Raum für Streit und Versöhnung

Eine Papstwahl ist kein Wunschkonzert, aber in der Sache lassen sich Wünsche benennen: Ad intra brauchen wir einen Versöhner als Papst, der Räume schafft für offenen Streit und Versöhnung der Streitenden. Das alte Bild der Kirche als "streitender Kirche" – das sollte doch anderes meinen als eine in sich zerstrittene Kirche. Es ist eine Kirche, die mit Argumenten und nicht mit Machtspielen zu überzeugen lernt und genau darüber die offene Auseinandersetzung wagt. Viele Gläubige verspüren eine Diskrepanz zwischen Lebenswelt, Kirche und Glaube. Hier liegt der tiefe Graben, der Katholiken trennt, die kaum noch miteinander reden können. Er muss überwunden werden.

Ad extra bedarf es einer kritischen Zeitgenossenschaft und keines Rückzugs aus der Welt in eine Parallelgesellschaft. Es hilft nicht, der späten Moderne mit ihrer komplexen, pluralen, säkularen Gesellschaftsstruktur sofort das Etikett des Antichristlichen zu geben. Die Moderne ist zunächst einmal andersgläubig, aber nicht zwangsläufig ungläubig.

Auf diese Welt gilt es sich einzulassen – mit der seelsorgerlichen Sensibilität und dem gläubigen Optimismus eines Johannes XXIII. Zugleich bedarf es eines mutigen Reformers, der sich der Herkules-Aufgabe der kurialen und kirchlichen Reformen stellt, aber auch der Kirche vor Ort wieder ein Gesicht gibt in ihrem Ringen um eine glaubwürdige Verkündigung. Denn dazu brauchen wir den Papst: um Vorsorge zu leisten für das Kommende.

Johanna Rahner