BürgerkriegBevor es zu spät ist

Auch wenn es keiner hören will: Der Westen muss sich in Syrien einmischen. Alles andere ist Selbstbetrug. von 

Beschädigte Gebäude in Jouret al-Shayah, Homs

Beschädigte Gebäude in Jouret al-Shayah, Homs  |  © Yazen Homsy/Reuters

Die Politik des Westens ist gescheitert, so tragisch, so blutig, wie Politik nur scheitern kann. Er hat sich mit seiner Strategie der Nichteinmischung in Syrien furchtbar verkalkuliert. In wenigen Tagen geht der syrische Bürgerkrieg in sein drittes Jahr. Ich reise als Reporter regelmäßig in dieses Land und erlebe, wie die Gewalt immer weiter eskaliert. Massaker wie das von Al-Hula, wo im Mai 2012 über hundert Menschen von Assad-Milizen umgebracht wurden, ereignen sich jetzt alle paar Wochen. Längst macht das Morden keine Schlagzeilen mehr. 70.000 Tote zählen die Vereinten Nationen, doch vermutlich ist diese Zahl noch viel zu niedrig gegriffen. Es besteht die Gefahr, dass die fürchterlichste Phase des Krieges erst noch bevorsteht. Sie droht, wenn das Regime in seinen Hochburgen kollabiert. Wenn der Bürgerkrieg ins Kernland der alawitischen Minderheit, der Baschar al-Assad angehört, getragen wird – und die Zeit der Rache anbricht.

Dieser Krieg ist in den vergangenen Monaten zum Vernichtungskrieg geworden. Die Luftangriffe auf Aleppo gehören zu den schwersten seit den Tagen des Vietnamkriegs. Ein ganzes Volk lebt in Bunkern und Kellern, ohne Strom und Heizung. Krankenhäuser und Bäckereien werden gezielt bombardiert. Mittlerweile feuern Assads Generäle elf Meter lange Scud-Raketen auf Wohnviertel. Und der Westen lässt sie gewähren. Den Ruf nach einer Flugverbotszone tut die Bundesregierung stereotyp mit dem Verweis ab, alles würde dann noch schlimmer.

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Wie Selbstbetrug klingen die Äußerungen von Außenminister Guido Westerwelle, der immer noch von politischen Lösungen spricht. Es gibt keine politische Lösung. Zu viel Blut ist geflossen. Zu viel Hass steckt in den Köpfen. Der Konflikt in Syrien wird mit Waffen zu Ende gebracht – zu welchem Ende auch immer.

Die Sanktionen der USA und der EU greifen nicht, weil niemand das Embargo durchsetzt. Es wäre fatal, darauf zu vertrauen, dass Assad bald stürzt. Russland schickt weiterhin Munition, der Iran und Hisbollah entsenden Ausbilder und Eliteeinheiten zur Unterstützung des Diktators. In der Opposition wächst der Einfluss der Islamisten, sie bekommen Hilfe aus Katar und Saudi-Arabien. Sie sind am besten bewaffnet und trainiert. Das Geld der Golfstaaten verschafft ihnen Zulauf von jungen Freiwilligen. Von keiner Seite unterstützt hingegen werden die Fraktionen der Freien Syrischen Armee (FSA), die den Werten des Westens am nächsten stehen. Die für ein überkonfessionelles Syrien kämpfen, das religiöse und ethnische Minderheiten schützt. Die Spannungen zwischen Liberalen und Islamisten in der bewaffneten Opposition nehmen zu.

Eine Flugverbotszone könnte Millionen von Menschen schützen

Die Entscheidung, militärisch in Syrien nicht zu intervenieren, erweist sich als so verhängnisvoll wie vor zehn Jahren der Entschluss, im Irak zu intervenieren. Ohne ein Eingreifen der Staatengemeinschaft werden die Islamisten weiter gestärkt. Durch anhaltendes Nichtstun steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der Westen in nicht allzu ferner Zukunft Drohnenschläge gegen die Al-Nusra-Miliz führen wird; schon jetzt wird die Organisation, die Al-Kaida nahesteht, von den USA auf ihrer Terrorliste geführt. Eine Revolution, die den Westen als Partner sah, die für Demokratie und Freiheit einstand, droht sich gegen diesen zu wenden. Ohne ein militärisches Eingreifen wird es immer unwahrscheinlicher, dass Syrien als Staat überhaupt überlebt.

Die Küste müsste endlich abgeriegelt werden, damit das Regime keine Waffenlieferungen mehr erreichen. Eine Flugverbotszone müsste geschaffen werden, die Millionen Menschen schützt, Assad-Gegner wie Assad-Befürworter. Sie würde ermöglichen, dass die Flüchtlinge zurückkommen – die Zivilgesellschaft, die jetzt im Ausland oder in Lagern lebt. In den Rebellengebieten wären die Kämpfer nicht länger mit sich allein. Die liberalen FSA-Gruppen müssten stärker unterstützt werden, mit Ausbildern und Geldern. Nur so kann der Westen Einfluss ausüben auf die künftige Armee eines neuen Syriens. Denn eines ist bei allen Unwägbarkeiten klar: Assad kann nicht siegen. Langfristig werden seine Gegner die Oberhand gewinnen.

Leserkommentare
  1. http://www.policymic.com/...

    Wer soll da wo eingreifen ?

    Die Irakische Demokratie und der Syrische Diktator haben ihre Spielräume genutzt, sich auf eine Rebellion von Sunnitischen Levantinern gegen die Machtpositionen des Schiitischen Bogens einzustellen.

    Das von hohen Erwartungen begleitete Arabische Erwachen nimmt in diesem Raum: die Form eines Sunnitischen Aufbegehren gegen eine "Persian Occupation" an.

    Wer diesen beiden Kontrahenten die Austragung ihrer Bedürfnisse zur Feststellung der lokalen Kräfteverhältnisse versagen wollte, der mag sich erneut die Schlacht um Falludjah in Erinnerung rufen.

    Sich zwischen die Fronten werfen ? - In wessen Namen ?

    Man hätte all das, was wir heute in der Levante haben, auch schon 2003 haben können, oder 1991.

    Gerettete Zeit - oder verlorene Jahre ?

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    Natürlich sind die jahre ins lang gzogen ohne das sich Politische Veränderungen ereigner haben, aber die jahre dafpr sollte man trotzdem nicht als verloren bezeichnen.

    Nun auch die Demokratie bei uns ist ja nicht in 2-3 Jahren mal ebend gekommen sonder war ergebis eies langen ung bllutigen Protzesses der duch den 100 JährigenKrige und den 30 jährigen angefacht wurde.

    Es hat auch hier gedauert bis Generationen merkten das die Idee das ein Herrscher sie vertritt falsch ist, da ein Herrscher sich nur selbst vertritt und ihn die Bauern egal sind. Ein solcher Protzess ist nun auch im Abendland am Anfangen und er wird dort auch lande dauern.

    Wir sollen auch immer daran denken das nach Napoleon auch die Franzosen erst mal wieder einen Kaiser gewählt haben, und nich sofort der Demokratie vollstes vertrauen geschenkt haben.

    Wir werden noch länger dort Aufstände und Unruhen sehen, und wir werden uns noch länger zurückhalten müssen, und nicht den Protzess erst mal mit Gewalt zu unterdrücken und uns später zu wunder warum immer mahr Anscläge auf unsere "Befreiungstruppen" verübt werden, und warum das Land nicht zum firden findet.

    Villeicht müssen wir uns auch von der Vorstellung verabschieden das die Länder in den Grentzen bleiben die die Herrscher gezogen hatten, und sich Länder nach den grentzen richten wo Befölkerungsgruppen zusammenleben.

  2. ...is paved with good intentions.

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  3. Wenn sich Ihre Forderungen durchsetzen, ist das unvermeidlich.

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  4. Entfernt. Kein konstruktiver Beitrag. Die Redaktion/kvk

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  5. Man sollte meinen, dass man aus den Fehlern in Jugoslawien gelernt hat. Aber vielleicht müssen wir doch so lange warten bis das leid unerträglich wird und dann, wenn alles am Boden liegt uns dazu entscheiden, dass etwas unternommen werden müsse.

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    so hätte man sich raus halten sollen. Aber nein, man musste dem Paramilitär UCK Waffen liefern, die ständig in Ortschaften die Soldaten angegriffen haben.

    Im Übrigem: Was haben die jetzt? Friede und Wohlstand?

  6. ...würde ich doch vorschlagen, erstmal die Waffenlieferungen an die sunnitischen Despoten auf der arabischen Halbinsel einzustellen, um künftigen Konflikten vorzubeugen.
    Das erspart "uns" auch velogene Trauerreden von Politiker_innen, wenn mal wieder eines ihrer Human-Werkzeuge im Zinksarg repatriiert wird.

    Und wer darüber hinaus noch Menschenleben und Existenzen retten will, der kann sich über die maximal fragwürdigen Handelsbeziehungen mit alle möglichen Despoten und Kleptokraten mal gedanken machen oder die Subventionierung westlicher Konzerne (> Agrarindustrie), die im Ausland großen Schaden anrichten...

    Das kostet Geld. Keine Menschenleben. Aber genau darum wird es wahrscheinlich auch nicht gemacht.

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  7. Die Rebellion ist grandios gescheitert und sie versinkt im Blut. Es hat sich einmal mehr erwiesen dass an friedlichem Widerstand kein Weg vorbeiführt. Zu einer Intervention wird es nicht kommen, denn der Westen hat die moralische Führung verloren und kann gegen Russland nicht mehr anstinken. Übrigens soll es an der Küste um die Stadt Tartus herum recht ruhig sein, und auch die kurdisch kontrollierten Gebiete sind dank der Bürgerwehren frei von der FSA. Warum hat die FSA den Krieg in die Städte getragen? Sie hätte die syrische Armee ja auch außerhalb bekämpfen können, wenn sie politisch schon nichts zustande bringen.

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  8. "In den Rebellengebieten wären die Kämpfer nicht länger mit sich allein"

    Wenn mich meine grauen Zellen nicht ganz im Stich lassen, bedeutet dieser Satz, dass die syrische Armee nicht wahllos das eigene Volk abschlachtet.

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