juristisch ist dagegen vielleicht nichts einzuwenden - was aber wird aus einer Universität, die offensichtliche Plagiate einfach abstreitet? Juristischen Begriffen den Vorzug vor erwiesenen wissenschaftlichen Sachverhalten gibt?

    3 Leserempfehlungen
    • aatvf
    • 03. März 2013 22:47 Uhr

    Die Unternehmischer Hochschule is Tod, glaubt man dem grünroten Koalitionspapier in BW. Das ist gut so, eine Universität braucht keinen CEO, Studenten sind weder Kunde noch Produkt. Vielerorts herscht das "lost in numbers"-Syndrom, Smartphones lassen sich vielleicht über Kenzahlen steuern, bei der Forschung wirds schwieriger.

    Kretschmann und Frau Bauer wollen den akkademischen Senat stärken. Richtig! Wir waren stolz auf die Freiheit von Forschung und Lehre und sind damit nicht schlecht gefahren, auch wenn es einmal etwas länger dauerte. Der Professor als weisungsgebundener Mitarbeiter des Rektors, der W-Besoldet in das Horn der aktuellen Strategie bläßt, das wird nichts, höchstens mal ein streamgelinetes kurzes Aufflackern.

    Nein, die nicht-angepassten Wissenschaftler haben uns vorran gebracht. Es geht um Nachhaltigkeit und die Weiterentwicklung des Wissens, auch als Selbstzweck. Bislang kam auch der wirtschaftliche Gewinn, genau dadurch.

    Leider ist die grünrote Regierung bei den Eckpunkten des neuen Landeshochschulgesetzes eingecknickt. Ein Wischiwaschi wird herauskommen, der Rektor geschwächt, der Hochschulrat aufgebläht und der Senat doch nur halbherzig gestärkt. Auch das wird leider nichts.

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    • MIDI69
    • 04. März 2013 7:43 Uhr

    warum auch in diesem Artikel ein hoher Anteil ausländischer Studierender als Qualitätsmerkmal verkauft wird. Wir können nur dann daran ein Interesse haben, wenn diese nach ihrem Studium als gesuchte Fachkräfte dem deutschen Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. In den meisten Fällen ist dies nicht gegeben oder verschärft den Wettbewerb auf umkämpften Arbeitsmärkten zusätzlich. Denken Sie z.B. an die deutschen Musikhochschulen, an denen fast nur noch Ostasiaten in sehr teurem Einzelunterricht ausgebildet werden. In ihren Heimatländern würden sie für eine vergleichbare Ausbildung viel Geld bezahlen müssen. In D übernimmt es der Steuerzahler..

  3. Warum in aller Welt ist an den Hochschulen Zentralismus und Hierarchisierung ein "modernes", also nicht weiter zu rechtfertigendes Konzept, wenn ansonsten seit einiger Zeit flache Hierarchien, dezentrale Verantwortung und - ja wirklich - Demokratie (!) wieder "modern" sind? - Lieber Autor, noch nicht gemerkt, wir sind nicht mehr im Jahr 2005? Regelmäßig wird "modern" neu definiert, man muss da als fortschrittlicher Journalist am Ball bleiben, auch wenn der Gegenstand der Berichterstattung zum öffentlichen Dienst gehört. Der Fortschritt ist irgendwann mal von seiner alten Position fortgeschritten und jetzt woanders.

  4. Was ist los mit Der ZEIT [...]?

    Wo bleibt die kritische Frage nach der Qualität einer Bildungspolitik, die auf autoritäre Muster setzt und die Mühen der Gremienarbeit scheut?
    Wer hat da übersehen, dass hier die schon aus emotionalen Gründen selbstbezogene Perspektive eines nicht wieder gewählten Rektors zum hochschulpolitischen Maßstab gemacht wird?

    Und wer hat nicht bemerkt, dass die Vergleiche Obama-Strothotte und Strothotte-Lenzen unangemessen sind und einen politischen Artikel unfreiwillig konterkarieren?

    Wer erlaubt, dass Rektoren, die akademische Integrität wahren, „Grüßauguste“ genannt werden?

    Wer hat vergessen, darüber nachzudenken, was alles vorgefallen sein muss, wenn ein Hochschulrat, der einen Rektor wählt und dessen Mitglieder von ihm nominiert werden, sich nach nur vier Jahren in die peinliche Lage versetzt sieht, die eigene Entscheidung zu revidieren?

    Wer kennt Brechts „Fragen eines lesenden Arbeiters“ nicht [...]?

    Und wer lässt Sätze wie „Sein Nachfolger gilt als…“ und „viele werden bedauern…“ ungeprüft durchgehen?

    Gekürzt. Wir freuen uns über Kritik. Bitte formulieren Sie diese dennoch sachlich. Danke, die Redaktion/sam

    3 Leserempfehlungen
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    • Rudi01
    • 06. März 2013 13:42 Uhr

    [...]

    Ohne Rektor Strothotte näher zu kennen: der Stil, in dem dieser Beitrag verfasst ist, und der Grundtenor, der darauf hinausläuft, dass ein kluger und weitsichtiger Diktator besser sei als ein demokratisches System, ist auch aus meiner Sicht höchst zweifelhaft.

    Gekürzt. Fragen und Kritik an der Moderation können Sie an community@zeit.de senden. Der Kommentarbereich soll ausschließlich der sachlichen Diskussion des Artikelthemas dienen. Die Redaktion/mak

    Was hier zutage tritt, sind bildungspolitische und -theoretische Grundsatzfragen, die heute in Deutschland im Zuge einer 'post-Bologna' Resignation viel zu wenig rigoros diskutiert werden. Die Hochschullehrer scheinen vor der Politik zu kapitulieren. Der Frage, inwieweit Kommerzialisierung der Hochschulbildung und Industrialisierung des Uni-managements mit den Kernprinzipien akademischer Freiheit vereinbar sind, wird nicht mehr nachgegangen. Die Tendenz, in den Studenten nicht mehr Subjekte einer „höheren Bildung“ zu intellektueller Souveränität (d.h. zu gesamtgesellschaftlicher Verantwortlichkeit) zu sehen, sondern vor allem Kunden (und damit Objekte) in einem übergeordneten Marktgeschehen, widerspricht den Fundamenten eines aufgeklärten Bildungsideals. Sie konterkariert jede freiheitlich demokratische Gesellschaftsideologie. Der ‚Markt‘ kann nicht als Modell einer demokratischen Gesellschaftsordnung im Ganzen dienen.
    Ein Blick auf die Verhältnisse in UK könnte ein warnendes Beispiel liefern. Die forcierte Industrialisierung des Universitätsmanagements hat dort längst zu einer Verarmung der Bildungslandschaft (z.B. in allen Fremdsprachenphilologien) geführt, zur Schließung von Instituten und Entlassung von Professoren aufgrund mangelnder „economic viability“, und in der Folge zu eklatanten gesamtgesellschaftlichen „Kompetenz“-Defiziten, die jetzt endlich, mit 20 Jahren Verspätung, die bildungspolitischen Diskussionen zu beherrschen beginnen.

  5. 8. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf haltlose Spekulationen. Danke. Die Redaktion/kvk

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  • Schlagworte Dieter Lenzen | Präsident | Regensburg | Berlin | Hamburg
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