Hoteltest: Versuch’s mal mit Gemütlichkeit
Das Henri in Hamburgs Innenstadt erinnert an die fünfziger Jahre – und wirkt dabei ganz unspießig.
Am Abend, die Mikrowelle im Blick, beschleicht einen ein merkwürdiges Gefühl. Der Apparat steht in einem Küchenregal und wärmt gerade eine Schale Tomatensuppe auf. Kurz darauf gibt er ein volltönendes »Kling!« von sich. Das hören bestimmt auch alle anderen Hotelgäste ringsum in der offenen Küchenzeile und genauso gut diejenigen, die daneben an kleinen, schwarz schimmernden Tischen beisammensitzen. Das »Kling!« reicht womöglich sogar quer durch den lang gestreckten Raum bis hin zur Sofa-und-Sessel-Ecke gegenüber der Rezeption. Zweifellos war die Schale Tomatensuppe für die Mikrowelle und die Mikrowelle für die Selbstbedienung vorgesehen. Und trotzdem hat man als Gast am Gerät unwillkürlich den Eindruck, gerade etwas Unpassendes, gar Taktloses zu tun. Mikrowelle – muss das sein?
Das Henri ist ein kleines Haus. Es liegt in einem schmucklosen Sträßchen der Hamburger Innenstadt, direkt hinter der großen Einkaufsader Mönckebergstraße. Früher diente der unscheinbare Backsteinbau dem vorgelagerten Kaufhaus C&A als Bürogebäude, jetzt befinden sich auf sieben Etagen 65 Zimmer, ein Mini-Gym, ein Mikro-Spa – und kein Restaurant. Das ist bemerkenswert, wenn man weiß, dass die Betreiber des Henri schon ein anderes Haus führen, und nicht irgendeines, sondern das hanseatische Urgestein Louis C. Jacob, ein gediegen herausgeputztes Fünf-Sterne-Hotel mit Zwei-Sterne-Gastronomie. Das Henri wurde denn auch direkt nach einem längst verstorbenen Spross der einstigen Gründerfamilie benannt. Und doch ist zwischen dem lichten, weißen Mutterhaus an der Elbe und dem neuen, eher verschattet daliegenden Kästchen in der Innenstadt so gut wie keine familiäre Ähnlichkeit auszumachen.
Das soll allerdings gar keine Kritik sein. Einen Klon des Louis C. Jacob hätte ja ohnehin niemand gewollt. Henri musste schon eigene Wege gehen.
Die führen in ein elegant aktualisiertes Fünfziger-Jahre-Setting. Das passt zunächst zum Ziegelbau selbst, zu den schmalen Fenstern, den niedrigen Decken, den engen Fluren. Aber es passt auch zum erklärten Ziel des Hauses: Reisenden, insbesondere Geschäftsreisenden eine Extraportion Heimeligkeit zu bieten. Das gelingt tatsächlich fast aus dem Stand. Nach ein paar Schritten treppauf über den roten Teppich gelangt man im Hochparterre zur Rezeption. Die teilt sich eine schöne, schwarz-gold-hölzerne Theke mit der Bar. Über das Anmeldeformular hinweg fällt der Blick auf ein dekoratives Flaschenarsenal. Die Formalitäten könnten also bequem vom Barhocker aus erledigt werden. Gleich gegenüber der Rezeption stehen Originalmöbelstücke der fünfziger und sechziger Jahre, harmonisch gemischt mit neuen Sofas, in einer kassettierten Bücherwand sind Vintage-Reiseliteratur, ein paar Literaturklassiker und coffee-table books originell zusammengestellt. Ein paar Zimmerpflanzen und liebevoll ausgesuchten Nippes gibt’s noch obendrauf, was im Ganzen für ein durchaus wohliges Wohnzimmergefühl sorgt.
Die Balanceübung zwischen gestern und heute glückt auch auf dem Zimmer. Dort wird natürlich auf Originale verzichtet. Aber sehr deutlich zitieren die zwei ineinandergeschobenen Tischchen im L-Studio – der mittleren von drei Zimmerkategorien – die Nierenform der Fünfziger, auch Sessel und Stehlampen fügen sich ins Bild. Die Lichtschalter sind aus Bakelit, selbst die Klobrille ist klassisch mattschwarz. Trotzdem findet hier keine schal-nostalgische Zeitreise statt, immer bleibt es beim klug dosierten Spiel mit dem Damals. Und bei Standards wie Matratze, Dusche, Flachbildschirm (frei ausschwenkbar) oder Wifi geht’s sowieso ganz untadelig heutig zu. Geknausert wird höchstens im Bad, wo lediglich ein einziges Gel für alles zur Verfügung steht; da hätte man doch gern die Chance gehabt, parallel aufs Traditionsformat Seife zurückgreifen zu können.
Bei allen versammelten Retro-Noten aus der Nierentischära ist es nahezu bewundernswert, wie unspießig das Haus wirkt, wie gut die Wette auf die Gemütlichkeit klappt, ohne dass der Gast gleich von Ärmelschonern albträumen müsste. Nur der Härtetest in Heimeligkeit misslingt. Er hängt mit »The Abendbrod« zusammen, dem leicht bizarr betitelten Abendmahlzeit-Ersatzangebot des Henri. All jenen Gästen, die keine Lust mehr zum Ausgehen haben und doch noch eine Kleinigkeit essen wollen, stellt das Hotel kostenlos ein kräftiges Graubrot und ein paar Dips, Gurkenscheiben und Oliven in den offenen Küchenbereich am Ende des Rezeptions-Lounge-Frühstücksraum-Riegels. Verschiedene Getränke, ein Käseplättchen, wechselnde Salate und Suppen kann man sich – kostenpflichtig – aus bereitstehenden Kühlschränken dazunehmen. Das Hotel vertraut dabei auf rechtschaffene Kunden: Die sollen das, was kostet, bitte auf einem ausliegenden Vordruck anstreichen und später an der Bar-Rezeption abrechnen. Sehr locker, sehr nett gedacht so weit. Die Betreiber verbinden mit ihrer Geste allerdings auch gleich die Hoffnung, dass die Hotelgäste einander über dem gemeinsam geteilten Graubrot näherkommen wie Mitbewohner. Am Testabend, so viel steht fest, wurde The Abendbrod ordentlich in Anspruch genommen. WG-Stimmung kam trotzdem nicht auf, jeder aß für sich, sprach höchstens leise mit dem Partner.
Das »Kling!« der Mikrowelle klang deshalb umso lauter.









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