Die Geschichte von Esther und Iggy

Im Jahr 1974 zog die Fotografin Esther Friedman, damals 19, von Mannheim nach Berlin. Zwei Jahre später lernte sie hier den amerikanischen Sänger Iggy Pop kennen, der sich gerade gemeinsam mit David Bowie in der Hauptstraße 155 in Schöneberg niedergelassen hatte, um dort aus einer persönlichen und künstlerischen Krise herauszufinden. Esther Friedman und Iggy Pop wurden ein Paar und blieben sieben Jahre lang zusammen. In dieser Zeit dokumentierte Friedman ihren gemeinsamen Alltag, ihre Reisen und Tourneen in Fotografien, die hier erstmals öffentlich gezeigt werden.

Iggy Pop, bürgerlich James Osterberg, ist heute 65. Vor seiner Solokarriere war er Sänger der Band The Stooges, die von 1967 bis 1973 bestand. Sie war damals kommerziell erfolglos, heute aber wird die Gruppe wegen ihrer rauen, minimalistischen Gitarrenriffs und ihrer exzessiven Bühnenauftritte weltweit verehrt als Vorläufer und Inspiration des Punkrocks.

In der Nähe der Berliner Mauer, in den Hansa-Studios, nahm Iggy Pop die Alben The Idiot und Lust For Life auf, an denen David Bowie als Produzent mitwirkte. Bei den Aufnahmen entstanden einige von Iggy Pops bekanntesten Hits, wie etwa The Passenger und China Girl (das Bowie später sehr erfolgreich coverte).

Im selben Studio produzierte David Bowie auch drei seiner inzwischen klassischen eigenen Alben: Low, Heroes sowie Lodger.

Bisher hat Iggy Pop 16 Soloalben veröffentlicht, ist auf seinen Tourneen mehrfach um die Welt gereist und spielte Gastrollen in Filmen von Jim Jarmusch und John Waters. Er lebt inzwischen in der Nähe von Miami.

Esther Friedman lebt heute in Frankfurt am Main und arbeitet als Beraterin für Kunstsammler.

ZEITmagazin: Frau Friedman, Sie waren in den siebziger und achtziger Jahren die Freundin von Iggy Pop. Wie haben Sie ihn kennengelernt?

Esther Friedman: Das war 1976, auf einer Party nach einer Modenschau in Berlin. Jim kam mit Coco Schwab, die übrigens bis heute die persönliche Assistentin und Vertraute von David Bowie ist. David war an dem Abend nicht mitgekommen.

ZEITmagazin: David Bowie und Iggy Pop waren gerade von Los Angeles nach Berlin gezogen. Beide steckten in einer persönlichen Krise.

Esther Friedman: Ich kann nicht für David sprechen. Ich erinnere mich nur, dass er einen Film abgedreht hatte. Er war damals sehr dünn. Es war offenbar alles ein bisschen viel für ihn. Und für Jim sowieso, ihm ging es nicht gut, gar nicht gut.

ZEITmagazin: Haben Sie Iggy Pop von Anfang an Jim genannt?

Klicken Sie hier, um die Fotos von Esther Friedman zu sehen. © Esther Friedman

Esther Friedman: Ja, bürgerlich heißt er James Osterberg, aber ich habe immer Jim zu ihm gesagt, nie Iggy. Er hat sich selbst Iggy genannt, als er 18 war. Seine erste Band hieß The Iguanas, so kam das. David hat ihn damals in Berlin immer Jimmy genannt, seine Eltern haben Jim gesagt. Iggy ist sein Bühnenname. Und es gibt ja auch tatsächlich zwei Charaktere: Es gibt Iggy, und es gibt James.

ZEITmagazin: Was ist der Unterschied zwischen den beiden?

Esther Friedman: Der Unterschied ist ziemlich groß. Iggy ist zu 99 Prozent unerträglich. Und James, Jim, ist zu 99 Prozent erträglich.

ZEITmagazin: Iggy Pop hat daraus später kein Geheimnis gemacht: Er hat in dieser Zeit viele Drogen genommen.

Esther Friedman: Berlin war für ihn wie ein Erholungsurlaub.

ZEITmagazin: Aber war West-Berlin Ende der siebziger Jahre nicht eine der Drogenhauptstädte weltweit?

Esther Friedman: Na ja, das wussten die beiden vorher nicht, aber sie haben es bald herausgefunden.

ZEITmagazin: Wo war dann die Erholung?

Esther Friedman: Ich meinte Erholung auch eher im Sinne eines inneren Zusichkommens, trotz der wilden Partys. Berlin hat Jim in Ruhe gelassen. In Berlin konnte Jim einfach Jim sein, wenn er wollte, leben, sich in die Kiezkneipe nebenan setzen und ein Bier trinken. Er hat das geliebt. David hatte sich vorher mit Literatur und Kunst beschäftigt, die aus Berlin kam oder in Berlin spielte. Christopher Isherwoods Buch Goodbye to Berlin aus dem Jahr 1939, die Arbeiten der Künstlergruppe Brücke – das alles hat David fasziniert, und er hat Jim mitgenommen. Die beiden sind oft ins Brücke-Museum gegangen. The Passenger ...

ZEITmagazin: ...Iggy Pops größter Hit...

Esther Friedman: ...ist ja eine Hymne auf die Berliner S-Bahn. Jim hat fast jeden Tag einen Ausflug mit der S-Bahn gemacht. Die Fahrten haben ihn zu dem Song inspiriert, insbesondere die Strecke raus zum Wannsee. Jim und David sind auch öfter gemeinsam nach Ost-Berlin gefahren, in einem 600er Mercedes, um den sich Davids Fahrer kümmerte.

ZEITmagazin: Wie sind Sie eigentlich nach Berlin gekommen?

Esther Friedman: Mit meinem Freund Norbert. Wir haben uns in Mannheim kennengelernt, da bin ich zur Schule gegangen. Norbert wollte nicht zur Bundeswehr, und wenn man damals in West-Berlin lebte und studierte, wurde man nicht eingezogen. Also gingen wir gemeinsam.

"Er war sehr schüchtern und hat kaum etwas gesagt"

ZEITmagazin: Wie war damals die Stimmung in der Stadt?

Esther Friedman: Die war schon sehr besonders. Einerseits gab es sehr viele junge Leute, Aussteiger, Studenten, Typen, die hier gestrandet waren, und andererseits gab es viele alte Berliner, die hier geboren waren. Aber die Mitte fehlte, das Bürgerliche, Familien. Es war extrem, und so haben wir auch gelebt.

ZEITmagazin: Auf einer Party begegneten Sie also Iggy Pop. Wussten Sie, wer er war?

Esther Friedman: Nein, ich kannte mich damals mit Musik nicht wirklich aus, von den Stooges, Jims früherer Band, hatte ich noch nie gehört. Von heute aus betrachtet wirkt das vielleicht seltsam, die Stooges gelten als erste Punkband, aber damals waren sie mir kein Begriff. Ich habe an dem Abend nach der Modenschau Jim als einen coolen Typen kennengelernt, der Musik machte und gerade nach Berlin gezogen war.

ZEITmagazin: Was war Ihr erster Eindruck von ihm?

Esther Friedman: Er war sehr schüchtern und hat kaum etwas gesagt. Er hatte den Schlagzeuger Klaus Krüger gebeten, uns einander vorzustellen. Es war auch alles neu für ihn, die Sprache, die Stadt. Ich habe ihm meine Telefonnummer gegeben, und irgendwann rief er an, wir sind dann Kaffee trinken gegangen. Es hat sich langsam entwickelt. Ich wohnte ja mit Norbert zusammen. Jim hat uns oft besucht. Norbert war ein hervorragender Klavierspieler, wir hatten kleine Musikabende zu Hause. Jim hat gesungen, Lieder wie My Funny Valentine, Musik von Cole Porter, Gershwin. Norbert hat Klavier gespielt, das war eigentlich alles ganz harmonisch.

ZEITmagazin: Und irgendwann wurden Sie ein Paar.

Esther Friedman: Ich hatte eine Fotografenlehre abgeschlossen und war auf der Suche nach Aufträgen. Jim fragte mich eines Tages, ob ich ihn auf seiner nächsten Tournee begleiten wolle, als Fotografin. Da habe ich geantwortet: Ja, aber nur, wenn ich ein Gehalt bekomme und ein eigenes Zimmer. Ich wollte nicht wie ein Groupie mitgeschleppt werden. Schließlich rief mich sein Management an und hat mir einen Vertrag angeboten. Und so bin ich mit Jim nach Kopenhagen gereist, das war der Auftakt einer zweiwöchigen Tour. Aus zwei Wochen wurden sieben Jahre.

ZEITmagazin: Sieben Jahre, in denen Iggy Pop seine größten Hits schrieb wie eben »The Passenger« und »China Girl«, das später auch von David Bowie gesungen wurde.

Esther Friedman: Ja, auf der zweiwöchigen Tour begleitete David Bowie übrigens Jim auf dem Piano. Seine Assistentin Coco war auch wieder dabei. Vor Kurzem hat sie mir gemailt und mich gefragt, ob ich nicht ein paar Fotos von David aus der Zeit habe. Haha, habe ich ihr geantwortet, ich hätte mich damals nie getraut, die Kamera auf David zu richten.

ZEITmagazin: Wieso nicht?

Esther Friedman: Heute kann man sich das nicht mehr vorstellen, jeder hat eine Kamera in seinem Mobiltelefon und macht ständig Fotos, aber damals war Fotografie etwas Besonderes, jedes Bild zählte, auch für David, der darauf sehr genau geachtet hat. Ich war dann ohnehin so verliebt in Jim, ich wollte nur ihn fotografieren.

ZEITmagazin: Welche Pläne hatten Sie damals?

Esther Friedman: Wenn ich auf diese Zeit zurückblicke, denke ich wirklich: Du machst einen Plan für die nächsten zwei Wochen, trittst eine Reise an und kommst sieben Jahre später zurück. Es war ein Trip. Das ist doch wirklich ein Traum, oder? Man braucht so wenig, ein Paar Schuhe, ein paar Jeans, ein paar T-Shirts. Das ist eine Lektion, die ich damals gelernt habe: Alles Materielle ist ersetzbar.

ZEITmagazin: Als Sie von der zweiwöchigen Tournee zurückkamen, sind Sie mit Iggy Pop zusammengezogen in seiner Wohnung in der heute legendären Hauptstraße 155 in Berlin-Schöneberg.

Esther Friedman: Zunächst hatte ich eine eigene kleine Wohnung am Savignyplatz. In die Hauptstraße bin ich erst später gezogen. Im Vorderhaus wohnte David, und Jims Wohnung war im Hinterhof, ein schöner Altbau. Wir haben noch mit Kohle geheizt, ich weiß noch, wie begeistert Jim war, wenn der Mann kam, der die Briketts hochbrachte. Der hatte so ein Holzgestell auf dem Rücken. Die Wohnung war günstig, die Miete betrug 170 Mark. In der Nachbarschaft gab es das Andere Ufer, ein Schwulencafé, damals einer der ersten Läden in Berlin, die richtigen Cappuccino gemacht haben mit geschäumter Milch. Rocker haben denen eines Tages den Laden kurz und klein geschlagen, David kam gerade nach Hause und fand sie alle heulend in ihrem Trümmerhaufen. Da hat er den Jungs spontan eine neue Fensterscheibe spendiert, das haben sie ihm nie vergessen.

ZEITmagazin: Stimmt die Geschichte, dass Iggy Pop nachts in einer Telefonzelle war und ein Punk sie von außen abgeschlossen hat?

Esther Friedman: Ja, das ist morgens um drei passiert. Telefonzellen hatten früher tatsächlich Schlösser. Jim kam gerade aus dem Dschungel in der Nürnberger Straße und rief mich an: »Hör mal, ich bin hier in einer Telefonzelle eingeschlossen worden, du musst mir helfen!« Ich sagte: »Lass dir eine bessere Geschichte einfallen. Wieso rufst du mich morgens um drei an und weckst mich?« Dann habe ich aufgelegt.

ZEITmagazin: Warum?

Esther Friedman: Ich kann es vielleicht so erklären: Bei einem Anruf um drei Uhr morgens war es nicht Jim, der sich meldete, sondern Iggy.

ZEITmagazin: Der aufgekratzte Punkrocker.

Esther Friedman: Der Arme, er saß in dieser Telefonzelle bis morgens um sechs. Ein Taxifahrer hat ihn entdeckt und konnte die Tür mit einem Generalschlüssel öffnen. Man weiß bis heute nicht, wer ihn da eingeschlossen hat.

ZEITmagazin: Neben dem Dschungel in Schöneberg gab es in Kreuzberg den Club SO36, den der Künstler Martin Kippenberger gegründet hatte.

Esther Friedman: Ja, ich weiß noch, wie mich Martin einmal um Mitternacht anrief, ich solle Dias von Jims Tour mitbringen, er wolle im Club eine kleine Fotoshow veranstalten. Das haben wir dann gemacht. Wir waren oft dort, David, Coco, Jim und ich. David war ja schon ziemlich berühmt, aber er konnte ohne Bodyguards da reingehen. Die Kids haben ihn zwar angesprochen, aber es war alles friedlich.

Die Berlin Ära - eine Mischung aus Schwarzbrot, Bier und Kokain

ZEITmagazin: Iggy Pop und David Bowie haben viel gefeiert und viel gearbeitet. »Lust for Life«, so hat sich Iggy Pop später einmal erinnert, sei auf einer »Diät aus deutschem Bier, Rotwein, Schwarzbrot, Kokain und deutscher Wurst« entstanden.

Esther Friedman: Ich konnte damals überhaupt nicht kochen (lacht). David hat ja eine Berlin-Trilogie produziert, seine Alben Low, Heroes und Lodger. Bei Jim waren es The Idiot und Lust for Life. Und ehrlich gesagt, ich finde bis heute, dass das ihre besten Platten sind.

ZEITmagazin: Erinnern Sie sich an den Moment, als Sie das erste Mal »China Girl« gehört haben?

Esther Friedman: Ja, das ist auf dem Album The Idiot, ich weiß noch, dass Jim es mir vorgespielt war, als es noch nicht ganz fertig war. Anfangs hat er noch bei David gewohnt, weil seine eigene Wohnung renoviert wurde. Er hat mich heimlich in Davids Wohnung gelassen – es durfte ja eigentlich niemand zu ihm nach Hause, ohne dass das mit David besprochen worden war. Und da saß ich also in einem der sieben Zimmer, Jim setzte mir Kopfhörer auf, und ich hörte die Platte.

ZEITmagazin: Die beiden haben in den Hansa-Studios zusammengearbeitet, waren Sie da manchmal dabei?

Esther Friedman: Anfangs nicht, aber irgendwann hatte auch David genug Vertrauen gefasst. David konnte Jims Songs gut produzieren, obwohl der Sound von David Bowie und Iggy Pop sehr unterschiedlich ist. Das ist das Großartige an David Bowie: Er hat die Begabung, sich selbst zurückzunehmen und auf den Künstler einzugehen, den er produziert. Bei Lou Reed ist ihm das auch gelungen. David wollte das Beste aus Jim herausholen.

ZEITmagazin: Sie waren zwei Jahre lang in Berlin, dann zog es Sie beide weg. 1980 erschien in der Zeitschrift »Sounds« ein Interview mit Iggy Pop, geführt von Diedrich Diederichsen. »Berlin war eine Zeit lang besonders«, schimpft Iggy Pop. »Heute sind da zu viele Künstler, zu viele Leute mit Karottenjeans. Idioten. Ich hab die Wohnung in Berlin aufgegeben und ziehe nach New Orleans.«

Esther Friedman: Natürlich sind wir nie nach New Orleans gezogen, aber Jim mochte die Vorstellung, in einer amerikanischen Stadt zu leben, in der man Französisch spricht. Tatsächlich sind wir nach New York gegangen. Es war eine verrückte Zeit, einfach jeder schien damals in New York zu leben, ständig liefen wir Andy Warhol über den Weg, und David spielte in The Elephant Man am Theater. Von Berlin nach New York zu gehen war definitiv der richtige Weg.

ZEITmagazin: Sie waren auch drei Monate gemeinsam in Haiti. Das Foto für das Cover von Iggy Pops Album »Zombie Birdhouse« haben Sie dort gemacht.

Esther Friedman: Das war 1981. Jim war dort ein Jahr zuvor gewesen mit einem Freund, und ihm hatte es dort gut gefallen. Wir wollten nur ein paar Wochen ausspannen, aber es wurden drei Monate. Es war entsetzlich.

ZEITmagazin: Entsetzlich?

Esther Friedman: Wir waren am ersten Abend in eine Voodoo-Zeremonie geraten, und Jim hat sich gleich ausgezogen und getanzt. Der Voodoo-Priester fand das gar nicht lustig. Er verfluchte uns. Ich glaube zwar nicht an solche Dinge, aber die Wochen danach waren unvorstellbar. Jim ging ständig verloren, versoff unser Geld, wurde irgendwo auf der Straße aufgelesen. Er war außer Rand und Band. Wir waren pleite. Ich musste bei einem belgischen Zahnarzt als Arzthelferin Zähne ziehen, um unser Rückflugticket zu finanzieren. Der schlimmste Abend aber war, als wir in einem Restaurant saßen und plötzlich alle um uns herum verstummten. Am Strand legte ein Boot an, und eine Gruppe von Männern kam ins Restaurant. Unter ihnen war der als brutal bekannte Diktator Haitis, Jean-Claude Duvalier, genannt »Baby Doc«. Ich sagte zu Jim: »Reiß dich zusammen, bitte. Schau ihn nicht an, rede nicht mit ihm. Er lässt jeden umbringen, der ihm krumm kommt.« Ich hatte fürchterliche Angst. Aber zum Glück hörte Jim diesmal auf mich. Haiti war ein einziger Albtraum.

ZEITmagazin: Wie ging Ihre Beziehung zu Iggy Pop eigentlich zu Ende?

Esther Friedman: Das war nach einer Tournee von Jim in Japan. Er war kaputt, und ich war kaputt. Ich flog zurück nach Europa, und es war uns beiden klar, es war aus.

ZEITmagazin: Einfach so?

Esther Friedman: Ja. Er selber wollte keine große Diskussion und ich auch nicht. Ich habe ihn nicht mehr angerufen, er hat mich nicht mehr angerufen, so war das. Das war 1983. Seine Mutter rief mich weiterhin immer wieder an. Und dann hat er eine Japanerin geheiratet. Jim ist kein nostalgischer Mensch, er schaut nicht zurück, sondern immer nach vorn. Und ich bin auch so. Nostalgie ist schön, aber man muss immer auch nach vorne sehen, sonst bleibt man in der Vergangenheit hängen. Jim und ich haben seit ein paar Jahren wieder Kontakt miteinander. Wenn Jim hier in der Nähe spielt, fahre ich ihn, wir plaudern hinter der Bühne ein wenig, und dann fahre ich wieder nach Hause.

ZEITmagazin: Warum, glauben Sie, haben Sie zueinandergefunden? Gab es in Ihren Biografien vielleicht Parallelen?

Esther Friedman: Jim kam aus schwierigen Familienverhältnissen, sein Vater war ein Waisenkind und wurde als 14-Jähriger adoptiert, die Familie wohnte in einem mobile home. Er führte schon früh ein ziemlich rastloses Leben. Er liebte es, auf Tour zu sein, unterwegs zu sein.

"Wie ein Bodybuilder, der seinem Grab entstiegen ist"

ZEITmagazin: Und Sie?

Esther Friedman: Ich komme aus einer jüdischen Familie, meine Eltern waren Holocaust-Überlebende. In den Fünfzigern sind sie mit mir nach New York City gezogen. Nach dem Tod meiner Mutter bin ich wieder nach Deutschland gegangen. Mir war Heimat eigentlich nie wichtig, oder genauer: Jim und ich waren beide rastlos.

ZEITmagazin: In der Zeit, in der Sie mit Iggy Pop zusammen waren, schrieb ein britischer Journalist über ihn, er sehe aus »wie ein Bodybuilder, der gerade seinem Grab entstiegen ist«.

Esther Friedman: Jim ist gesegnet mit einem guten Körper. Ohne dass er viel tun musste, hat er einfach toll ausgesehen.

ZEITmagazin: Er hat sich auf der Bühne oft ausgezogen.

Esther Friedman: Das war seine Art, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Jim ist ein genauer Beobachter und ein sensibler Kerl. Ich weiß noch, wie ich zum ersten Mal erlebt habe, dass er sich auf der Bühne mit einer kaputten Flasche schnitt, ganz bewusst. So brachte er die Leute dazu, ihm ihre ganze Aufmerksamkeit zu schenken. Er hat das damals oft gemacht, wenn er gemerkt hat, dass das Publikum nicht aufmerksam war.

ZEITmagazin: Haben Sie erwartet, dass Iggy Pop so alt werden würde?

Esther Friedman: Ja, Jim hatte immer eine gute Konstitution. David war physisch der Zartere. Was Jim sich alles angetan hat, und heute merkst du fast nichts davon! Gut, man sieht ihm sein Alter an, er ist ja auch schon Mitte sechzig. Und neulich habe ich ein Video gesehen auf YouTube, da konnte man erkennen, dass er Schmerzen hatte auf der Bühne. Er ist zwar aufgetreten, aber ich konnte sehen, dass er humpelte. Er hat sich vor einigen Jahren bei einem Sprung von der Bühne ins Publikum eine schlimme Verletzung zugezogen, sie mussten die Tournee absagen. Aber sonst wirkt er fit, und er hat immer noch lange Haare. Obwohl ich ihn lieber mit kürzeren sehen würde, ich finde, das steht ihm besser. Damals, als wir zusammen waren, hätte er nie gedacht, dass er eines Tages in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen würde, nie. Er hat damals ja nicht viele Platten verkauft. Aber er hat den Rock ’n’ Roll auf seine Art geprägt.

ZEITmagazin: Und er hat überlebt.

Esther Friedman: Ja. Und er hat es sogar geschafft, zu überleben, ohne sich zu verkaufen.

ZEITmagazin: Nach dem Ende Ihrer Beziehung mit Iggy Pop sind Sie nach Deutschland zurückgekehrt und eine erfolgreiche Galeristin geworden, erst in Heidelberg, später in Frankfurt. Unter anderem haben Sie lange den berühmten Lichtkünstler James Turrell vertreten, heute beraten Sie Kunstsammler. Haben Sie nie daran gedacht, wieder nach Berlin zu ziehen?

Esther Friedman: Doch, ich hatte nach dem Mauerfall sogar eine Zeit lang einen Raum in Berlin gemietet, weil ich überlegt habe, mit meiner Galerie dorthin zu ziehen. Aber es war merkwürdig: Meine Berliner Jahre mit Jim waren zu präsent in meinem Kopf, und ich wollte lieber nach vorne schauen. Also bin ich in Frankfurt geblieben. Aber klar: Wenn ich 20 Jahre jünger wäre, würde ich morgen nach Berlin ziehen.

ZEITmagazin: Vor einigen Wochen erschien wie aus dem Nichts ein neues Lied von David Bowie, gewidmet seinen Berliner Jahren – Ihren gemeinsamen Berliner Jahren.

Esther Friedman: Ich mochte es gleich beim ersten Hören, Coco hatte es mir geschickt. Es geht um unsere Zeit, die er offenbar ähnlich empfindet wie ich. Es ist nostalgisch, aber nicht traurig. Es ist eine schöne Erinnerung.

ZEITmagazin: Wie sind Sie eigentlich auf die Idee gekommen, Ihre Fotos aus der Zeit zu veröffentlichen?

Esther Friedman: Ich hatte bei mir zu Hause einen Korb herumstehen, in dem die Fotos und Erinnerungsstücke aus den Jahren mit Jim lagen. Ich wollte sie eigentlich wegschmeißen, mein Gott, dachte ich, was willst du damit? Dann habe ich meinen Nachbarn kennengelernt, den Gestalter Stefan Weil. Es stellte sich heraus, dass er ein großer Fan der Stooges ist. Er hat mich davon überzeugt, die Fotos aufzubewahren. Du musst sie veröffentlichen, hat Stefan zu mir gesagt, und er hat nicht lockergelassen.

ZEITmagazin: Frau Friedman, zum Schluss: Wenn Sie heute zurückblicken, was, würden Sie sagen, macht Ihre Generation aus?

Esther Friedman: Wir haben nie an unsere Zukunft gedacht. Wenn uns die Älteren ermahnt haben, wir sollten an die Zukunft denken, haben wir nicht zugehört.