Ich war beim Schönheitschirurgen. Seine Praxis befindet sich im ersten Stock eines Luxushotels am Kurfürstendamm in Berlin. Auf dem Schreibtisch lag etwas herum, das aussah wie eine Sammlung von Briefbeschwerern, es waren aber Silikonimplantate. Wir saßen uns gegenüber. Ich interviewte ihn zum Thema Botox. Was Frauen daran schätzen, welche Möglichkeiten es bietet. Es war ein launiges Gespräch, ging es doch um die Falten der anderen. Als ich glaubte, alles erfahren zu haben, fragte ich, so nebenbei: »Sagen Sie, Sie als Schönheitschirurg – was würden Sie denn an mir verändern, um mich für Frauen attraktiver zu machen?« Der Arzt schwieg. Er knetete sein Kinn und musterte mich und schwieg weiter. Dann atmete er schwer aus, streckte den Rücken durch, stützte die Ellbogen auf die Tischplatte und beugte sich ein wenig zu mir herüber. Etwa so, wie ich es aus der Serie Die Schwarzwaldklinik kannte, wenn Professor Brinkmann einem Patienten sagen musste, dass er nur noch 48 Stunden zu leben habe. Der Schönheitschirurg schaute mir in die Augen und sagte: »Wissen Sie, Sie sind eben eher ein ... Typ.« Ich fühlte mich, als sei ein Klavier aus dem sechsten Stock direkt auf mein unschuldig daherspazierendes Selbstbewusstsein gefallen. Ich hatte unbedarft und unvorbereitet die Frage gestellt, um die sich jeder vernünftige Mann sein Leben lang herumdrückt: Bin ich schön? Und ich hatte die Antwort bekommen: Nein. Vom Standpunkt eines ästhetischen Chirurgen aus gesehen bin ich sozusagen irreparabel. Ein hoffnungsloser Fall, sodass ich mich eher als Gesamtkunstwerk betrachten sollte. Ich sollte mich lieber damit abfinden.

Für Frauen sind Schönheitsvergleiche alltäglich, Männer hingegen vergleichen ihren Reichtum, ihre Macht, ihren Ruhm und vielleicht die Schönheit ihrer Frau. Sie selbst aber sehen sich gern als körperlos. Während Frauen ihren Körper der Umwelt anpassen, haben Männer die Umwelt ihrem Körper angepasst. Sprüche wie »Waschbärbauch statt Waschbrettbauch« und »Der ist mehr der gemütliche Typ« sind Euphemismen, die wir sagen anstelle von: »Er wiegt zu viel.« Männer hören gern von ihrer Partnerin: »Ich stehe doch gar nicht auf Schönlinge.« Frauen sagen das, weil sie nett sind. Weil sie wissen, dass Männer das hören wollen. Würde man von seiner Partnerin etwas anderes hören, wäre man so lange beleidigt, bis sie zumindest vorgibt, dass sie im Grunde nicht auf Schönlinge steht.

Leider stehen Frauen aber eben doch auf schöne Männer. Wenn man sich mal in den verschiedenen Studien umsieht (was ich nach meinem Besuch beim Schönheitsarzt sofort tat), lernt man: Groß, sportlich, leicht gebräunter Teint, schmales Gesicht, markante Wangenknochen, markanter Unterkiefer, das ist männliche Schönheit. Schöne Männer leben besser. Sie verdienen im Schnitt bis zu 15 Prozent mehr, sie bekommen vor Gericht mildere Urteile, sie werden als glaubwürdiger und intelligenter eingeschätzt. Karrieretechnisch ist es für Männer sogar wichtiger, schön zu sein, als für Frauen: Je höher Frauen im Job aufsteigen, desto weniger spielt dabei ihr Äußeres eine Rolle – bei Männern ist es umgekehrt. Je weiter sie in der Hierarchie nach oben rücken, desto wahrscheinlicher ist es, dass ihnen ein anderer Bewerber vorgezogen wird, der besser aussieht.

Männer sagen gern, ein Mann reife wie ein guter Wein. Je älter, desto schöner. Das stimmt nur insofern, als einige wenige Weine gut altern. Die allermeisten kippen um – genau wie die Männer.

Wie kamen wir Männer nur dazu, zu glauben, es sei völlig egal, wie wir aussehen? Wir können uns dafür bei der Französischen Revolution bedanken. Als der Adel noch regierte, war es von höchster Bedeutung, sich als Mann in allem Prunk zu zeigen. Man behängte sich standesgemäß mit Schmuck, puderte sich den Schopf und zwängte sich in Hosen, die die Beine und alles, was dazwischen war, betonten. Nachdem diese verzierten Häupter abgeschlagen worden waren, trat ein anderes Ideal hervor: der arbeitende Mann. Der, der sich nützlich macht, der die Dinge voranbringt. Wer stattdessen lieber auf den Sitz der Perücke achtete, galt schnell als Schmarotzer. Als Schönling eben.

Der Macho ist nur noch eine Karikatur

Männliche Ideale meiner Jugend sah man in der Zigarettenwerbung: den Marlboro-Mann, der Mustangs einfängt, bevor er in den Sonnenuntergang reitet. Oder den Camel-Mann, der sich allein durch den Dschungel kämpft, mit Löchern in den Sohlen. Stinkende Typen mit schlechtem Atem. So sollte man sein. Diese haarigen Raufbolde verschwanden in den neunziger Jahren und wurden ersetzt durch Männer, die, nun ja, eben schön waren. Plötzlich wurden Männermodels wie Marcus Schenkenberg und Werner Schreyer Superstars. Seitdem wächst der Druck auf Männer, schön zu sein. Woran liegt das bloß? Ich glaube, es ist nicht so sehr das Erstarken der Frau in der Gesellschaft, sondern vielmehr die Krise von Werten, die mit Männlichkeit assoziiert wurden. Selbstbewusst und durchsetzungsstark zu sein, eine Mission zu haben, Risiken einzugehen und eine Überzeugung zu haben, die man über die der anderen stellt: Das ist heute nicht mehr gefragt. Der Macher, der Macho ist nur noch eine Karikatur. Das finde ich schade, denn wir werden die gesellschaftlichen Probleme nur lösen können, wenn es Leute gibt, die für sich beanspruchen, die Lösung zu kennen. Es geht nur voran, wenn es diese unangenehmen Typen gibt, die laut von sich behaupten, die richtige Meinung zu haben. Dass das Äußere der Frau immer wichtiger war als ihre inneren Werte, war schon schlimm genug. Dass dies nun auch beim Mann geschieht, hat zwar etwas von ausgleichender Gerechtigkeit, halte ich aber für genauso bescheuert.

Männer gestehen sich das zwar nicht gern ein – aber sie reagieren darauf. Und zwar geradezu panisch. Schönheitsoperationen am Mann nehmen sprunghaft zu. Während 1990 der Anteil männlicher Patienten unter fünf Prozent lag, sind heute schon 16 Prozent der Operierten Männer. Es wird vor allem Fett abgesaugt, es werden Schlupflider gehoben und Tränensäcke entfernt. Kaum jemand gibt natürlich zu, dass er an seinem Körper herumschneiden lässt. Und wenn doch, dann sind die Begründungen technischer Natur. Etwa, dass es im Job wichtig sei, dynamisch und energiegeladen auszusehen. Aber der wirkliche Grund, fürchte ich, ist ein anderer: die Angst, gesellschaftlich ausgeschlossen zu werden, weil man ein hässlicher alter Sack wird. Und dass man glaubt, dann nicht mehr gebraucht zu werden.

Ich war, völlig erschüttert, schon auf dem Weg aus der Schönheitspraxis. Da rief mich der Chirurg noch einmal zurück. »Ihre Nase!«, sagte er. »Lassen Sie mich noch einmal einen Blick auf Ihre Nase werfen.« Er erkannte dort einen kleinen Knick, kurz über der Nasenspitze. Das könne man richten, meinte er, dann wäre sie gerade, das würde einen stimmigeren, »eloquenteren« Eindruck machen. Ein ganz kleiner Eingriff. Ich könne sofort wieder arbeiten und meinen Kollegen sagen, ich sei hingefallen. Ich bedankte mich bei dem Mann, ich bedankte mich wirklich von ganzem Herzen und sagte, ich würde mir das mal überlegen. Dann verließ ich seinen kleinen Schönheitstempel. Mit dem Wissen, dass ich nicht wirklich gut dran bin – aber auch nicht wehrlos. Wenn es schlimmer wird mit der ganzen Männerschönheit um mich herum, kann ich handeln. Es gibt eine Ultima Ratio. Sie liegt in der Spitze meiner Nase.