Italiens Unternehmer : Pakt der Übriggebliebenen
Seite 3/4:

"Wir können nur überleben, weil wir Hochtechnologie produzieren"

"Jedes Produkt ist ein Einzelstück, alles Auftragsarbeit", sagt der Chef

Ist Amarellis Vision vom erfolgreichen Gleichklang zwischen Staat und Familienbetrieben also nichts als südländische Verklärung? Fahren wir ans andere Ende Italiens, nach Romano d’Ezzelino, eine Stunde nördlich von Padua gelegen. Dort liegt die Werkzeugbau- und Stanzfirma Venzo Stampi in einem kleinen Industriegebiet, einem grauen Zweckgebäude aus den Sechzigern. Sandro Venzo, der Besitzer, öffnet die Tür. Ein kleiner Mann, 41, Jeans, Trainingsjacke mit Firmenlogo, strubbeliges blondes Haar. "Willkommen im Reich der Maschinen", sagt er.

Hundert Quadratmeter ist seine Fabrikhalle groß, zwei Etagen gibt es. Oben werden die schlichteren Formen gelagert, Teile von Regenrinnen, Metallgehäuse für Herdplatten; unten werden die komplexen Werkzeugformen produziert. Aus bis zu 600 Einzelteilen setzen die neun Arbeiter sie zusammen. 450 Kilo, 1.000 Arbeitsstunden, 60.000 bis 70.000 Euro kostet das Stück. Große Lkw-Firmen kaufen sie, um damit den Tank ihrer Trucks zu ummanteln. "Wir können nur überleben, weil wir Hochtechnologie produzieren", sagt Sandro Venzo. "Jedes Produkt ist ein Einzelstück, alles Auftragsarbeit."

Venzo geht zur ersten Maschine, erklärt, wie in die Stahlquader Löcher gestanzt werden, wie die Quader in Formen geschnitten, poliert und mit den anderen Einzelteilen zu einem Ganzen zusammengesetzt werden. Dann bittet er in sein Büro. Ein kahler Raum, an den Wänden hängt abstrakte Kunst, große Farbflächen in grellen Tönen, von Venzo selbst gemalt.

Ende der Sechziger gründete sein Vater die Firma zusammen mit einem Kollegen. Sie produzierten ausschließlich für die Region, lieferten Teile für Fahrräder und Bomben. 1988 trennten sich die Partner, Venzos Vater machte alleine weiter, und sein Sohn begann in der Fabrik zu arbeiten. Sie richteten sich neu aus, ganz Italien war nun der Markt. "Für uns war das ein Riesenschritt", sagt Venzo. Es kamen neue Maschinen und neue Elektronik. Mitte der Neunziger sagte der Vater dann zu seinem Sohn: Sandro, ich verstehe diese Technik nicht mehr, du musst das übernehmen. Und Sandro übernahm den Betrieb. Mit seinem Bruder teilt er sich die Arbeit: Er, der Arbeiter mit den vernarbten Händen, kümmert sich um die Maschinen und die Technik. Sein Bruder macht die Organisation.

Das Geschäft läuft gut, trotz Krise in der Automobilindustrie. Venzo Stampi wächst, jedes Jahr um 25 Prozent. In den vergangenen zwei Jahren haben sie zwei Leute eingestellt. Jetzt sind sie zu zwölft. "Wir haben Glück, weil wir Spezialteile anfertigen."

Nur Glück?

Der Staat?! Schlimmer kann er nicht mehr werden

"Na ja, nicht nur, wir haben unsere Strategie auch komplett umgekrempelt." Bis 2009 verkaufte Venzo Stampi nur auf dem italienischen Markt. Dann begann die Krise, und einige Kunden bezahlten nicht mehr pünktlich. Sandro Venzo hatte ein Loch von 300.000 Euro in der Kasse. Das Geld bekam er erst nach Monaten wieder. Für ihn war klar: Italien ist zu unsicher für das Geschäft geworden. Er suchte neue Kunden, in Deutschland, bei den großen Autoherstellern, vor allem aber außerhalb von Westeuropa, in Brasilien, Russland. Und er fand sie. Heute macht er mit italienischen Firmen nur noch knapp zehn Prozent des Umsatzes. "Wenn wir nicht rausgegangen wären, wären wir jetzt pleite", sagt Venzo.

Tausende von Kleinstbetrieben sind in der Region Venetien in den vergangenen Jahren verschwunden. Sie kamen nicht klar mit den neuen Absatzmärkten, den anderen Sprachen. Sandro Venzo stellte gleich 2009 einen Spezialisten für die Akquise im Ausland ein, der Englisch und Deutsch spricht, und er traf sich mit den Konkurrenten aus der Region. Gemeinsam beschlossen sie: Wenn du mal zu viele Aufträge auf einmal reinkriegst, helfe ich dir. Und wenn ich mal zu wenig Aufträge habe, hilfst du mir.

Verlagsangebot

Entdecken Sie mehr.

Lernen Sie DIE ZEIT 4 Wochen lang im Digital-Paket zum Probepreis kennen.

Hier testen

Kommentare

14 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

"Erfolgsunternehmern, die vom Staat nichts mehr erwarten"

Oh ja, davon könnten wir in Deutschland wohl auch einige gebrauchen. für die Firmen und Steuer-Erhöhung für die Verbarucher fordert ...

Überhaupt wäre es günstig, wenn man den alten Kennedy "Frage nicht, was Dein Land für Dich tun kann. Frage, was Du für Dein Land tun kannst" auch auf die deutsche Wirtschaft ("Deutschland seine Wirtschaft") ausdehnen würde. Und sich nicht durch allerlei Beihilfen, Forschungszulagen, Subventionen ... auffüttern lässt. Oder sich von HartzIV-Empfängern den Strom bezahlen lässt.

Und wenn "Italiens klügster Ökonom" zusammen mit "Deutschlands klügstem Ökonomenen" ((c) BILD-Zeitung) einhellig ins neoliberale Horn bläst: Steuerentlastung für die (Export-)Industrie, MwSt von den Verbraucern, dann weiss ich doch, dass "Europa" zusammengewachsen ist, und damit meine ich kein Europa der Bürger.

Immerhin habe ich ein Bookmark auf diesen Artikel gelegt. Damit ich mich künftig auf das Zitat "Typ des parasitären Unternehmers" berufen kann.