Ein Kritiker der Rotterdamer Zeitung NRC Handelsblad schrieb, dieser Roman sei »die niederländische Antwort auf Jonathan Franzen«. Das stimmt, aber es stimmt nicht ganz. Denn in Wahrheit handelt es sich bei Bonita Avenue, dem exzentrischen, umfangreichen Debüt des Niederländers Peter Buwalda, um die europäische Antwort auf Jonathan Franzen. Bei allem Respekt vor dem Nationalstolz der Nachbarn: Den Rang dieses Neulings müssen sie mit dem Restkontinent schon teilen. Dass auf Bonita Avenue ein Platz in der Bibliothek jener Gegenwartsliteratur wartet, die zwischen Reykjavík, Lissabon und Budapest als namhaft gilt, dürfte demnächst feststehen.

Allein die erzählerische Pyrotechnik, mit der Buwalda die Chronologie seiner fast vier Jahrzehnte, die Zeit von 1970 bis 2008, umfassenden Geschichte in die Luft jagt und die zersprengten Teile so arrangiert, dass der Leser niemals im Chaos den Überblick verliert, ist eine Meisterleistung. Das Metapherntreibhaus des Romanstils versetzt den Leser in eine süchtig machende Sprachtrance. Man reibt sich alle fünfzig Seiten die Augen. Das hier soll ein Debütant geschrieben haben? Wahrscheinlich einer von der Sorte Schriftsteller, die Jahre damit verbringen, riesige Romankonstruktionen im Kopf zu entwerfen, bis sie zu der gelangen, die reif ist für die Buchform. Die Zwischenzeit vertrieb sich der schlaksige, gut gelaunte Niederländer Peter Buwalda, der 1971 in Brüssel geboren wurde und heute in Haarlem lebt, mit journalistischen Arbeiten für eine Musikzeitschrift. Und er las jede Menge amerikanische Literatur. Auch das steht fest. Ebenso, dass er tatsächlich den nicht gerade unbescheidenen Ehrgeiz besitzt, es mit den Weltbestsellern des transatlantischen Kollegen Jonathan Franzen aufzunehmen.

Bonita Avenue ist eine moderne Familientragödie. Die bürgerlichen Lebensverhältnisse, die Generationen- und Geschwisterkonflikte, die auf den emotionalen Kriegszustand hintreiben, all das könnte in der Tat von Franzen stammen. Aber nur fast. Denn es gibt ein paar Unterschiede zwischen der literarischen Franzenwelt und der Buwaldawelt. Mögen sie auf den ersten Blick eher klein erscheinen – auf den zweiten sind sie elementar. Entscheidend für Sinn und Ästhetik von Buwaldas Roman. Er erzählt die Geschichte der niederländischen Familie Sigerius. Sie ist – und damit fängt die Differenz schon an – eine sogenannte Patchworkfamilie. Dieser so harmlos, ja frohgemut klingende Begriff wird in Bonita Avenue so gründlich seiner Harmlosigkeit beraubt, dass nichts mehr übrig bleibt als blanker, blutiger, tödlicher Patchwork-Horror.

Oberhaupt der Familie und Zentralfigur des Romans ist der renommierte Mathematiker Siem Sigerius. Geistig und körperlich schöpft der Mann aus dem Vollen, macht eine akademische Karriere als Universitätsrektor, wartet auf den Posten als Wissenschaftsminister im niederländischen Kabinett und erfreut sich nebenbei einer schmeichelhaften Medienkarriere. Auch privat läuft alles bestens. Sigerius lebt mit seiner Frau und den zwei vortrefflich geratenen Töchtern Joni und Janis in einem komfortablen Landhaus bei Enschede. Doch dann, im Jahr 2000, erwachen die Leichen im Keller der Bürgeridylle, und der Horror nimmt seinen Lauf. Er hat den Namen Wilbert.

Dies ist der leibliche Sohn von Siem Sigerius aus dessen erster Ehe. Joni und Janis wiederum sind keine leiblichen Kinder. Sie stammen aus der ersten Ehe von Siems Frau. Die soziale Entkopplung der biologischen Verhältnisse vollzog sich in den siebziger Jahren. Die Trinkerin, mit der er damals verheiratet war, hat Siem Sigerius aus dem Gedächtnis gelöscht. Auch das Baby, das er bei ihr zurückließ. Aus dem Baby ist das Monstrum Wilbert geworden. Ein kriminelles, charakterlich verkommenes, sexuell gewalttätiges, primitives Scheusal und ein Mörder. Wilbert hat einen Mann mit dem Hammer erschlagen und wurde zu einer langen Haftstrafe verurteilt. Als er in den neunziger Jahren aus dem Gefängnis entlassen wird, Sohnesrechte beansprucht und für ein Jahr im Landhaus in Enschede einzieht, kommt er über die Familie wie ein Fluch. Wie eine Krankheit, die alles und jeden mit Brutalität und Obszönität infiziert. Mit Wilbert kehrt die Schuld wieder, die der Vater auf sich lud, indem er Stiefkinder zu seinen eigentlichen Kindern erklärte, sie wie solche behandelte und bevorzugte, vor allem seine Lieblingstochter Joni, und sich des missratenen leiblichen Sohns entledigte wie eines stinkenden Fischs.

Anders gesagt: Die familiären Störungen, die durch Bonita Avenue geistern, lassen sich mit dem Referenzwissen der Psychologie und der Soziologie, aus dem sich der bürgerliche Familienroman üblicherweise speist, nicht wirklich erfassen. Sie liegen, wenn man so will, tiefer. Der Referenzpunkt dieses Romans ist letzten Endes die menschliche Genetik. Von dort bezieht Siem Sigerius’ Geschichte ihre geradezu archaische Gewalt. Dort liegt der Ursprung der Tragödie.