Schon ist er um die Ecke verschwunden. Guy Sharett, braune Cordhose, übergroße Regenjacke und eine Umhängetasche, die ihm bei jedem Schritt in die Kniekehlen schlägt. Er läuft die Florentin-Straße entlang zu dem Platz, an dem bis 2011 die Konditorei Saloniki stand, wartet, bis auch die Letzten aus der Gruppe nachgekommen sind, und erzählt dann von der Gründung des Stadtteils Florentin im Süden Tel Avivs. Er schildert, wie jüdische Einwanderer aus Thessaloniki das Viertel in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts aufbauten, und erwähnt auch die Börek, die Blätterteigtaschen, die es früher in der Konditorei Saloniki gab, angeblich die besten im Viertel. "Übrigens, wie lautet der Plural von Börek im Hebräischen?", fragt Sharett plötzlich, zückt eine weiße Tafel, kritzelt das Wort Burekasim darauf und erklärt, wie Börek zu Burekas und schließlich zu Burekasim wurde.

Florentin Graffiti Tour heißt Guy Sharetts Führung. Sie verbindet Stadtgeschichte, Kulturvorlesung und Sozialkunde. Und ist außerdem ein Sprachkurs im Laufschritt. Wer mit Sharett durch Florentins Straßen geht, lernt die Stadt über die Sprache kennen. Manchmal reicht ein gesprühtes Wort, um zu erklären, was die Menschen im Viertel bewegt, manchmal macht ein Spruch an einer Mauer klar, wo die israelische Gesellschaft gespalten ist. Die Spannungen zwischen Orthodoxen und Säkularen, der Lebensstil einer jungen Generation – vieles kann man von der Wand ablesen. Und Guy Sharret ist da, um es einem zu zeigen.

Man muss dafür gar kein Hebräisch sprechen. In einem Schnellkurs – ein, zwei Treffen im Café – bringt Guy auch Reisenden das Alphabet bei und nimmt sie anschließend mit nach draußen. Bei Sharetts Führungen treffen Touristen, fortgeschrittene Sprachstudenten und Neuisraelis zusammen. Die Verständigung findet meist auf Englisch statt, und das ganze Viertel wird zum Unterrichtsraum. Sharett liebt das Lernen auf der Straße, weil er nichts so sehr hasst wie "genetisch modifizierte" Schulbuchtexte. Mit Graffiti, sagt er, könne er alles erklären: die Grammatik, die Herkunft der Wörter und den gesellschaftlichen Kontext. Dafür benötigt er nicht viel mehr als seine Tafel, den Schwamm und einen Marker. An seine Schüler hat er zu Beginn der eineinhalbstündigen Tour kleine Notizblöcke verteilt. Auch um zu zeigen, dass er es mit dem Unterricht durchaus ernst meint. Und es dauert nicht lange, da ermahnt er seine Gruppe erstmals in charmantem Ton: "Ich sehe keinen, der mitschreibt."

Es geht weiter hinein ins Viertel, vorbei an einstmals weißen, längst ergrauten Häusern mit geschwungenen Bauhaus-Balkonen, vorbei an Gemüseläden und einem Café, in dem Senioren beim Backgammon- Spiel sitzen, während sich die junge Boheme in der Kneipe nebenan hinter Sonnenbrillen- und vor Cocktailgläsern die Zeit vertreibt. Nahebei bietet die 84-jährige Rivka in ihrem Krämerladen seit mehr als 30 Jahren Brötchen mit geräucherten Makrelen an. Noch nicht so lange gibt es den Secondhandladen, der gebrauchte Milchaufschäumer verkauft, das Internetcafé mit angeschlossener Wäscherei und das Einrichtungsgeschäft mit Hockern, die kaum ein Mensch bezahlen kann. Aus dem einstigen Arbeiterstadtteil ist längst ein Szeneviertel geworden. Schon seit den neunziger Jahren wird Florentin von Studenten und Künstlern geprägt. Deren Subkultur hat dafür gesorgt, dass hier mehr Graffiti an den Mauern zu sehen sind als sonst irgendwo in der Stadt.

In der Rabbi-Frenkel-Straße hält Sharett die Gruppe an. Hier hat jemand mit einer Schablone den Kopf von Theodor Herzl an die Hauswand gesprüht. "Wenn ihr nicht wollt, ist es nicht notwendig", entziffert ein Student den hebräischen Satz, der darunter steht. Er spielt an auf Herzls berühmten Satz über die Verwirklichung eines jüdischen Staates. "Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen", schrieb der Begründer des Zionismus im Jahr 1900. Sharett interpretiert das Graffito als resignierte Kritik an der israelischen Gesellschaft: "Wenn man den Judenstaat nicht wirklich erhalten will, dann wird es eben auf Dauer keinen geben." Ein konservativer Kommentar? Während mancher aus der Gruppe noch grübelt, hat Sharett schon die Straßenseite gewechselt und deutet auf einen Slogan in Grün, der aus dem letzten Wahlkampf stammt. "Linke, geht nach Hause", liest einer von Sharetts Studenten sehr langsam vor. Auch das klingt wie ein Schmähspruch der Konservativen. "Ist es aber nicht", sagt Sharett. Das Grün sei die Farbe der linken Partei Meretz, die in den vergangenen Jahren viele Wähler verloren habe. Mit ihrem Slogan wolle Meretz erreichen, dass die verlorenen Wähler zur Linken zurückkehrten. "Sie sollen nach Hause kommen", sagt Sharett. So ist die vermeintliche Diffamierung tatsächlich Wahlwerbung.