LiebeskolumneWas ist von seinem Liebesbeweis zu halten?

Jede Woche beantwortet der Paartherapeut Wolfgang Schmidbauer eine große Frage der Liebe. Diesmal: Steckt die Liebe in der Spraydose? von Wolfgang Schmidbauer

Die Frage: Stefan hat Silvia während einer Faschingsparty im Studentenheim kennengelernt. Er ist sehr verliebt und überlegt, was er tun kann, um Silvia zu zeigen, wie groß seine Begeisterung für sie ist.

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Lesen Sie hier alle bisherigen Ratschläge von unserem Paartherapeuten Wolfgang Schmidbauer

Lesen Sie hier alle bisherigen Ratschläge von unserem Paartherapeuten Wolfgang Schmidbauer  |  © Neophoto/Photocase

So packt er aus einer Kiste, die er seit seinem Abitur nicht mehr geöffnet hat, eine von seinen Spraydosen. Als Gymnasiast hat er ganze Unterführungen mit seinen Tags geschmückt. Jetzt schreibt er sehr schwungvoll mit Goldfarbe auf den Sichtbeton des Fahrradkellers: "Silvia, ich liebe Dich!!!" – "Hast du das hingeschmiert?", fragt Silvia entgeistert. "Ich wollte dir doch zeigen, wie wichtig du mir bist. Ich habe es allein für dich getan!" – "Von wegen für mich – das hast du doch nur für dein Ego gemacht. Es ist mir so was von peinlich. Hast du keine graue Farbe, die du drübersprayen kannst?"

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Wolfgang Schmidbauer antwortet: Die Suche nach dem unauslöschlichen Liebesbeweis hat Tradition. "Ich schnitt es gern in alle Rinden ein / Ich grüb’ es gern in jeden Kieselstein / Ich möcht es sä’n auf jedes frische Beet / Mit Kressensamen, der es schnell verrät", heißt es in dem Liederzyklus über die schöne Müllerin von Schubert/Müller. Diese Naturdenkmäler sind bescheidener als das Graffito; mit diesem verbindet Silvia aber den Überschwang, in dem Selbstliebe und Verliebtheit verschmelzen.

Wenn Stefan fremde Wände mit seinem Text schmückt, muss er sich der kritischen Frage stellen, ob er da wirklich mehr kundtut als sein mächtig angeschwollenes Ich. Silvia jedenfalls wärmt sein Zeugnis nicht mit Gegenliebe. Sie entpuppt sich eher als strenge Mutter – "Narrenhände beschmieren Tisch und Wände!"

Die Liebeskolumne

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Sein aktuelles Buch Kassandras Schleier. Das Drama der hochbegabten Frau ist bei Orell Füssli erschienen.

Haben Sie auch eine "große Frage der Liebe"? Schicken Sie eine Mail an liebeskolumne@zeit.de

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Leserkommentare
  1. Die Antwort und einige Kommentare hier finde ich regelrecht gruselig. Das rüttelt schwer an meinem nicht schwinden wollenden romantischen Ideal.

    Wo bitte bleibt das Verständnis und das Gefühl? Warum sind Menschen miteinander zusammen, wenn nicht, um sich kennenzulernen, ihre Leben mit dem Wesen eines anderen zu bereichern und Aspekte des Lebens zu erfahren, welche einem alleine verwehrt bleiben. Stefans Handlung geschah aus einem emotionalen Impuls. Ihn rein rational zu werten passt da nicht so recht, vor allem nicht in einer Beziehung. Ich hätte mir von meiner Partnerin gewünscht, es zumindest nachzuvollziehen oder mich zu verstehen und das zu respektieren. Danach kann immer noch der Verstand hinzufügen, das zu beseitigen. Daraus aber ein persönliches Defizit zu stricken und es vorzuwerfen ist alles andere als liebevoll.

    Wenn mit Erwachsensein die Vernunft gemeint ist, frage ich mich, was das bitte bei einer Liebesbekundung zu suchen hat? Zudem war die Aktion nicht plump, sondern sie wird als plump erachtet. Er hat es anders gesehen und somit stimmt das Pauschalurteil nicht. Jeder hat seine eigene Wahrnehmung. Erwachsensein mit Alter in Verbindung zu bringen ist meiner Ansicht nach ebenfalls recht plump.

    Lieber einen plumpen Liebhaber, der seine Gefühle mal ausleben kann, als ein verkopfter Partner, der sich der Hoheit der Vernunft verschrieben hat und sich ihr unterwirft.

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  • Serie Liebeskolumne
  • Schlagworte Liebe | Beziehung | Partnerschaft
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