Roland Berger"Auch mal öfter Danke sagen"

Was Roland Berger dem Osten empfiehlt: Ein Gespräch mit dem Unternehmensberater über Nachwende-Exzesse, Mittel gegen Neonazis – und Hoffnung für Cottbus. von 

DIE ZEIT: Herr Berger, war der Mauerfall das größte Glück, das einem Unternehmensberater passieren konnte?

Roland Berger: Es war das größte Glück für alle. Der Kalte Krieg war vorbei. Drei Milliarden Menschen haben seitdem Zugang zu einer offenen, globalisierten Welt. Die Wiedervereinigung hat speziell uns im Westen eine ganz neue Welt eröffnet: eine der historischen und kulturellen Schönheiten, der Schlösser und herrlichen Innenstädte wie der in Dresden. Es gab bewegende Begegnungen. Ich bin ein Kriegskind und habe erlebt, wie sich Deutschland nach 1945 aufraffte. So ein Aufraffen war das auch vor 20 Jahren, in den neuen Ländern. Da habe ich verrückte Sachen erlebt!

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ZEIT: Ein Beispiel, bitte!

Berger: Mit Detlev Rohwedder, dem damaligen Chef der Treuhand, habe ich auf einem Hotel-Schreibblock die künftige Struktur dieser Anstalt skizziert. Vieles ergab sich einfach so, auf dem kurzen Dienstweg. "Können Sie mal helfen, Herr Berger?" Helmut Kohl kannte mich, und Wolfgang Schäuble, der damals Kohls Kanzleramtschef war, ebenfalls. Auch anderen Entscheidern war ich ein Begriff.

ZEIT: Mal ehrlich, hat Ihre Unternehmensberatung sich zu der Zeit eine goldene Nase verdient?

Berger: Na ja. Berater waren natürlich sehr gefragt. Schon am 10. Dezember 1989 schickten wir 20 Kollegen aus München nach Westberlin, um ein Büro zu eröffnen. Es gab so viel zu tun: Wo bislang Sozialismus war, sollte von heute auf morgen die Marktwirtschaft funktionieren. Milliarden-Deals sind auf dem Flur der Treuhand besiegelt worden! Aber wir waren fair. Wer damals eine der großen Beratungsfirmen beauftragt hat, wurde seriös beraten. Wir lieferten die Qualität und verlangten die Preise, die im Westen auch üblich waren. Anders ging es ja gar nicht. Wir hatten doch alle einen Ruf zu verlieren.

ZEIT: Zu großem Ansehen haben es Unternehmensberater im Osten nicht gerade gebracht.

Berger: Es gab leider einige, die dem Ruf unserer Branche sehr geschadet haben. Zumeist Ein-Mann- oder Zwei-Mann-Beratungen, die vom Mangel profitieren wollten. Die im Westen seit Jahren aussortiert waren und in den neuen Ländern nun mit Inkompetenz und Arroganz eine Menge Unheil anrichteten.

ZEIT: Dort wurde so viel auf den Kopf gestellt – haben Sie die Ostdeutschen auch bedauert?

Berger: Nicht bedauert, aber ich hatte und habe heute noch Mitgefühl. Das war ja damals nicht nur ein Tausch von Ausweisen und Geldscheinen. Nein, es war doch so: Ein Land zerbricht. Das Wissen seiner Bürger ist plötzlich entwertet.

ZEIT: Deshalb schickte der Westen lauter Profis?

Berger: Sicher nicht, es gab allerhand Exmanager, die im Westen längst ohne Job waren und vielleicht auch nicht immer zur ersten Klasse gehörten – plötzlich starteten die im Osten durch. Es kam zu allen möglichen Exzessen. Es gab Geschäftsführer, die VEBs dilettantisch in die Pleite managten. Leute, die Subventionen abgriffen, sich ein ostdeutsches Unternehmen unter den Nagel rissen – und nach drei Jahren war die Firma verschwunden, das Geld auch. Fälle wie diese haben gründlich die Stimmung verdorben und den Glauben an die soziale Marktwirtschaft beschädigt. Und das in einer Zeit, in der sowieso schon zwei Drittel der Menschen ihren Job verloren, sich einen neuen suchen mussten. Zwei Drittel! Wissen Sie, was mich in dem Zusammenhang ärgert?

ZEIT: Was?

Berger: Mich ärgert die Unverhältnismäßigkeit, mit der heute zum Weltuntergang erklärt wird, wenn in Bochum 1800 Opel-Mitarbeiter binnen zwei Jahren ihren Job aufgeben müssen. Natürlich ist das schlimm, für jeden Einzelnen und seine Familie sogar sehr schlimm! Aber daran sieht man auch, wie gut es uns heute insgesamt geht: 1800 Stellen in zwei Jahren! Nicht Hunderttausende Stellen in zwei Monaten.

ZEIT: War Ihnen damals klar, dass in der Wende-Euphorie viele über den Tisch gezogen werden?

Berger: Nur wer blind war, konnte das nicht sehen. Da setzen Menschen große Hoffnungen in die Freiheit und in die D-Mark, aber dann kommen die Glücksritter. Die D-Mark wird eingeführt, und plötzlich ist keine Firma mehr wettbewerbsfähig! Nach der Wende arbeiteten noch gut 320000 Beschäftigte in der ostdeutschen Textilindustrie. Ein paar Jahre später waren es nicht einmal mehr 11000. Das heißt, dass etwa 310000 Menschen ihre Arbeit verloren haben! Die arbeiteten zum Teil in VEBs, die vorher die großen Einzelhandelskonzerne im Westen beliefert hatten. Die haben keinen Mist produziert.

ZEIT: Es wollte eben keiner mehr Ostprodukte.

Berger: Warum auch? Technologisch lag die DDR 20 Jahre hinter der BRD zurück. Das war der technische Unterschied zwischen Trabi und Golf: 20 Jahre. Und von einem Tag auf den anderen steht der Trabi im Wettbewerb mit dem Golf, ohne Schutz, genauso teuer. Also ohne Chance!

Leserkommentare
  1. In typischer Manier und mit dem gönnerhaften Understatement westdeutscher etablierter Schichten stellt sich hier ein "Bock-zum-Gärtner"-Berater einem irgendwie überforderten Reporter. Dabei wäre Herr Berger als Heuchler schnell zu entlarven gewesen.

    Dass die Wiedervereinigung im Ergebnis die Vermögensbildung West war/ist ist wohl Jedem klar. Und wie das unter Einbeziehung der Unternehmensberater vom Kaliber Roland Berger typischerweise ablief auch. Gehandelt wurde ausschließlich im Sinne westdeutscher Auftraggeber - "Integration" des Zielunternehmens durch Sichern der Vermögenswerte und evtl. Kundenkartei ... (und nicht vergessen, das Berater-Honorar den Resten des Zielunternehmen in Rechnung zu stellen.)

    Entlarvt hat sich Herr Berger dennoch durch 2 Äußerungen, nämlich in bester westdeutscher Stammtischmanier von Ostdeutschen zum Danke-Sagen aufzufordern (...die wegen 23 Jahre Niedriglohn/Arbeitslosigkeit nur Minirenten erhalten werden...) und: allen Ernstes das Aufpolieren der ostdeutschen Kulturlebens als notwendig zu sehen.

    Man kann es nicht oft genug wiederholen: ja, die kulturelle Qualität ist im Osten vor allem in Städten wie Dresden und Leipzig in beneidenswerter Weise der im Westen überlegen! Nur erschließt sich dies nur demjenigen, der kulturelle Qualität nicht in der Dichte der getragenen Pelze, der Bussy-Bussies auf Vernisagen bemisst... aber zu dieser Erkenntnis müsste Herr Berger an seiner Siegermentalität und dem dazugehörigen Weltbild arbeiten.

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    • vagabuu
    • 23. Februar 2013 20:41 Uhr

    Wie sagte Volker Pispers so schön: "Wenn Unternehemensberater tatsächlich nach Leistung bezahlt würden, dann gäbe es sehr schnell keine mehr..."
    (Aus "Berufsgruppen, die die Welt nicht braucht":
    http://www.youtube.com/wa...)

    • Otto2
    • 24. Februar 2013 14:27 Uhr

    Warum aber im Osten die Linke überdurchschnittlich gewählt wird, das weiß er nicht. Und gerade ein Phänomen für ihn ist, dass in Ost-Berlin die Linke gar ein Drittel der Stimmen bekommt. Er begreift den Osten nicht - gibt aber voll Selbstbewußtsein eine Fülle von kühnen Wertungen ab.
    Mit Verlaub Herr Berger, Ihr Blick auf den Osten ist ein Tunnelblick und der Tunnel ist gebaut aus ihren eindimensionalen Erfahrungen in der oberen Schicht der Marktwirtschaftler. Ich halte es auch für denkbar, dass Sie auch im Westen, wo Sie sozialisiert sind, wichtige gesellschaftliche Entwicklungen nicht zur Kenntnis nehmen.

  2. Ich sags ganz offen für Bayern und Baden-Württenberg hat die Wende nur riesige Kosten und Konkurenz für die Einheimischen Facharbeiter gebracht.

    Es wäre wirklich an der Zeit etwas zurückzugeben.

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    sagt man so schön.
    Zurückgegeben hat man schon genug, denn wo ist denn die meiste Kohle zu guter Letzt gelandet?
    Bei ostdeutschen Konzernen und deren Eigentümern etwa?

    Gerade die Westunternehmen haben sich im Osten eine goldene Nase verdient. Wer hätte ihnen denn auch die Arbeit streitig machen sollen??

    Aber genau aus diesem Grund kommt der Osten nicht hoch. Hat sich bei uns, nach dem Krieg ein starker Mittelstand entwickelt, der eine der tragenden Säulen des Westens ist, hat man hier den Osten verscherbelt und deren Chance auf einen eigenen Mittelstand zerstört.

    Im übrigen, wenn der Herr Berger hier von einem 20 Jährigen Technikrückstand erzählt täuscht er sich gewaltig. Ich hatte das Vergnügen einige junge Ingenieure aus dem Osten kennen zu lernen und mit ihnen zu arbeiten (gleich nach der Wende)und ich kann mit Gewissheit schreiben, das von denen keiner irgendwo Rückständig war. Ganz im Gegenteil, deren Fachwissen hat die meisten Westingenieure deutlich in den Schatten gestellt.

    Das Themensprektrum haben Sie auf jeden Fall erkannt:

    "Ich sags ganz offen für Bayern und Baden-Württenberg hat die Wende nur riesige Kosten und Konkurenz für die Einheimischen Facharbeiter gebracht.

    Es wäre wirklich an der Zeit etwas zurückzugeben."

    Verrechnen Sie auch dabei die finanziellen Mittel, die seit dem Errichten der Bundesrepublik, die an BY durch den Länderfinanzausgleich geflossen sind? Und wie man Geld im Ländle versenkt, das wissen die auch ganz gut, Stichwort Stuttgart 21, auch Herrn Mappus können Sie mal fragen, wie man generös mit Landesmitteln umgeht, als Stichwort: EN-BW.
    Den einziegen Vorteil, den diese Länder haben, ist, dass sie seit Jahrzehnten (BY mit Ausnahme, siehe Finanzausgleich) eine Industrie haben, die ihnen gewisse Einnahmen garantieren. Sie sollten auch bedenken, anstatt hier Mythen zu kreieren, dass der westdeutsche wirtschaftliche Aufstieg nicht zuletzt durch die Alliierten möglich war, die mit Marshall-Plan, der Einführung der D-Mark (eine amerikanische Erfindung übrigens, keine westdeutsche) Hilfen hatten, die den östlichen Ländern verwehrt blieb, dort haben die Sowjets abgebaut und vernichtet und zum Beispiel extremen Raubbau betrieben, siehe Wismut im Erzgebirge. Der Westen als Schaufenster für den Osten. Ausserdem, wenn Sie schon was faseln, von etwas zurückzugeben, dann geben Sie denen eine FAIRE Chance zurück und keine Treuhand-Unternehmensberater-Klicken, die den Kuchen unter sich aufteilen.

    • msknow
    • 24. Februar 2013 7:02 Uhr

    ... ist das Geld. Nur nicht bei den Bayern im Allgemeinen, sondern bei einigen Bayern. Glücklich ist, wer da von zu Hause aus sitzend auf die Anderen schaut. Wer sich traut, kann ja mal schauen, wie die Eigentumslage im Osten tatsächlich ist. Nicht nur in Berlin sind Schwaben schwer gelitten. Woher kommt das Geld?

  3. sagt man so schön.
    Zurückgegeben hat man schon genug, denn wo ist denn die meiste Kohle zu guter Letzt gelandet?
    Bei ostdeutschen Konzernen und deren Eigentümern etwa?

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  4. 4. [...]

    Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/mo.

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    Mein Mitgefühl. Auch ich mußte das eine oder andere mal schlucken, als ich diese "Geschichtverdrehung" las.

    Man hat die DDR platt gemacht und sowohl die Industrie als auch die Kultur in den Paiperkorb verlagert.

    Die Gewinner lebne heute in Sauss und Brauss und die Verlierer beziehen hartz4.
    Die, die früher nicht ins Ausland fahren konnten, weil sie keine Erlaubnis bekamen, fahren heute auch nicht, weil sie in den Niedriglohnsektor gedrängt wurden.

    Mir sagte mal ein "Unternehmensberater": "10 Prozent geht immer". Dies bezog sich auf zumutbare Lohnkürzungen, um den Gewinn eines Unternehmens zu erhöhen. Man muß wirklich 8 Semester studiert haben, um zu solchen Ratschlägen fähig zu sein.

    Bei Stundenlöhnen von 100 bis 500 € geben solche Leute wie Herr Berger und seine Kollegen auch Ratschläge, wie z.B., Arbeitsplätze auszulagern um damit mehr Gewinn zu erzielen (und nebenbei den Niedriglohnsektor auszubauen).

    Nein Danke, da kann ich mir auch Reden vom FDP Parteitag anhören die Herr Brüderle so gerne hält.

  5. Verstehe ich nicht. Die Grenzen sind doch seit gut 23 Jahren offen.

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  6. A l l e !! Deutschen leben in einem freien Land, profitieren von Demokratie und Marktwirtschaft.
    Was muß man trinken, um sich bei dieser Aussage nicht auf die Zunge zu beissen?
    Seit dem Jahr 2000 wurde die Beteiligung der Arbeitnehmer an den Produktifitätssteigerungen verweigert. Immer mehr prekäre Arbeitspätze wurden geschaffen und ein Niedriglohn eigeführt.

    Die Lohnquote fiel um 8 Prozent bis 2008 und entsprechend stieg die Gewinnquote. D.h. daß sich 40 Millionen Arbeitnehmer mit ca. 100-150 Milliarden € jedes Jahr weniger zufrieden geben müssen und dafür Leute wie Herr Berger (10 Prozent der Bevölkerung diese Milliarden teilten.

    Schade, daß man hier immer nur das zu lesen bekommt, was man lesen soll.

    Ich habe nicht in der DDR gelebt. Ich weiß, daß die Bevölkerung aber immer versuchte Information von draussen zu bekommen, um die Schönreden der Funktionäre relativieren zu können.

    Das ist noch mein einziger Vorteil, daß ich das nicht heimlich machen muß.

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  7. Im Osten wurden genug Gelder verbrannt

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    • lm.81
    • 24. Februar 2013 8:21 Uhr

    Also dann "Geld verbrennen" im Westen?

  8. werden die Thesen des Herrn Berger (http://www.zeit.de/wirtsc...) nicht viel erträglicher.

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