LebensmittelkontrollenDer Nationale Aktionismusplan

Die Lebensmittelkontrollen sollen verschärft werden. Aber die Prüfer in Europa reden zu wenig miteinander. von Julia von Sengbusch

War es eine glückliche Fügung oder doch ein Tipp aus der Branche? Was die Kontrolleure auf die Spur des Pferdefleischs geführt hat, wird wohl das Geheimnis der Irischen Behörde für Lebensmittelsicherheit bleiben. Im November vergangenen Jahres hatte sie DNA aus Fleischproben von Tiefkühl-Burgern und anderen Fertiggerichten analysiert. Das Ergebnis erschien der Behörde so brisant, dass sie zwei Monate lang die Daten kontrollierte, bevor sie an die Öffentlichkeit ging: Fast alle Rindfleisch-Burger enthielten auch Schwein. Und in einem Drittel steckte Pferd.

Seit Ende Januar läuft jetzt in vielen EU-Staaten die Fahndung nach dem Pferdefleisch. »Das dauert viel zu lange«, sagt Christiane Manthey von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Die Behörden seien nicht gut genug vernetzt. So gehe wertvolle Zeit verloren. »Das beginnt auf EU-Ebene und setzt sich in Deutschland auf Landesebene fort«, sagt Manthey. Vier Monate sind bereits seit den Funden in Irland verstrichen.

Anzeige

Um gesundheitsgefährdende Nahrungs- oder Futtermittel in der Union unverzüglich zu melden, gibt es das europäische Schnellwarnsystem RASFF (Rapid Alert System for Food and Feed): Entdecken deutsche Kontrollbehörden also ein Risiko, das auch andere Länder betreffen könnte, warnt das Bundesamt für Verbraucherschutz alle Mitgliedsstaaten. Im Fall des Pferdefleischs aktivierten die Behörden in Irland und England das System allerdings nicht. Vermutlich sah man in Pferdefleisch keine »Gefährdung«. Erst durch Medienberichte erfuhren die deutschen Behörden deshalb vom verunreinigten Rindfleisch. Am 30. Januar bat das Bundesministerium für Verbraucherschutz die zuständigen Stellen der Bundesländer in einer Rundmail, verstärkt auf Rindfleischprodukte zu achten.

Lebensmittelüberwachung ist in Deutschland Ländersache. Die Folge der föderalen Zuständigkeitsverteilung ist eine große Vielfalt bei Kontrollmethoden und Kontrollhäufigkeiten. Erst seit 2006 legen die Bundesländer gemeinsam mit dem Bundesamt für Verbraucherschutz den sogenannten »Bundesweiten Überwachungsplan« fest. Er soll für mehr Vergleichbarkeit im föderalen Durcheinander sorgen. Von den über 400.000 Proben, die deutsche Lebensmittelkontrolleure jährlich nehmen, werden weniger als ein Zehntel nach einheitlichen Kriterien untersucht. Außerdem sollen bei Lebensmitteln pro 1.000 Einwohner mindestens fünf Proben gezogen werden. In einem Bundesland wie Hessen mit 6,1 Millionen Einwohnern entspräche das etwa 30.500 Analysen im Jahr. Bei Tabak, Kosmetika und Bedarfsgegenständen wie Spielzeug oder Textilien reichen 0,5 Proben pro 1.000 Einwohner aus.

Schon diese Anforderung kann zahlreichen Landesbehörden Probleme verursachen. Der Verbraucherschutzindex 2010 offenbarte, dass nur vier Bundesländer die Quote bei Lebensmitteln erfüllten. Bei Kosmetika und Ähnlichem gelang es nur dreien. »Heute gehen wir allerdings davon aus, dass der Überwachungsplan auch erfüllt wird«, sagt Andreas Tief vom Bundesamt für Verbraucherschutz.

Verbraucherschutz
Die größten Lebensmittelskandale
1985

In Österreich wird Wein mit süßendem Diethylenglykol gepanscht, das sonst als Frostschutzmittel dient. Millionen Flaschen werden vom Markt genommen.

1987

In Seefischen werden Fadenwürmer entdeckt. Der Fischverzehr in Deutschland bricht kurzzeitig ein, die Fischhygiene-Verordnung wird erlassen. Zehn Jahre später wiederholt sich der Fall trotzdem.

1993

Gammelfleisch von hygienisch mangelhaften Schlachthöfen taucht in den Kühltruhen von Supermärkten und Kaufhäusern auf.

1997

Die BSE-Epidemie in Großbritannien lässt den Rindfleischkonsum einbrechen, da trotz des Verbots weiter Rindfleisch aus dem Vereinigten Königreich nach Deutschland gelangt. Drei Jahre später wird der erste Fall bei einem Rind hierzulande festgestellt.

2001

Shrimps aus Asien sind mit dem verbotenen Antibiotikum Chloramphenicol belastet. Die EU untersagt daraufhin die Einfuhr von Shrimps aus China.

2002

Ausgerechnet Öko-Futterweizen ist mit dem verbotenen Unkrautvernichtungsmittel Nitrofen vergiftet, das auf diese Weise in Eier und Geflügelfleisch gerät.

2003

Mit Dioxin verseuchtes Trockenfutter gelangt in der Schweinemast in Umlauf. Tausende Schweine müssen getötet werden.

2004

Geflügel-Abfälle aus der Schweiz kommen umdeklariert in die Verbrauchermärkte.

2006

Ein oberbayerisches Unternehmen soll Gammel-Eier verarbeitet haben. Die Flüssigei-Produkte werden von Nudelherstellern und Bäckereien genutzt.

2008

Mit Mäusekot und Würmern verunreinigter Mozzarella aus Italien landet in den Kühltheken Europas.

2010

Der nächste Dioxin-Skandal: Ein Futterfetthersteller fügt seinen Mischungen alte belastete Industriefette hinzu, die in Eier, Geflügel- und Schweinefleisch gelangen.

2011

In kurzer Zeit stecken sich mehrere Hundert Menschen mit dem Ehec-Erreger an. Zunächst werden Gurken als kontaminiert verdächtigt und in Massen weggeworfen, mittlerweile gelten Sprossen als Überträger. Direkt nachgewiesen werden konnte der Keim allerdings nie.

2013

Die Beimischung von Pferdefleisch in Lasagne und anderen Produkten, die laut Packungsangabe Rind enthalten, ist das bislang letzte Glied in der Kette der Skandale.

Eigentlich können die Prüfer heute ganz genau hinsehen. Mit DNA- und Eiweißanalysen lassen sich nicht nur Rind, Schaf, Schwein und Pferd voneinander unterscheiden, sondern auch verschiedene Fischsorten. Isotopenanalysen offenbaren sogar, ob ein Wein tatsächlich auf dem etikettierten Weinberg gewachsen ist. Die Nachweismethoden für Giftstoffe und Verunreinigungen werden feiner und sensibler. Doch im Alltag der Kontrollbehörden sind die personellen und finanziellen Ressourcen dann doch begrenzt.

Deswegen sind die Probenentnahmen überwiegend risikobasiert. Das bedeutet: Problematische Bereiche der Lebensmittelproduktion werden häufiger unter die Lupe genommen als unauffällige – Döner und Kalbsleberwurst landen also regelmäßig im Labor, Schweinekoteletts nur dann und wann. DNA-Analysen sind teuer. Ob und wie häufig sie zum Einsatz kommen, ist die Entscheidung der jeweiligen Landesregierung.

Leserkommentare
    • pekaef
    • 28. Februar 2013 19:30 Uhr

    Hier geht es um reines Bla-Bla. Luftnummern. Viel Gerede, keinerlei "Aktion" = Handeln. Bis der Wähler wieder alles vergessen hat. Das funktioniert bekanntlich sehr, sehr schnell.

    Eine Leserempfehlung
  1. ...sagt mir sehr viel über die Lebensmittelindustrie.
    Und warum wird von Fleischexportnationen wie Frankreich oder Irland Fleisch eingeführt?
    Eine Verbraucherhotline schön und gut, aber wenn Dinge die man kunstvoll "Seperatorenfleisch" nennt vollkommen legal in Burgern, Wurst und anderen Produkten verwendet aber nicht klar deklariert werden müssen ist das nur ein schlechter Witz...

    • etiam
    • 01. März 2013 8:00 Uhr

    Das gebetsmühlenartige Vorbringen des Arguments, dass der Föderalismus schädliche Unterschiedlichkeit brächte, macht ihn deshalb nicht weniger wertvoll.
    Ich darf daran erinnern, dass die Rückabwicklung des Zentralstaates "Deutsches Reich" nicht etwa deswegen vorgenommen wurde, um das föderale Durcheinander zu befördern, sondern um horizontale und vertikale Gewaltenteilung aber auch einen föderalen Wettbewerb zu bekommen. Vor diesem übergeordneten Hintergrund verblassen die hier nur einseitig vorgebrachten Vorwürfe, dass Bayern mehr und Hessen weniger DNA Tests durchführe. Jetzt wo klar ist, dass hier untersucht werden muss, wird wohl jeder seine Pflicht erfüllen.
    Darüber hinaus wird hier die unseriöse Erwartung geschürt, dass auch ohne Gefahr im Verzug die Iren halbfertige Ergebnisse möglichst unter Nennung der Beschuldigten vor einer Überprüfung ihrer Verlässlichkeit und Richtigkeit öffentlich machen, unabhängig von den Folgen.
    Ich empfehle vor derartigen Forderungen eine tiefere Reflexion des Rechtsstaatsprinzipes sowie die immer aktuelle Lektüre der verlorenen Ehre der Katharina Blum!

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service