Schönheitsideale : Die Last des Äußeren
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Der Macho ist nur noch eine Karikatur

Männliche Ideale meiner Jugend sah man in der Zigarettenwerbung: den Marlboro-Mann, der Mustangs einfängt, bevor er in den Sonnenuntergang reitet. Oder den Camel-Mann, der sich allein durch den Dschungel kämpft, mit Löchern in den Sohlen. Stinkende Typen mit schlechtem Atem. So sollte man sein. Diese haarigen Raufbolde verschwanden in den neunziger Jahren und wurden ersetzt durch Männer, die, nun ja, eben schön waren. Plötzlich wurden Männermodels wie Marcus Schenkenberg und Werner Schreyer Superstars. Seitdem wächst der Druck auf Männer, schön zu sein. Woran liegt das bloß? Ich glaube, es ist nicht so sehr das Erstarken der Frau in der Gesellschaft, sondern vielmehr die Krise von Werten, die mit Männlichkeit assoziiert wurden. Selbstbewusst und durchsetzungsstark zu sein, eine Mission zu haben, Risiken einzugehen und eine Überzeugung zu haben, die man über die der anderen stellt: Das ist heute nicht mehr gefragt. Der Macher, der Macho ist nur noch eine Karikatur. Das finde ich schade, denn wir werden die gesellschaftlichen Probleme nur lösen können, wenn es Leute gibt, die für sich beanspruchen, die Lösung zu kennen. Es geht nur voran, wenn es diese unangenehmen Typen gibt, die laut von sich behaupten, die richtige Meinung zu haben. Dass das Äußere der Frau immer wichtiger war als ihre inneren Werte, war schon schlimm genug. Dass dies nun auch beim Mann geschieht, hat zwar etwas von ausgleichender Gerechtigkeit, halte ich aber für genauso bescheuert.

Männer gestehen sich das zwar nicht gern ein – aber sie reagieren darauf. Und zwar geradezu panisch. Schönheitsoperationen am Mann nehmen sprunghaft zu. Während 1990 der Anteil männlicher Patienten unter fünf Prozent lag, sind heute schon 16 Prozent der Operierten Männer. Es wird vor allem Fett abgesaugt, es werden Schlupflider gehoben und Tränensäcke entfernt. Kaum jemand gibt natürlich zu, dass er an seinem Körper herumschneiden lässt. Und wenn doch, dann sind die Begründungen technischer Natur. Etwa, dass es im Job wichtig sei, dynamisch und energiegeladen auszusehen. Aber der wirkliche Grund, fürchte ich, ist ein anderer: die Angst, gesellschaftlich ausgeschlossen zu werden, weil man ein hässlicher alter Sack wird. Und dass man glaubt, dann nicht mehr gebraucht zu werden.

Ich war, völlig erschüttert, schon auf dem Weg aus der Schönheitspraxis. Da rief mich der Chirurg noch einmal zurück. »Ihre Nase!«, sagte er. »Lassen Sie mich noch einmal einen Blick auf Ihre Nase werfen.« Er erkannte dort einen kleinen Knick, kurz über der Nasenspitze. Das könne man richten, meinte er, dann wäre sie gerade, das würde einen stimmigeren, »eloquenteren« Eindruck machen. Ein ganz kleiner Eingriff. Ich könne sofort wieder arbeiten und meinen Kollegen sagen, ich sei hingefallen. Ich bedankte mich bei dem Mann, ich bedankte mich wirklich von ganzem Herzen und sagte, ich würde mir das mal überlegen. Dann verließ ich seinen kleinen Schönheitstempel. Mit dem Wissen, dass ich nicht wirklich gut dran bin – aber auch nicht wehrlos. Wenn es schlimmer wird mit der ganzen Männerschönheit um mich herum, kann ich handeln. Es gibt eine Ultima Ratio. Sie liegt in der Spitze meiner Nase.

Kommentare

53 Kommentare Seite 1 von 8 Kommentieren

Oftmals ja

schade eigentlich, vor allem, wenn der gelebte Wunschtraum dann endet wie bei Demi Moore und Ashton Kutcher.

Doch ich sag mir immer wo die Liebe hinfällt. Solange man nicht hinfällt. Und wenn man dann doch hinfällt. Dann war man halt nicht des anderen Fall.

Alter ist etwas unglaublich Relatives! Manch Siebzehnjährige ist bereits weise. Manch Siebzigjähriger lernt es nie. Genauso halte ich es mit der Beurteilung von Paaren und ihrer selbst gewählten Unterschiede.

- Wenn's scheeee macht!