Karl Lagerfeld"Ich will alles wissen"

Der Modeschöpfer Karl Lagerfeld über seine Sammelleidenschaft – und darüber, warum er keines der erworbenen Bilder aufhängt. von Tobias Timm

In St. Moritz kann man nicht nur über Skipisten, breit wie Autobahnen, fahren und Pferderennen auf einem zugefrorenen See bestaunen, man kann auch Kunst kaufen. Mehrere wichtige Galerien betreiben hier Filialen, in der Dependance der Galerie Gmurzynska eröffnete am Montag eine ganz besondere Ausstellung. Der Modedesigner Karl Lagerfeld präsentiert hier seine jüngsten Arbeiten, keine Kleider, sondern drei Triptychen. Er hat Porträtfotos von zwei Models und dem Rapper Theophilus London in kleine und größere Punkte gerastert und dann mit unterschiedlichen Farben in drei Meter hohe, ein Meter breite Glasscheiben brennen lassen. Und das alles mit einer neuen und komplizierten Technik, die ihm sein Verleger Gerhard Steidl vermittelt hat, das sogenannte Fire Etching. 350.000 Euro sollen die Triptychen jeweils kosten, es sind Unikate. Als ihn eine Journalistin nach der Bedeutung dieser Glasbilder fragt, versucht sich Lagerfeld mit einem Voltaire-Zitat aus der Affäre zu ziehen: "Alles, was eine Erklärung braucht, ist eine Erklärung nicht wert." Bevor der Meister nach einer zweistündigen Zwischenlandung in St. Moritz wieder in seinen Jet gen Paris steigt, gibt er noch ein paar schnelle Antworten.

DIE ZEIT: Herr Lagerfeld, würden Sie das, was Sie hier in der Galerie zeigen, als Kunst bezeichnen?

Karl Lagerfeld: Ich bin dafür, dass man es Fotografie nennt. Zaha Hadid sagt, dass sie Architektin ist. Marc Newson sagt, er sei Designer. Leute, die eigentlich einen anderen Beruf haben, aber behaupten, dass sie Künstler seien, haben ein Problem. Helmut Newton hat nie gesagt, dass er ein Künstler sei. Das sagen nur die, bei denen ein Zweifel besteht.

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ZEIT: Sie haben drei Jahre lang Kunst studiert, als Sie bereits Modedesigner waren...

Lagerfeld: Ja, aber privat, nicht, um einen Doktortitel zu bekommen. Sie haben ja in Deutschland gesehen, wie das mit den Doktortiteln geht. Das ist ja eine tolle Sache. Ich habe weder Abitur noch sonst etwas. Ich habe mir alles selbst beigebracht.

ZEIT: Sollte gute Kunst politisch sein?

Lagerfeld: Ich kenne gute politische Karikaturen. Und es ist auch eine Kunst, gute Reden zu halten, wie etwa Joachim Gauck, das ist ebenfalls politische Kunst. Der französische Präsident Hollande kann nicht sehr gut reden. Aber bei der Politik kommt es ja darauf an, was am Ende herauskommt. Sie muss keine Kunst sein.

ZEIT: Ich komme darauf, weil Sie früh die Kunst der russischen Konstruktivisten sammelten, Künstler also, die sich als politisch verstanden.

Lagerfeld: Aber mich interessiert an ihrer Kunst mehr das Grafische, nicht das Politische. Ich habe in meinem Leben noch nie gewählt. Werde ich auch nicht mehr tun.

ZEIT: Als Fünfjähriger ließen Sie sich von Ihren Eltern eine Kopie von Adolph Menzels Tafelrunde mit Friedrich dem Großen zu Weihnachten schenken, weil sich darin Ihre damalige Sehnsucht von dem richtigen Leben ausdrückte. Welches Gemälde drückt heute Ihre Sehnsucht aus?

Lagerfeld: Die Menzel-Kopie habe ich immer noch. Und es bleiben immer die gleichen Künstler, die ich am liebsten mag.

ZEIT: Welche sind das?

Lagerfeld: Deutsche Expressionisten, Feininger, Jawlensky, Kandinsky. Picasso, den Zeichner mehr als den Maler, auch alte Meister. Und mein Lieblingskünstler der Gegenwart ist Jeff Koons. Wenn schon, denn schon.

ZEIT: Was macht denn gute Kunst aus?

Lagerfeld: Gute Kunst ist etwas, was Sie anspricht. Etwas, bei dem Sie nicht mehr die Frage stellen, ob es gut oder schlecht ist.

ZEIT: Kaufen Sie auch Kunst?

Lagerfeld: Ich kaufe viele Kunstbücher. Ich habe nicht das Bedürfnis, Kunstwerke zu besitzen, das ist unnötig heutzutage, es gibt so wunderbare Reproduktionen. Und ich habe keinen Platz an den Wänden. Die neue Kunst ist ja auch nicht fürs Wohnzimmer gemacht. Ich liebe etwa James Turrell und Richard Serra. Aber das ist keine Kunst fürs Wohnzimmer.

ZEIT: Warum nicht? Es gibt einige Privatsammler, die sich von dem Lichtkünstler James Turrell sogenannte Skyspaces in ihre Häuser bauen lassen.

Lagerfeld: Mit das Beeindruckendste, was ich je gesehen habe, ist ein Tempel von James Turrell auf der japanischen Insel Naoshima, auf der auch Tadao Ando gebaut hat. Aber es ist sehr kompliziert, dort hinzukommen.

Leserkommentare
  1. kann über Karl Lagerfelds Statements immer wieder zu dem einen Urteil kommen: Treffend und erfrischend!

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    • hairy
    • 21. Februar 2013 22:39 Uhr

    - Den Voltaire
    - Das mit der Selbstbenennung des Künstlers ("Das sagen nur die, bei denen ein Zweifel besteht.")
    - "Gute Kunst ist etwas, was Sie anspricht." Also: Sagt mir nichts, muss schlecht sein. Alles klar.

    Mal sehn, wer dann ein paar Hunderttausend für einen Lagerfeld hinblättert.

  2. Karl der Kleine ist immer für ein bonmot gut!

  3. Interview über all die Kunstsammler, die zu wenig lesen. Er hält es umgekeht- wunderbar.

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    • hairy
    • 21. Februar 2013 22:39 Uhr

    - Den Voltaire
    - Das mit der Selbstbenennung des Künstlers ("Das sagen nur die, bei denen ein Zweifel besteht.")
    - "Gute Kunst ist etwas, was Sie anspricht." Also: Sagt mir nichts, muss schlecht sein. Alles klar.

    Mal sehn, wer dann ein paar Hunderttausend für einen Lagerfeld hinblättert.

  4. alle gelesen? ;)

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    • garl
    • 22. Februar 2013 10:40 Uhr

    karl liest wohl kaum romane...lol.

    • garl
    • 22. Februar 2013 10:40 Uhr

    karl liest wohl kaum romane...lol.

    Antwort auf "300000 Bücher"
    • garl
    • 22. Februar 2013 10:42 Uhr

    bücher zu kunst, grafik, design, architektur etc

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  5. Es fehlt nur noch, dass er sich selbst zum Propheten ernennt. Oder hat er das etwa schon getan?
    Jedenfalls finde ich den Versuch abscheulich, so einer wohlhabenden Gesellschaft seine "Kunst" zu repräsentieren. Was soll das sonst sein ausser Kunst?? Feige ist er Stellung zu nehmen, zu dem was er macht. Seine schlauen Aphorismen, helfen nicht die Antwort zu geben, die er geben müsste. "Was eine Erklärung braucht, ist es nicht Wert erklärt zu werden"- ist der grösste Schwachsinn, den ich je gehört habe. Aber, da es so viele Definitionen gibt, muss man ja nicht noch eine hinzuzufügen.

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    ... eine gute Ausrede.

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