Italiens Unternehmer : Pakt der Übriggebliebenen

Italiens Wirtschaft geht es schlecht. Der ganzen Wirtschaft? Nein! Ein Besuch bei zwei Erfolgsunternehmern.

Zeiten der Krise sind Zeiten des Aussiebens. Achtzig Lakritzfirmen gab es einmal in Kalabrien, im Süden Italiens, wo der Stiefel seine Fußspitze hat. Jetzt, nach fünf Jahren Dauerkrise, gibt es noch vier.

Sechzig Firmen, die Formen und Werkzeuge aus Blech, Stahl und Plastik stanzen, gab es vor sieben Jahren noch in der Gegend von Bassan, im Nordosten Italiens, am Rande der Dolomiten. Heute sind es noch vierzig.

Zwei völlig verschiedene Regionen, zwei völlig verschiedene Branchen, zwei ähnliche Niedergangsgeschichten. Viele sind weg. Niemand wird nachkommen.

Ist bald alles verloren?

Nein!, rufen diejenigen, die noch da sind. Wir sind die, die zeigen können, wie Italien aus der Krise kommt. Wir haben es bis hierhin geschafft, und wir werden es weiter schaffen!

Erzählen wir also ihre Geschichte. Die Geschichte der Übriggebliebenen. Und beginnen wir im Süden, an einer großen Ausfallstraße einer kleinen Stadt: bei Amarelli in Rossano, einer der vier letzten Lakritzfabriken.

Die Wellen des Mittelmeers klatschen ans Kieselsteinufer, in den grünen Hügelketten reiht sich ein Mehrfamilienhaus ans andere. Die Hauptstraße ist gesäumt von Vierstöckern, Pizzerien, Tankstellen. Alles Neubauten. Nur ein Haus nicht, ein herrschaftlicher Bau mit einladendem Portal aus dem fünfzehnten Jahrhundert: der Stammsitz der Amarellis.

Der erste Amarelli, der hier lebte, hieß Alessandro und starb auf einem Kreuzzug. Das war 1103. Durch Kriege gewann die Familie an Reputation und an Ländereien. 1731 fing sie an, Lakritz aus Süßholzwurzeln zu produzieren, die überall wild in der Gegend wachsen. Bis heute tun sie es auf demselben Gelände. An einem Ende eines Schotterplatzes steht das alte Fabrikgebäude, ein strahlend weißes Haus mit hohem Schornstein, das mehr nach teurer Ferienwohnung als nach schweißtreibender Arbeit aussieht. Am anderen Ende liegt das Landhaus, in das Fortunato Amarelli führt. Amarelli, 40, trägt zur Jeans Pullover und Sakko. Er ist der Chef der Lakritze, in vierzehnter Generation. Der erste Eindruck: Der Mann ruht in sich, leise Stimme, kaum Gestik, kaum Mimik. Vielleicht, weil er nicht in Tagen und Monaten denkt, wie alle anderen, sondern in Dynastien? Was sind schon fünf Jahre Krise gegen 281 Jahre Firmengeschichte?

"Amarelli", sagt Fortunato Amarelli, "ist deswegen so erfolgreich, weil wir beständig sind. Wir bleiben immer am selben Ort, sind nie über unsere Verhältnisse gewachsen, laden jeden zu uns nach Rossano ein, sich die Fabrik anzuschauen, und produzieren die Lakritze nach dem immer gleichen Rezept."

Von Krise nichts zu spüren?

"Für uns ist es ein schwierigerer Balanceakt, den Staffelstab in der Familie weiterzugeben, als eine Krise zu überstehen."

Zwei Generationen leiten den 40-Mann-Betrieb: Fortunato und seine Schwester sind die jüngeren, seine Tante und ihr Mann die älteren. Fortunato studierte Jura, machte in Mailand seinen Doktor. Dann kehrte er nach Rossano zurück. An den Ort, an dem er als Kind mit seinen Freunden Natale und Francesco auf den Süßholzwurzeln rumsprang. An den Ort, an dem Natale und Francesco heute für Amarelli arbeiten.

Natale raspelt die Süßholzwurzeln, damit der Saft von der Wurzel getrennt und das Lakritz nach sechs Stunden Kochen in die kleinen Pastillenformen gebracht werden kann. Francesco glasiert die Lakritzpastillen mit heißem Wasser. "Die Familie von Natale ist in der zehnten Generation bei uns, das findet man doch nirgendwo mehr", sagt Amarelli.

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Kommentare

14 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

"Erfolgsunternehmern, die vom Staat nichts mehr erwarten"

Oh ja, davon könnten wir in Deutschland wohl auch einige gebrauchen. für die Firmen und Steuer-Erhöhung für die Verbarucher fordert ...

Überhaupt wäre es günstig, wenn man den alten Kennedy "Frage nicht, was Dein Land für Dich tun kann. Frage, was Du für Dein Land tun kannst" auch auf die deutsche Wirtschaft ("Deutschland seine Wirtschaft") ausdehnen würde. Und sich nicht durch allerlei Beihilfen, Forschungszulagen, Subventionen ... auffüttern lässt. Oder sich von HartzIV-Empfängern den Strom bezahlen lässt.

Und wenn "Italiens klügster Ökonom" zusammen mit "Deutschlands klügstem Ökonomenen" ((c) BILD-Zeitung) einhellig ins neoliberale Horn bläst: Steuerentlastung für die (Export-)Industrie, MwSt von den Verbraucern, dann weiss ich doch, dass "Europa" zusammengewachsen ist, und damit meine ich kein Europa der Bürger.

Immerhin habe ich ein Bookmark auf diesen Artikel gelegt. Damit ich mich künftig auf das Zitat "Typ des parasitären Unternehmers" berufen kann.