Ikea-GründerSchöne Grüße von Ingvar

Kaum einer weiß, dass Ingvar Kamprad, der Gründer von Ikea, Wurzeln in Thüringen hat: Sein Vater ist hier geboren, später zog die Familie nach Schweden. Eine Erkundung im Altenburger Land. von Ariane Breyer

Vorsichtig hat er den Umschlag geöffnet. Es ist besondere Post, die vorige Woche eintraf. Von Ingvar, handgeschrieben: schöne Grüße. Von Kamprad zu Kamprad. Dazu ein Foto, das den Ikea-Gründer im Kreise seiner drei Söhne zeigt.

Der Brief liegt noch unbeantwortet auf Klaus-Jürgen Kamprads Schreibtisch in Altenburg, Thüringen. Kamprad, Jeans, Dreitagebart, sportlich, wirkt jünger als jene 50 Jahre, die er alt ist. Mit dem anderen Kamprad, dem weltbekannten, heute 86-jährigen, korrespondiert er auf Papier, »ganz altmodisch«, sagt er. Sie schreiben sich oft, auf Deutsch. Manchmal besuchen sie sich. Dreimal war Klaus-Jürgen schon bei Ingvar in der Schweiz, der kocht dann, und sie schauen sich gemeinsam den Garten an. Sie sind, so kann man es wohl sagen, entfernte Cousins. Ende des 17. Jahrhunderts gab es einen Daniel Kamprad, der in den Stammbüchern beider Linien auftaucht. Klaus-Jürgen sitzt an seinem Schreibtisch, malt Linien in die Luft, wischt sie wieder weg. Er möchte bloß nicht, dass man denkt, er wolle sich mit seiner berühmten Verwandtschaft aufspielen. »Ist ja mehr oder minder Zufall, dass wir gleich heißen.«

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Was selbst im Altenburger Land kaum jemand weiß: Der Gründer des Weltkonzerns Ikea und mit geschätzten 31 Milliarden Euro Privatvermögen zweitreichste Mann Europas – hat seine Wurzeln hier, im thüringisch-sächsischen Grenzland, zwischen Chemnitz und Leipzig. Ingvar Kamprad ist nicht nur Schwede, sondern auch ein wenig Ossi. Und sein Erfolg hat mehr mit dieser sächsisch-thüringischen Familiengeschichte zu tun, als man zunächst glaubt.

Die Familie ist eines der zentralen Themen des Patriarchen. Seinen Vater band Ingvar Kamprad von Anfang an eng an sein Unternehmen; später auch die drei Söhne, denen er zur Begrüßung stets einen Kuss gibt. Es heißt, er küsse auch enge Mitarbeiter auf die Wange. Den ganzen Konzern inszeniert er als Familie, die große, gut gelaunte Ikea-Familie.

Vor fünfeinhalb Jahren kam Ingvar bei Klaus-Jürgen im thüringischen Altenburg vorbei, heimlich, mit seiner Frau Margaretha, die inzwischen verstorben ist, seinem Privatsekretär und dessen Frau. Sie blieben drei Tage. Man fuhr zusammen durchs Altenburger Land. Auf Ahnenbesuch. »Back to the roots«, sagt Klaus-Jürgen Kamprad. »Ingvar ist das wichtig, die Verbindung zur Familie, die familiären Wurzeln.« Und Per Heggenes, Sprecher des Patriarchen, sagt: »Er war einfach neugierig auf den Wohnort seiner Vorfahren.«

Die Geschichte des Kamprad-Clans lässt sich mehrere Hundert Jahre zurückverfolgen. Einige Kapitel spielen rund um den Hasselbacher See. Die Straßen dort werden heute im Winter kaum gestreut. Dörfer ohne Bäcker. Eingeworfene Fensterscheiben. Kein Ort, an dem Multimilliardäre Urlaub machen.

Von seinem Besuch im Jahr 2007, als er inkognito reiste, hat Ingvar Kamprad noch nie öffentlich erzählt. Auch nicht, dass er in den frühen Jahren der DDR schon einmal hier war, mit seinem Vater. Die Wurzeln suchen. Es war keine einfache Suche. Sie führte an Schauplätze, die inzwischen abgerissen waren oder eingestürzt. Aber man ahnt bald, was den Alten an dieser Suche interessiert hat: So viele Helden und so viele Unglückliche gab es in diesem Clan.

Das Gut in Neupoderschau, auf dem Ururgroßvater Christian lebte, der erste Sozialaufsteiger der Familie, gibt es nicht mehr. Was noch steht, ist ein Teil vom Rittergut Wildenhain. Wildenhain, das sind heute ein, zwei Straßen, die sich einen Hügel hinaufschlängeln. Abends bellt ein Hund. Zu dem ältesten Haus gehörte mal ein Vierseithof, der ist nicht mehr da, aber der alte Nussbaum steht noch. Urgroßvater August Zacharias wohnte hier, der großherzogliche Forstmeister, verheiratet mit einer Adeligen, Sidonie von Bärenstein. Der erste Sohn würde, so war das Recht, den Hof erben.

Der zweite Sohn, Ingvars Großvater Erdmann Achim, ging nach Böhmen, fand eine Frau, nahm sein Geld und kaufte unbesehen einen Bauernhof in Småland, Schweden. 1896 – da war Franz Feodor, Ingvars Vater, drei Jahre alt – verließ die Familie Thüringen und zog nach Småland. Warum? Klaus-Jürgen Kamprad sagt, der Grund sei die Aufbruchstimmung der Zeit gewesen. Der Zweitgeborene, daheim ohne Hof, zog aus, das Glück woanders zu finden. Das Glück kam dann auch. Aber zu spät. Dazu später mehr.

Die Freundschaft zu Ingvar hat Klaus-Jürgen geerbt. Sein Onkel, ein passionierter Familienforscher, heute verstorben, hat den prominenten Verwandten aufgetan. Hat Vorträge über die Historie der Kamprads gehalten. Hat sich Fotos von Ingvar besorgt, dessen Mimik nachgeahmt und mit seiner verglichen: wie aus dem Gesicht geschnitten. In den achtziger Jahren nahm er Kontakt auf. Die Verbindung hielt viele Jahre. 2000 schrieb Klaus-Jürgen dann zum ersten Mal selbst an Ingvar. Sehr höflich. »Wenn man jemanden anschreibt, der so im Fokus der Öffentlichkeit steht, dann weiß man ja nicht, wie der reagiert.« Noch letztes Jahr galt Ingvar Kamprad als reichster Europäer. Schon klar, was der sich denkt. »Dass man Geld will, natürlich.«

Klaus-Jürgen Kamprad ist in der Nähe von Altenburg geboren, hat in Leipzig Musikwissenschaft studiert und bald danach einen kleinen Verlag für klassische Musik gegründet. Mittlerweile ist er Chef einer Verlagsgruppe, die im früheren Kontorgebäude einer Handschuhfabrik sitzt, hat über ein Dutzend Angestellte, das Label liefert in die USA und nach Japan. Gerade landete Kamprad einen Coup: Seine Bruckner-Sinfonien haben einen wichtigen Preis gewonnen, den International Classical Music Award, »eine Referenz für die nächsten Jahrzehnte«. Man kann sagen, Klaus-Jürgen verkauft, was er liebt.

Ingvar Kamprad war es eigentlich immer egal, was er verkauft: Er liebte das Verkaufen. Versuchte es mit Kulis. Merkte, dass kleine Möbel gut gehen. Besonders, wenn sie sympathische Namen haben. Kaufte immer so billig wie möglich ein, auch bei Herstellern in der DDR. Die ließen auch billig fertigen – unter anderem von politischen Häftlingen. Zum Beispiel in Waldheim, 50 Kilometer östlich von Altenburg, oder in Naumburg, 50 Kilometer nach Westen. Zwangsarbeit. Vor ein paar Monaten musste Ikea zugeben, seit den achtziger Jahren davon gewusst, diese Zwangsarbeit aber nicht unterbunden zu haben. Der Konzern entschuldigte sich. Opferverbände fordern eine Entschädigung, Ikea will mit ihnen zusammenarbeiten. Aber zahlen?

Leserkommentare
  1. gehalten hat.

    "Der zweite Sohn, Ingvars Großvater Erdmann Achim, ging nach Böhmen, fand eine Frau."

    Diese Frau war Deutsche, Sudetendeutsche. Bevor hier wieder die Österreicher-sind-keine-Deutschen-Diskussion aufkommt, empfehle ich einen Blick in die selbstverfassten Statistiken der K&K-Monarchie in der neben Kroaten, Ungarn etc. selbstverstänlich Deutsche auftauchen. Und damit waren keine Einwanderer aus dem deutschen Reich gemeint.

    Zurück zu I. K.s Großmutter deren Heimat das Sudetenland nach dem 1. Weltkrieg so einfach der neu entstandenen Tschechoslowakei zugeteilt wurde. Dieser Fantasiestaat der nach dem 1. WK zur Bestrafung Deutschlands und Ungarns entstand, nannte sich Tschechoslowakei, obwohl dort mehr Deutsche (22.95%) lebten als Slowaken (16%).

    Dieses offensichtliche Verbrechen gegen das Selbstbestimmungsrecht der Völker manifestierte sich in I.K.s Hang zum Nationalsozialismus in jungen Jahren. In den Akten des schwedischen Geheimdienstes von 1943 wurde er als "Nazi" gelistet. siehe:

    http://en.wikipedia.org/w...

    Er selbst bezeichnet dies als den größten Fehler seines Lebens.

    Es ist schön, wenn I.K. die Heimat seiner Vorfahren in Thüringen besucht, denn die gibt es noch.
    [...]

    Gekürzt. Verzichten Sie auf revisionistische und relativierende Äußerungen. Die Redaktion/mak

    Eine Leserempfehlung

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