Forschungsreise für Schüler: Naturwissenschaften, ahoi!
Wissenschaftler nehmen Schüler mit aufs Forschungsschiff: zwei Berichte über die letzte Expedition
Rike Pöhl, 16 Jahre, Schülerin am Heinrich-Heine-Gymnasium in Heikendorf an der Kieler Förde:
»Nachdem wir von den Kapverdischen Inseln abgelegt hatten, war mir vier Wochen lang keine einzige Minute langweilig! Ich interessiere mich zwar schon sehr lange für Naturwissenschaften und besuche seit zwei Jahren eine Science-AG, trotzdem hatte ich natürlich viel weniger Vorwissen als alle anderen an Bord. Anfangs habe ich daher schon mal gezögert, eine Frage zu stellen, aus Angst, irgendwie blöd dazustehen. Aber das hat sich ganz schnell gelegt. Die Stimmung an Bord war super, fast so, als wären wir eine große Familie. Und für Heimweh blieb auch gar keine Zeit.
Genau wie die Wissenschaftler habe ich jeden Tag zwei 4-Stunden-Schichten gearbeitet. Morgens und nachmittags jeweils von vier bis um acht. Ich habe zum Beispiel eine Sonde überwacht, mit der Wassermessungen durchgeführt wurden. Die musste rund um die Uhr beaufsichtigt werden. Zwischen meinen Schichten habe ich vor allem geschlafen und gegessen. Alles schmeckte extrem gut. Ich habe während der Fahrt locker drei Kilo zugenommen, obwohl ich zwischendurch sogar im Fitnessraum auf dem Laufband war. In meiner Freizeit habe ich auch immer wieder in meine Schulbücher geguckt. Durch die Reise habe ich ja fast vier Wochen Unterricht verpasst. Die Hausaufgaben haben meine Mitschüler mir per Mail geschickt. Das war die Bedingung der Schule, damit sie mir die Reise erlaubt hat. Außerdem sollte ich meine Erfahrungen dokumentieren und anschließend im Biologie- und Chemieunterricht Vorträge darüber halten.
Auf dem Schiff musste ich auch zwei Vorträge halten, vor sämtlichen Wissenschaftlern und Studenten. Alle Reiseteilnehmer mussten das. Auf so einer Forschungsreise hat ja jeder sein eigenes Projekt, und die meisten wissen gar nicht genau, was die anderen machen, deshalb stellt jeder reihum seine Arbeit vor. Zuerst sollte ich nur ein Referat über ein Schulprojekt halten. Aber dann hat mich Toste auch noch den Vortrag über sein Projekt halten lassen, das war echt cool!
- Die Route
Die Expedition begann auf den Kapverdischen Inseln und endete in Walvis Bay in Namibia. An Bord waren neben der Besatzung 14 Wissenschaftler vom Geomar in Kiel und der Uni Oldenburg und zwei Schülerinnen.
- Das Projekt
Die Forschungsreise war Teil eines Großforschungsprojekts, das die sauerstoffarmen Regionen des tropischen pazifischen und atlantischen Ozeans im Hinblick auf den Klimawandel untersucht. Das Projekt wird durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft finanziert.
- Die Kooperation
Das Geomar arbeitet seit zehn Jahren mit Schulen im Raum Kiel zusammen. Ziel ist es, dass die teilnehmenden Schülerinnen und Schüler dazu beitragen, das Image der Naturwissenschaften zu verbessern, und womöglich selber ein einschlägiges Studium in Erwägung ziehen.
Durch die Seminare habe ich sehr viel gelernt. Nicht nur fachlich, sondern auch darüber, wie es ist, Naturwissenschaftler zu sein. Man muss sehr flexibel und zum Beispiel auch bereit sein, im Ausland zu arbeiten. So wie Toste, der eigentlich aus Schweden kommt. Es ist ein langer Weg, über Bachelor, Master, Doktor, Postdoc – bis man irgendwann seine eigenen Projekte machen kann. Aber das schreckt mich nicht ab, seit der Reise will ich es erst recht!«






Ihr beiden!
So soll Wissenschaft sein!
Viele schøne Forschermomente auch in Zukunft Euch Beiden!
... in der Welt der "echten" Wissenschaft kann man nur begrüßen. Das sind unvergessliche Erlebnisse. Selbst kleinere Forschungsaufenthalte und Praktika können prägend sein. Ich habe selbst als Jugendlicher von soetwas Ähnlichem profitiert (nicht ganz so groß -- aber immerhin! Ich bin meinen Betreuern damals noch heute sehr sehr dankbar).
Was ich -- journalistisch gesehen -- schade finde: Der Artikel beschreibt ein einmaliges Erlebnis einer einzelnen Person. Eine Reflexion, was das für "Schule" und "Gesellschaft" als Ganzem bedeuten kann (der Artikel steht ja unter "Gesellschaft | Schule") finde ich nicht wirklich darin.
Und es gäbe da zumindest Fragen -- wichtige Fragen:
+ Tun wir (als Gesellschaft) genug für natur- und ingenieurswissenschaftlich begabte Schülerinnen und Schüler? In der Breite -- nicht als Ausnahme-Event!
+ Wie steht es um die Balance des Stellenwerts zwischen Naturwissenschaften und etwa Fremdsprachen an den deutschen Gymnasien?
+ Blockiert die Angst vor einem negativ besetzten Elitebegriff am Ende die Förderung solch hochmotivierter und fähiger Leute?
+ Wie kann der "Graben" zwischen Schule und Universität/Forschung auf einer größeren Skala besser überwunden werden, so dass eine sinnvolle Verzahnung auf breiter Ebene zustande kommt?
Für all diese Frage wäre dieses Erlebnis ein toller Aufhänger gewesen. Aber: Was nicht ist, kann ja vielleicht noch werden! Ich wünsche unserer Bildungslandschaft einen offenen Diskurs über solche Fragen!
Tolle Aktion und ganz sicher eine wichtige Erfahrung für die beiden Mädels.
Solche Geschichten können aber nur Ausnahmen sein, da die wenigsten Schüler so motiviert sind für die Forschung. Das ist ja schon bei Biologiestudenten schwierig. Und die Anzahl von Projekten, bei denen man ohne größere Vorkenntnisse sinnvoll mitarbeiten kann ist auch begrenzt. Der Platz an Bord sowieso.
Ausserdem ist eines noch anzumerken, bei aller Begeisterung für die Forschung: Die Chance auf einen langfristigen Arbeitsplatz in der meeresbiologischen Forschung tendiert gegen null. Dann war mit Ende 30 das gesamte Studium und die Promotion und alle Arbeit danach für die Katz und man kann sich einen neuen Job suchen.
Das sollte man auch bedenken bevor man Jugendlichen begeistert zur Forschung rät.
Das ist ein schöner kleiner Bericht. Aber ich frage mich ein bisschen: Wozu? OK, mehr Frauen in die MINT-Fächer, das ist eine gute Sache. Aber generell mehr Menschen in die Forschung? Wissenschaft bietet nur einem Bruchteil der größten Selbstausbeuter eine Perspektive. Warum müssen das noch mehr Leute machen?
Natürlich hat Toste im Artikel recht: Man muss sich dafür interessieren, es muss Spaß machen, dann ist es gut. Spannende Dinge herausfinden, die Momente, in denen die Augen leuchten, ja es gibt sie. Aber irgendwann kommt auch der Punkt, an dem man merkt: Meine früheren Schulkameraden kaufen gerade Häuser und bekommen Kinder und ich sitz hier und bin froh, wenn ich mir einen kleinen Urlaub leisten kann und nächstes Jahr noch einen Job habe.
Deswegen sollte man sich alternative Wege zumindest gedanklich stets offen halten, während man diese Weg geht.
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