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Eine neue Expertenkaste soll Google und andere kontrollieren: Ein Treffen mit Computerforscher Viktor Mayer-Schönberger von  und

Selten beginnt die Erfolgsgeschichte eines Buches aus dem Westen in China, wie in diesem Fall. Viktor Mayer-Schönberger, Professor am Internet Institute im britischen Oxford, erzählt bei einem Stopp in Hamburg, wie es dazu kam. Und wie er versucht, seine Ideen nun in der ganzen Welt zu verbreiten.

Sein Buch Big Data war noch gar nicht gedruckt, da riefen hochrangige chinesische Beamte beim Verlag an, sie hätten gerne ein Vorabexemplar. Denn der Telekommunikationsminister in Peking habe das Buch bereits gelesen und sei begeistert.

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In Big Data beschreiben Viktor Mayer-Schönberger und sein Co-Autor, der Journalist Kenneth Cukier vom Economist, die ökonomischen und gesellschaftlichen Chancen, die in digitalen Datenbergen verborgen liegen; in Datenbergen, die in Unternehmen und Verwaltungen jede Sekunde wachsen, die aber bisher nur zu einem Bruchteil ausgewertet werden. »Big Data« gilt Experten als Quell neuen ökonomischen und gesellschaftlichen Wohlstands und als aktuell größter Trend in der Informationstechnologie. Große Unternehmen wie die Allianz-Versicherung und der Versandhändler Otto versuchen längst, diesen Datenschatz zu heben.

Bald nach den chinesischen Spitzenbeamten meldeten sich führende Manager der Volksrepublik, und so waren mehrere Hundert Exemplare im Umlauf, bevor Mayer-Schönberger das Buch im vergangenen Dezember überhaupt in Peking vorstellte. Big Data war in den folgenden Wochen das meistverkaufte Wirtschaftsbuch in China.

Big Data: Neue Informationen

So viele Daten wie heute wurden noch nie gesammelt: Die Universität Hawaii schätzt, dass mehr Daten in Computerspeichern liegen als Sandkörner an den Stränden der Welt. Die Datenmengen verdoppeln sich auch noch alle zwei Jahre. Unternehmen haben ihre liebe Not damit, diese rohen Datenmassen beherrschbar zu machen. Zumal das »Big Data«-Versprechen lautet, dass die wirklich interessanten Informationen ausgerechnet in Datensätzen zu finden sind, die bunt durcheinander und auf den ersten Blick weitgehend unverbunden sind.

Neue Technik

Bei einem Teil dieser Herausforderungen können Unternehmen inzwischen den technischen Fortschritt nutzen. Es gelingt heute besser, unstrukturierte Datenmassen einzufangen und sie in eigens dafür konstruierten Datenbanken zu speichern – bisweilen über Tausende Rechner auf verschiedenen Kontinenten verteilt – und sie zügig zu durchforsten.

Neue Fragen

Das eigentliche Problem aber lautet: Welche Fragen soll man stellen, wenn man all die Daten erst mal hat? Was will man eigentlich finden? Big Data heißt auch, nach Zusammenhängen zu suchen, die menschliches Fassungsvermögen übersteigen. Da entsteht neue Hightech, eine Kreuzung aus Mathematik, Informatik und Betriebswirtschaft. Aber sie steckt noch in den Kinderschuhen.

Der Wissenschaftler zählt auf, in welche Länder er seine Ideen als Nächstes tragen kann – und welche sich noch verschließen. Big Data wird vom 1. März an auf Englisch, Portugiesisch, Französisch, Koreanisch, Spanisch, Italienisch, Niederländisch, Japanisch, Taiwanesisch und Türkisch veröffentlicht. Auf Deutsch erscheint es nicht.

Denn obwohl es nur wenige deutschsprachige Wissenschaftler gibt, die sich in der internationalen Debatte über die Zukunft von Internet und Informationstechnologie einen Namen gemacht haben wie Mayer-Schönberger, hat sich hierzulande kein großer Verlag gefunden, der sein Buch herausbringen will. Häuser aus Berlin, Hamburg und München hätten gesagt, die hiesige Öffentlichkeit lese zu wenig Bücher über Internet und Technologie, erzählt der Autor.

Das allein mag die deutsche Debatte über Computer und die technische Entwicklung noch nicht charakterisieren. Aber es sind bisher auch keine Anfragen aus dem Berliner Regierungsviertel eingegangen – weder von Regierungsbeamten noch von Spitzenpolitikern. Deutschland bleibt also vorläufig ein Reiseziel, das Mayer-Schönberger keine Pflicht auferlegt. Er denkt darüber ganz höflich nach, er wird nicht scharf, nicht laut. Aber als Wissenschaftler, der schon an vielen Orten gelebt hat, versteht er die Ignoranz der Deutschen nicht. Er stammt aus dem österreichischen Zell am See, studierte unter anderem im britischen Cambridge, promovierte in Salzburg, habilitierte sich in Graz, war Professor an der amerikanischen Harvard Kennedy School, bis er sich schließlich in Oxford am Internet Institute niederließ.

Beispiele von UPS bis "Minority Report"

Was in seinem Buch steht? Mayer-Schönberger beginnt, eine Geschichte zu erzählen, aber keine, in der es vordergründig um riesige Rechenzentren und unverständliche Software geht, sondern um den Paketdienst UPS. Dessen Fahrer biegen in den USA, sooft es geht, rechts ab, auch wenn sie links abbiegen müssten, um ihr Ziel zu erreichen. Sie folgen damit einer Anweisung ihrer Geschäftsleitung, und auch wenn diese Anweisung unsinnig erscheint, ist sie doch ökonomisch rational. Der Paketdienst spart damit jedes Jahr zehn Millionen Dollar. UPS hat diesen Zusammenhang mithilfe einer sogenannten Big-Data-Analyse entdeckt. Dabei führt eine spezielle Software mehrere Datensätze zusammen, in diesem Fall: Unfallstatistiken, Statistiken über den Benzinverbrauch und die Aufzeichnungen über Millionen Touren der UPS-Fahrer. So stellte sich heraus, dass die UPS-Transporter deutlich seltener in Unfälle verwickelt sind, wenn sie nicht links abbiegen und somit den Gegenverkehr kreuzen, sondern stattdessen dreimal rechts abbiegen und dann geradeaus die Straße überqueren, von der sie ansonsten links abgebogen wären.

Mayer-Schönberger und Cukier haben viele Dutzend Fälle recherchiert, in denen der ökonomische Nutzen von Big Data bereits sichtbar wird. Und sie belegen, dass eben nicht nur Google, Facebook und Amazon große Datenmengen beherrschen müssen und Geld damit verdienen können, sondern dass Big Data ein Thema in praktisch jeder Branche sein wird – und vielerorts bereits ist.

Leserkommentare
  1. Schön wenn der Herr ein solcher Optimist ist...

    Vielleicht sollte man aber das größere Problem ansprechen dass welches mit dieser Sammelwut in Zusammenhang steht:
    http://www.ted.com/talks/eli_pariser_beware_online_filter_bubbles.html

    Wir dürfen nicht entscheiden was wir sehen wollen sondern es wird für uns entschieden... - so passiert es mir immer wieder dass ich daheim für akademische Themen bessere Ergebnisse von Google bekomme als an der Uni.

    Vor diesem Hintergrund muss man dann auch fragen ob es nicht besser wäre die eine oder andere ineffiziente Handlung im System zu akzeptieren - zum Wohle aller.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Wir dürfen nicht entscheiden was wir sehen wollen sondern es wird für uns entschieden"
    ---------------------
    Trauen Sie einem Volk, dass Regierungen wählt, die dieses vorantreiben, allen Ernstes die Kompetenz zu, selbst zu entscheiden?

    • scoty
    • 24. Februar 2013 11:25 Uhr

    " Big Data war in den folgenden Wochen das meistverkaufte Wirtschaftsbuch in China "

    im Lande der Kopien kann man dies irgendwie nicht nachvollziehen.

    Eine Leserempfehlung
  2. Google zum Beispiel wird sich nicht gern in die Algorithmen schauen lassen. Jeder wird seine so geheim wie möglich halten - denn schließlich winken Wettbewerbsvorteile. Daten wollen alle saugen - aber den Nutzwert wollen alle für sich allein. Insofern wird hier Wind produziert.

    Ein wohlmeinender Ansatz der dummerweise davon ausgeht, dass der Datenschutz sowieso etwas von gestern ist.

  3. Ich habe auch einigen Podien beigewohnt zu Big Data und auch mir ist es unverständlich, warum dieses Thema in Deutschland so wenig Beachtung findet. Wahrscheinlich liegt es daran, dass die Potentiale dieser Technologien eben nicht in der Sicherung von Privilegien liegen, sondern auch in der Emanzipation der Bürger - das fängt bei Stadtplanung an und hört bei der zivilen Kontrolle von Polizei und Militär bspw. bei Demonstrationen auf.

    Aber nicht nur auf diesem Gebiet ist ein eklatanter Wissensrückstand der deutschen Gesellschaft zu beklagen. Auch hinsichtlich EUropa sind die Deutschen recht lesefaul. Kaum eine Buchhandlung führt Literatur zur Europäischen Union und ihrer Politik. Das ist erschreckend und ernüchternd, wenn man mal in London oder Brüssel unterwegs war und merkt, welches Wissen den Deutschen vorenthalten wird/ welchem Diskurs sie sich selbst verschließen.

    Andererseits zeigt sich am Beispiel Big Data vielleicht auch, dass sich die Deutschen endlich daran gewöhnen sollten regelmäßig englischsprachige Literatur zu lesen. Die Blütezeit der auf ein nationales Publikum fokussierten Verlagsanstalten scheint vorüber zu sein und der Niedergang wird beschleunigt durch autistische gesellschaftliche Diskurse im deutschsprachigen Raum.

    Eine Leserempfehlung
  4. >>Big Data erlaubt also in verschiedenen Fällen eine bessere gesellschaftliche Steuerung.<<

    Das war auch der Sinn von Big Brother, nämlich totale Kontrolle zur besserern "Steuerung" der Gesellschaft.

    Bevor man die Debatte führt, "welche Korrelationen man nutzen darf und welche nicht" muss man doch zuerst die Debatte führen, "wer steuert da in welchem Sinn und zu welchem Zweck?".

    Wenn aus der Debatte demokratisch legitimierte Strukturen entstehen, dann mag Big Data tatsächlich einen Sinn ergeben zur Stärkung des Gemeinwohls bzw. allgemeiner Wohlfahrt.

    Bisher liegt der Nährwert aber eher stark in der Nähe einer Planwirtschaft, die diesmal nicht von einer Partei, sondern von einer neuen Expertenkaste gesteuert wird und deren Nutznießer in erster Linie Aktionäre sind. Vielleicht sollten sich die Linken mal genauer mit der Idee auseinandersetzen, um einer alten Idee eine neue Grundlage zu geben?

    @ahlibaba2 - Wo sehen Sie, dass die "Potentiale dieser Technologien eben nicht in der Sicherung von Privilegien liegen, sondern auch in der Emanzipation der Bürger"?

    So wie es dargestellt wird und im Interview zum Ausdruck kommt, ist das nur ein Schritt zu einem neuen Totalitarismus.

    Wobei ich es ziemlich bedenklich finde, dass totalitäre "Expertokratie"-Ideen im IT Bereich so weit verbreitet sind (ich erinnere nur an die Piraten-Diskussion in den Foren - was da alles zum Vorschein kam...).

    • Rychard
    • 25. Februar 2013 10:10 Uhr

    haben keinen Sinn ..

  5. "Wir dürfen nicht entscheiden was wir sehen wollen sondern es wird für uns entschieden"
    ---------------------
    Trauen Sie einem Volk, dass Regierungen wählt, die dieses vorantreiben, allen Ernstes die Kompetenz zu, selbst zu entscheiden?

    Antwort auf "Big Data:"

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