Zum Wesen von Big Data gehört auch, dass digitale Daten keinen vorher festgelegten Nutzen haben, sondern dass die Kombination verschiedener Datensätze ganz neuen, unerwarteten Mehrwert schaffen kann.

UPS zum Beispiel zeichnet die Touren seiner Fahrer mithilfe eines Navigationssystems auf. Alle 60.000 Fahrzeuge sind mit dem gleichen System ausgestattet, es stammt von der Firma Inrix, die auch Verträge mit anderen großen Unternehmen hat. Privatleute können die Software ebenfalls nutzen. Es gibt sie sogar als kleines Programm fürs iPhone. Weil dadurch alle Nutzer des Navigationssystems automatisch ihren Standort und auch die Geschwindigkeit melden, mit der sie sich fortbewegen, kann Inrix sehr schnell und akkurat anzeigen, wo es einen Stau gibt.

DIE ZEIT: Liegt es nicht ziemlich nahe, dass Inrix aus den Nutzerdaten auch Staus ermittelt und anzeigt?

Viktor Mayer-Schönberger: Einige Dinge liegen näher, andere ferner. Nicht so erwartbar ist beispielsweise, dass sich aus den Daten von Fico, einer amerikanischen Gesellschaft, die die Kreditwürdigkeit von Schuldnern prüft, ableiten lässt, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein alter Patient zuverlässig seine Medikamente nimmt. Daraus kann man wiederum eine Prognose ableiten, wie schnell man diesen Patienten aus dem Krankenhaus entlassen kann. Gesamtgesellschaftlich führt das zu einer Senkung der Gesundheitskosten. Big Data erlaubt also in verschiedenen Fällen eine bessere gesellschaftliche Steuerung.

Daran schließt sich sofort eine Debatte an, welche Korrelationen man nutzen darf und welche nicht. Patienten danach zu beurteilen, ob sie stets ihre Schulden bezahlt haben, würde in Deutschland sicher kontrovers diskutiert. Prognosen über eine Genesung alter Menschen in ihrem Zuhause abzugeben und zu verwenden, die mit Daten der Schufa erstellt werden, scheint kaum vorstellbar. Und auch Mayer-Schönberger verschweigt nicht, welche politischen Herausforderungen entstehen. Im Gegenteil. Auch deshalb lobt der renommierte Experte für Informationsrecht an der Universität Harvard, Lawrence Lessig, das Buch. Nicht weniger positiv haben es die Internet-Vordenker Clay Shirky und Cory Doctorow rezensiert. Alle drei sind dafür bekannt, dass sie entschieden für Freiheit und Bürgerrechte eintreten.

ZEIT: Wie kann eine Gesellschaft solche Prognosen, wie Sie sie beschreiben, nutzen, ohne den Einzelnen in seiner Freiheit, auch in seinem Recht auf Irrationalität einzuschränken? Und wieso sollte es gut sein, die Zukunft eines Menschen unumstößlich aus der Vergangenheit abzuleiten?

Mayer-Schönberger: Vor allem muss geregelt sein, wie ein Betroffener eine von einem Computer errechnete Vorhersage entkräften kann. Das Extrembeispiel ist der Film Minority Report, in dem die Polizei laufend Prognosen darüber erstellt, wer möglicherweise ein Verbrechen begehen will, und diese potenziellen Kriminellen ins Gefängnis wirft. Das Gegenteil kann der Beschuldigte gar nicht beweisen. Dieses Beispiel klingt absurd, aber vergleichbare Situationen gibt es längst. Nehmen Sie eine Prognose, ob Sie einen Kredit zurückzahlen werden oder nicht. Wenn Sie ihn aufgrund dieser Prognose nicht bekommen, werden Sie das Gegenteil nie beweisen können. Hier müssen wir dafür sorgen, dass die Vorhersage transparent und widerlegbar ist, dass sie die Menschen nicht erdrückt. Das ist die große Herausforderung. Im Buch nennen wir es die Dark Side of Data.

ZEIT: Wie kann man dieser dunklen Seite begegnen?

Mayer-Schönberger: Die Gesellschaft muss politisch sicherstellen und in Gesetzen festlegen: In der Verwaltungs- und Strafgerichtsbarkeit dürfen solche Prognosen nicht verwendet werden, um über Schuld oder Unschuld zu entscheiden. Für andere wichtige Entscheidungen, also ob ein Kredit gewährt wird oder eine Operation stattfindet, muss der Algorithmus, der Risikovorhersagen berechnet, von einem Experten einsehbar sein. Die Faktoren, die in die Berechnung der Prognose einfließen, müssen transparent sein, und es muss Regeln geben, wie der Betroffene das Ergebnis widerlegen kann.

ZEIT: Woher sollen die von Ihnen geforderten Experten kommen?

Mayer-Schönberger: Wir glauben, dass sich eine eigene Kaste von Experten entwickeln wird, die Algorithmiker.

ZEIT: Wie Wirtschaftsprüfer für die Bilanz?

Mayer-Schönberger: Genau, sie müssen das Wissen über das Design von Algorithmen haben und sich dann einen spezifischen Algorithmus ansehen.

ZEIT: Sie fordern also eine Art Algorithmus-TÜV.

Mayer-Schönberger: Genau.

Sucht man nach einer Analogie, dann bietet sich das Umweltrecht an. Es gibt heute Umweltingenieure und viele andere Spezialisten, die dafür sorgen, dass Gesetze und DIN-Normen zu Umweltfragen eingehalten werden. Im Verlauf der Zeit ist so eine ganze Expertenkaste entstanden, die man sich in den Anfängen der modernen Umweltgesetzgebung, also vor etwa 40 Jahren, kaum hat vorstellen können.

An diesem Freitag beginnt die Debatte um das Buch von Mayer-Schönberger und Cukier in den USA auch für eine breitere Öffentlichkeit. Das öffentlich-rechtliche Radio NPR wird es in seiner Morgenshow diskutieren, und die amerikanischen Kirkus Reviews, ein Fachblatt der Buchbranche, an dem sich viele Händler orientieren, empfahlen Big Data – A Revolution That Will Transform How We Live, Work, and Think. So setzt sich die Wirkungsgeschichte eines Buches, die in China begann, nun fort.

In Deutschland ist Big Data demnächst auf Englisch lieferbar.

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