Italiens UnternehmerPakt der Übriggebliebenen

Italiens Wirtschaft geht es schlecht. Der ganzen Wirtschaft? Nein! Ein Besuch bei zwei Erfolgsunternehmern. von 

Zeiten der Krise sind Zeiten des Aussiebens. Achtzig Lakritzfirmen gab es einmal in Kalabrien, im Süden Italiens, wo der Stiefel seine Fußspitze hat. Jetzt, nach fünf Jahren Dauerkrise, gibt es noch vier.

Sechzig Firmen, die Formen und Werkzeuge aus Blech, Stahl und Plastik stanzen, gab es vor sieben Jahren noch in der Gegend von Bassan, im Nordosten Italiens, am Rande der Dolomiten. Heute sind es noch vierzig.

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Zwei völlig verschiedene Regionen, zwei völlig verschiedene Branchen, zwei ähnliche Niedergangsgeschichten. Viele sind weg. Niemand wird nachkommen.

Ist bald alles verloren?

Nein!, rufen diejenigen, die noch da sind. Wir sind die, die zeigen können, wie Italien aus der Krise kommt. Wir haben es bis hierhin geschafft, und wir werden es weiter schaffen!

Erzählen wir also ihre Geschichte. Die Geschichte der Übriggebliebenen. Und beginnen wir im Süden, an einer großen Ausfallstraße einer kleinen Stadt: bei Amarelli in Rossano, einer der vier letzten Lakritzfabriken.

Fakten zu Italien: Schulden

130 Prozent des Bruttoinlandsprodukts beträgt die Staatsverschuldung. 2013 wird das BIP voraussichtlich um 0,2 bis 0,5 Prozent sinken.

Arbeitslosigkeit

11 Prozent der Italiener haben keinen Job, die Jugend ist besonders betroffen: Rund ein Drittel ist arbeitslos. Seit 2008 sind die Lohnkosten, anders als in den meisten Euro-Ländern, gestiegen.

Unternehmen

87. Platz für Italien in der Weltbank-Studie Doing Business 2012, die dieWettbewerbsfähigkeit der Länder prüft. In der EU wurde nur Griechenland schlechter bewertet.

Die Wellen des Mittelmeers klatschen ans Kieselsteinufer, in den grünen Hügelketten reiht sich ein Mehrfamilienhaus ans andere. Die Hauptstraße ist gesäumt von Vierstöckern, Pizzerien, Tankstellen. Alles Neubauten. Nur ein Haus nicht, ein herrschaftlicher Bau mit einladendem Portal aus dem fünfzehnten Jahrhundert: der Stammsitz der Amarellis.

Der erste Amarelli, der hier lebte, hieß Alessandro und starb auf einem Kreuzzug. Das war 1103. Durch Kriege gewann die Familie an Reputation und an Ländereien. 1731 fing sie an, Lakritz aus Süßholzwurzeln zu produzieren, die überall wild in der Gegend wachsen. Bis heute tun sie es auf demselben Gelände. An einem Ende eines Schotterplatzes steht das alte Fabrikgebäude, ein strahlend weißes Haus mit hohem Schornstein, das mehr nach teurer Ferienwohnung als nach schweißtreibender Arbeit aussieht. Am anderen Ende liegt das Landhaus, in das Fortunato Amarelli führt. Amarelli, 40, trägt zur Jeans Pullover und Sakko. Er ist der Chef der Lakritze, in vierzehnter Generation. Der erste Eindruck: Der Mann ruht in sich, leise Stimme, kaum Gestik, kaum Mimik. Vielleicht, weil er nicht in Tagen und Monaten denkt, wie alle anderen, sondern in Dynastien? Was sind schon fünf Jahre Krise gegen 281 Jahre Firmengeschichte?

"Amarelli", sagt Fortunato Amarelli, "ist deswegen so erfolgreich, weil wir beständig sind. Wir bleiben immer am selben Ort, sind nie über unsere Verhältnisse gewachsen, laden jeden zu uns nach Rossano ein, sich die Fabrik anzuschauen, und produzieren die Lakritze nach dem immer gleichen Rezept."

Von Krise nichts zu spüren?

"Für uns ist es ein schwierigerer Balanceakt, den Staffelstab in der Familie weiterzugeben, als eine Krise zu überstehen."

Zwei Generationen leiten den 40-Mann-Betrieb: Fortunato und seine Schwester sind die jüngeren, seine Tante und ihr Mann die älteren. Fortunato studierte Jura, machte in Mailand seinen Doktor. Dann kehrte er nach Rossano zurück. An den Ort, an dem er als Kind mit seinen Freunden Natale und Francesco auf den Süßholzwurzeln rumsprang. An den Ort, an dem Natale und Francesco heute für Amarelli arbeiten.

Natale raspelt die Süßholzwurzeln, damit der Saft von der Wurzel getrennt und das Lakritz nach sechs Stunden Kochen in die kleinen Pastillenformen gebracht werden kann. Francesco glasiert die Lakritzpastillen mit heißem Wasser. "Die Familie von Natale ist in der zehnten Generation bei uns, das findet man doch nirgendwo mehr", sagt Amarelli.

Leserkommentare
  1. Dachte ich, frei nach Kästner, des öfteren, wenn ich in deutschen Zeitschriften über Italien las. Ich habe diesen Artikel mit großer Freude gelesen, der den Menschen in Italien mit ihren Fähigkeiten endlich einmal gerecht wird. Ich wünschte, die Italiener könnten sich endlich aus dem Schatten des ewigen Paten- und Berlusconi-Klischees lösen und der Welt zeigen, was wirklich in ihnen steckt: ein beeindruckends kreatives Potenzial und die Fähigkeit, das mit gesundem Menschenverstand auf einfache, pragmatische Art und Weise umzusetzen. Ich hege doch noch die Hoffnung, dass das Volks sich darauf endlich selbst besinnt und diesen grässlichen Cavalliere ein für alle mal vom dem Sattel wirft.

    Eine Leserempfehlung
    • Plupps
    • 22. Februar 2013 10:19 Uhr

    aber doch bar jeder echten Information über die Lage in Italien.
    Außer dem Stempel "Berlusconie ist schuld" - ach ehrlich, viele dieser Probleme hat es vor B, ohne B und wird es auch nach B in Italien geben.
    Richtig ist natürlich, dass B dem Land keine neue Richtung gegeben hat.

    Aber wie gesagt: Ein schönes Lesestück

  2. handwerklich gemacht ab 600,- € kaufen, wir freuen uns dann sehr.

    Sowie Staubsauger und Motorsägen in China nachproduziert werden (Deutsche Originale), werden auch Prada Schuhe, die im übrigen gerne von Touristen gekauft werden, Schwarz und Illegal produziert..

    Grüße

    • Moika
    • 22. Februar 2013 11:04 Uhr

    den ich bisher in dieser Sache gelesen habe. Das ist, in meinen Augen, guter Journalismus. Investigativ muß eben nicht nur heißen, anderer Leute Schlafzimmer auszuspähen.

  3. 22.2.13 Entsetzen geht durch Europa. Der Schuldenbaron Berlusconi will wieder an die Macht. Die Krise atmet gerade durch, nun droht Rückschlag. Erinnern wir uns, Banken-u. Staatsschuldenprobleme sind nicht gelöst, eher auf die lange Bank geschoben. Schulden türmen sich nur höher, wenn sie auf die Bank der Zeit geschoben. Und, solange die Übel des Raubeinkapitalismus nicht per Gesetz radikal ausgemerzt werden, wird nichts besser. Eine Bankenunion macht nur Sinn, wenn schnellstens, ja am besten sofort reguliert und kontrolliert wird. Gleiches gilt für eine kontrollierte Fiskalpolitik hochverschuldeter Staatshaushalte. Wenn es nun erneut in Italien brodelt und Berlusconi mit Rückkehr winkt, Zypern sich mit Geldwäsche am Überleben hält, in Athen, Madrid, Lissabon und Rom weiter bis zum Abwinken gestreikt wird, werden diese Funken das Feuer der Krise bald wieder zum Flächenbrand hochpeitschen. Wolfgang Werkmeister, Buchautor, Eschborn

    • Hengist
    • 24. Februar 2013 15:12 Uhr

    One of the firms cited as an Italian success story - Venzo Stampi srl (as well as 55 other firms in the region) - is seriously thinking of moving their factories across the border to Austria. You can read about it in Italian (see link given below). This suggests the Die Zeit article was researched and written a while ago.

    http://politicaesocieta.b...

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