Italiens Unternehmer : Pakt der Übriggebliebenen
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Die Manager des Landes brauchten mehr Autonomie

Es ist der Pakt der Übriggebliebenen. Sie unterstützen sich, weil sie wissen, dass nicht mehr der Betrieb um die Ecke die Gefahr ist, sondern die Konkurrenz in China, mit den Billiglöhnen. "Wenn wir uns gegenseitig unterstützen, kommen wir weiter", sagt Venzo. "Sonst hilft uns ja niemand."

Auch nicht der Staat?

Venzo reißt die Augen auf. "Der Staat? Nein", sagt er. Und der sonst so ruhige Mann wird mit einem Mal impulsiv. "Das einzig Positive, was ich über den Staat sagen kann, ist, dass es nicht mehr schlimmer werden kann!" Dieser Papierkram, der nötig ist, um den Betrieb zu erweitern – die kleinsten Dinge funktionieren nicht. Sechs Monate habe es gedauert, bis er ein Schild mit seinem Firmennamen draußen am Zaun aufhängen durfte. Die Straße, an der die Firma liegt, gehört zu zwei Orten, die schickten nacheinander ihre Beamten und konnten sich nicht einigen, wer das Montieren des Schildes veranlassen darf.

Weil der Staat ihm bislang nie geholfen hat, macht Sandro Venzo alles allein. Er will nicht abhängig sein von korrupter Politik, die vor allem um sich selbst kreist. Er will so weitermachen wie bisher. Das hat ihm den Erfolg gebracht. Er macht Gewinn – genau wie Amarelli. Beide setzten auf die gleichen Erfolgsfaktoren, nur in anderer Reihenfolge: Bei Amarelli ist Marketing alles. Das hochwertige Produkt und die Kooperationen dienen dazu, die Idee Amarelli noch besser verkaufen zu können. Sandro Venzo verkauft an andere Firmen und nicht an Endverbraucher. Da zählt nur das hochwertige Produkt. Die Kooperationen und das Marketing sind ganz darauf ausgerichtet.

Weisen Amarelli und Venzo Stampi damit Wege aus der Krise?

Fragen wir zum Abschluss den berühmtesten Ökonomen des Landes, Tito Boeri, Professor an der Bocconi-Universität in Mailand. Als er von den Firmen hört, sagt er: "Klar, die Strategien gehen auf." In Nischen mehr bieten als die billigere Konkurrenz aus Asien, damit der Kunde überzeugt ist: Dieses Produkt ist einzigartig, Export in die Wachstumsregionen als wichtigster Schritt in die Zukunft, Sprachen sprechen, mit anderen italienischen Betrieben kooperieren, die eigene Firma als Marke aufbauen. Das sei elementar für alle Betriebe.

Doch dann steht Boeri auf, geht zum Schrank und kramt ein Buch hervor, seine neuste Studie über Manager in Italien. "Wenn dieses Land aber wirklich aus der Krise raus will", sagt er, "müssen noch zwei andere Dinge passieren." Die Manager des Landes brauchten mehr Autonomie, das habe er empirisch belegt.

Gerade in Familienbetrieben hingen sie viel zu stark von den Launen des Eigentümers ab. Und der Staat müsse endlich agieren: "Die Arbeitskosten sind viel zu hoch in unserem Land. Wenn wir mit den Steuern runtergehen, könnten wir das durch einen höheren Mehrwertsteuersatz ausgleichen, das würde auch dem Export helfen." Boeri geht zurück an seinen Schreibtisch. Er zeigt auf einen Graphen, den er mit Edding an die Wand gekritzelt hat. Die Kurve fällt steil ab, und er sagt: "Wenn sich da nichts ändert, geht der Absturz weiter. Dann werden viele italienische Betriebe mit der Konkurrenz aus dem Ausland gar nicht mehr mithalten können. Egal ob die aus Deutschland oder aus China kommt."

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Kommentare

14 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

"Erfolgsunternehmern, die vom Staat nichts mehr erwarten"

Oh ja, davon könnten wir in Deutschland wohl auch einige gebrauchen. für die Firmen und Steuer-Erhöhung für die Verbarucher fordert ...

Überhaupt wäre es günstig, wenn man den alten Kennedy "Frage nicht, was Dein Land für Dich tun kann. Frage, was Du für Dein Land tun kannst" auch auf die deutsche Wirtschaft ("Deutschland seine Wirtschaft") ausdehnen würde. Und sich nicht durch allerlei Beihilfen, Forschungszulagen, Subventionen ... auffüttern lässt. Oder sich von HartzIV-Empfängern den Strom bezahlen lässt.

Und wenn "Italiens klügster Ökonom" zusammen mit "Deutschlands klügstem Ökonomenen" ((c) BILD-Zeitung) einhellig ins neoliberale Horn bläst: Steuerentlastung für die (Export-)Industrie, MwSt von den Verbraucern, dann weiss ich doch, dass "Europa" zusammengewachsen ist, und damit meine ich kein Europa der Bürger.

Immerhin habe ich ein Bookmark auf diesen Artikel gelegt. Damit ich mich künftig auf das Zitat "Typ des parasitären Unternehmers" berufen kann.