Tradition hat für ihn einen Eigenwert, der Blick in die Vergangenheit gibt die Richtung vor: Deshalb ist Amarelli kein Unternehmen mit vielen Standorten auf der Welt geworden. Deshalb haben sie noch nie Werbung geschaltet. Deshalb haben sie für viel Geld ein Museum im Landhaus eingerichtet, das jährlich 40.000 Besucher hat.

Der Erfolg gibt ihnen recht. Die Firma hat einen Jahresumsatz von vier Millionen Euro, sie macht zwei bis drei Prozent Gewinn. Solides Wachstum nennt Amarelli das. "Und das ist nur möglich, weil wir aus Amarelli eine Idee gemacht haben, eine Marke, mit der andere exklusive und traditionelle Familienunternehmen zusammenarbeiten wollen."

Für Pirelli hat Amarelli einen Reifen nur aus Lakritz gefertigt, 70 Kilo wiegt er. Für Ferrari und JCDecaux produzierte Amarelli eine limitierte Auflage seiner Döschen mit den Firmenlogos. Strega macht mit Amarelli-Lakritze Likör, Montblanc hat ein exklusives Schreibset für Amarelli gestaltet. Und Amarellis Shop im Landhaus erinnert an die Riesenauswahl in Fan-Shops von Fußballbundesligisten: Da gibt es Jutebeutel, Geschenksets, Lakritze, die aussehen wie Kieselsteine, Grissini mit Lakritz, Lakritzsalz, Lakritznudeln, Parfüm mit Lakritz, Zahnpasta mit Lakritz.

Siebzig Prozent der Ware gehen in die heimischen Läden, dreißig Prozent ins Ausland, das meiste nach Europa. Aber das soll sich ändern, sagt Fortunato Amarelli. Nordamerika, Australien, Dubai, das sind die Märkte, in die er vordringen will. "Wer das nicht versucht, stirbt." Stirbt wie die anderen Lakritzfabriken, die nur auf den italienischen Markt gesetzt haben.

Was hat Fortunato Amarelli aus deren Konkurs gelernt? "Ich erkläre es Ihnen bildlich", sagt er. "Wenn ich Sportler werden wollte und groß wäre, könnte ich Basketballspieler werden. Ich bin aber klein, also sollte ich mir was anderes suchen. Im besten Falle könnte ich Formel-1-Autos fahren. Das haben wir bei Amarelli verstanden. Und das sollten auch die Politikern in unserem Land verstehen: Italien ist kein Basketballspieler, aber es hat Geschichte und Firmen mit Geschichte."

Italien, geführt wie ein großer Familienbetrieb: mit Weitsicht, Ruhe, Top-Level-Kooperationen, mit einem realistischen Verständnis für die eigene Größe. Das wäre ein Land, wie es sich Fortunato Amarelli wünscht.

Aber dieses Land gibt es nicht.

Die Wahlen an diesem Wochenende könnten von einem Mann gewonnen werden, der für das Gegenteil von Bescheidenheit steht: Silvio Berlusconi. Berlusconi, der seit 1994 die italienische Politik beherrscht und dreimal Premierminister war, ist selbst Unternehmer. Er hat immer wieder versprochen, dass er die "Firma Italien" wie ein Unternehmen führen würde. Das aber hat er nicht gemacht. Einer der Gründe dafür ist, dass er den Typ des parasitären Unternehmers darstellt. Berlusconi konnte sein Medienimperium nur aufbauen, weil er von der Politik protegiert wurde. Und als Ministerpräsident hat er alles getan, um den Staat in den Dienst seiner Interessen zu stellen. Berlusconi mag eine Ausnahmeerscheinung sein, doch der Typus "politischer Unternehmer" hat in Italien beträchtliches Gewicht. Viele Politiker haben von ihm gelernt. Sie betrachten Italiens Wirtschaft als ein Art Lehen, das sie nach Belieben mit Steuern und Abgaben auspressen können – davon betroffen sind vor allem die kleinen und kreativen Betriebe, die in der Vergangenheit viele Krisen überstanden, weil sie immer beweglich blieben.