Die Frage: Stefan hat Silvia während einer Faschingsparty im Studentenheim kennengelernt. Er ist sehr verliebt und überlegt, was er tun kann, um Silvia zu zeigen, wie groß seine Begeisterung für sie ist.

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So packt er aus einer Kiste, die er seit seinem Abitur nicht mehr geöffnet hat, eine von seinen Spraydosen. Als Gymnasiast hat er ganze Unterführungen mit seinen Tags geschmückt. Jetzt schreibt er sehr schwungvoll mit Goldfarbe auf den Sichtbeton des Fahrradkellers: "Silvia, ich liebe Dich!!!" – "Hast du das hingeschmiert?", fragt Silvia entgeistert. "Ich wollte dir doch zeigen, wie wichtig du mir bist. Ich habe es allein für dich getan!" – "Von wegen für mich – das hast du doch nur für dein Ego gemacht. Es ist mir so was von peinlich. Hast du keine graue Farbe, die du drübersprayen kannst?"

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Die Suche nach dem unauslöschlichen Liebesbeweis hat Tradition. "Ich schnitt es gern in alle Rinden ein / Ich grüb’ es gern in jeden Kieselstein / Ich möcht es sä’n auf jedes frische Beet / Mit Kressensamen, der es schnell verrät", heißt es in dem Liederzyklus über die schöne Müllerin von Schubert/Müller. Diese Naturdenkmäler sind bescheidener als das Graffito; mit diesem verbindet Silvia aber den Überschwang, in dem Selbstliebe und Verliebtheit verschmelzen.

Wenn Stefan fremde Wände mit seinem Text schmückt, muss er sich der kritischen Frage stellen, ob er da wirklich mehr kundtut als sein mächtig angeschwollenes Ich. Silvia jedenfalls wärmt sein Zeugnis nicht mit Gegenliebe. Sie entpuppt sich eher als strenge Mutter – "Narrenhände beschmieren Tisch und Wände!"