Martenstein : Über eine radikale Methode der Vergebung

Harald Martenstein hat erkannt: Er gehört zu den Bösen der Gesellschaft. Und ist Hassobjekt. Ein Glück, dass er die passende Therapie für alle "Opfer" entdeckt hat.
Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © Nicole Sturz

Wenn Sie alle Menschen mit Beeinträchtigung, alle Menschen mit Migrationshintergrund, alle Frauen, alle Alten und alle Kinder, alle Ostdeutschen, alle Leute, deren Vorfahren von den Nazis verfolgt wurden, alle Arbeitslosen und alle Leute, die wenig Geld verdienen, mal zusammenzählen und darunter einen Strich ziehen, dann stellen Sie fest, dass ich und vielleicht noch Günther Jauch die einzigen Deutschen sind, auf die der Begriff »Opfer« nicht zutrifft. Gottschalk ist ja neuerdings arbeitslos. Jawohl – ich bin der Täter. Ich gehöre zum Tätervolk, zum Tätergeschlecht, ich habe die Täterhautfarbe, ich bin Besserverdiener, ohne Geschöpfe wie mich gäbe es keine Nazis, keinen Sexismus, keine soziale Ungerechtigkeit, keine Kriege und keinen Rassismus.

Ihr seid wütend, nicht wahr? Ich spüre das. Um euren Frieden zu finden, müsst ihr lernen, mir zu verzeihen. Nicht meinetwegen. Euretwegen.

Im ersten Schritt müsst ihr jemandem eure Geschichte erzählen. Sucht euch jemanden, den ihr mögt, jemanden, der genug Empathie besitzt. Erzählt, was euch angetan wurde. Falls ich das Problem bin: Beschreibt Kolumnen von mir, die besonders verletzend waren. Versucht, all eure negativen Gefühle, mich betreffend, noch einmal zu durchleben.

Im zweiten Schritt lasst ihr euch ganz auf diese Gefühle ein. Ihr müsst mich jetzt richtig hassen – okay? Entscheidend ist Schritt Nummer drei. Ihr trennt eure Gefühle von der Person, also von mir. Die Gefühle sind da, ganz nah bei euch. Die Person aber, den Täter, schiebt ihr weit weg. Ihr schafft Distanz zu mir. Ihr habt jetzt sogar Mitleid. Ihr denkt: Im Grunde ist der auch nur eine arme Sau. Geht das? Im vierten Schritt erkennt ihr, dass diese negativen Dinge, also das, weshalb ihr euch als Opfer fühlt, ein Teil von euch sind. Ein wertvoller Teil. Diese negativen Dinge haben euch nämlich überhaupt erst zu dem gemacht, was ihr heute seid. Und ihr seid gut, oder etwa nicht? Ihr seid toll, nicht obwohl, sondern gerade weil ihr ein Opfer seid. Auch das Negative, diese Diskriminierungen, diese Ungerechtigkeit oder auch ich, all das hat zu eurem persönlichen Wachstum beigetragen.

Was passiert ist, musste passieren. Vielleicht war es Teil eines göttlichen Plans? Vielleicht war es einfach nur Schicksal?

In meiner Straße hat eine Therapeutin die »Radikale Vergebung nach Tipping« im Programm. Colin Tipping, der dem Schauspieler Michael Caine ähnlich sieht, verspricht den Menschen, dass sie sich endlich nicht mehr als Opfer fühlen müssen. 85 Prozent denken das nämlich von sich, ich bin das Opfer. Sein Bestseller heißt: Ich vergebe – Der radikale Abschied vom Opferdasein. Tipping hat viel Erfolg. In Amerika nennen sie ihn »The Radical Forgiveness Guy«.

Bei der traditionellen Vergebung denkt der Vergebende, dass ihm etwas Schlimmes widerfahren ist. Die Radikale Vergebung dagegen lehrt, dass alle Dinge, auch die scheinbar Negativen, ihr Gutes in sich tragen. Sie haben euch wachsen lassen, sie haben überhaupt erst jene wunderbare, kraftvolle, widerständige Person entstehen lassen, die ihr heute seid. Was wäre denn aus Alice Schwarzer in einer Welt ohne Männer geworden? Was würde in einer Welt ohne Israelkritik aus Henryk Broder werden, was aus den Kollegen vom stern, wenn kein Politiker sich danebenbenimmt? Ich verharmlose nichts. Aber es sind doch wunderbare Menschen entstanden, nur weil es all diese schlimmen Dinge gibt. Das sage nicht ich. Es ist die Lehre der Radikalen Vergebung nach Colin Tipping.

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Kommentare

16 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

" wunderbare Menschen" durch Opfer-Abo

Es ist kein Wunder,daß alles Wunderbare aus Usa kommt.z.B.der wunderbare Mr.Tipping.Mr.Wunderbar
Was sieht man wenn man Menschen sieht?Ein großes leiden(alles Christen?)aber jeder ist seines Glückes Schmied.Diamanten entstehen durch hohen Druck.Wehe dem Land dass Helden braucht.
Was hat man dir,du armes Kind, getan?S.Freud.
Aber diesen Tipping nehme ich mir mal zur Brust.Vielen Dank für den heissen Tipp