Die meisten Menschen stellen eher ihre Träume infrage als ihre Zweifel. Ich wünschte, es wäre andersrum. Es scheint einfach nicht mehr zeitgemäß zu sein, an Träume zu glauben. Auch ich hätte mich dazu verleiten lassen können, zu sagen: Warum soll ausgerechnet ich Sängerin werden? Es gibt doch bereits so viele. Aber so habe ich nie gedacht, ich bin einfach meinen Weg gegangen. Schon als Kind habe ich davon geträumt, Sängerin zu werden. Ich habe mich gern meinen Tagträumen hingegeben und diese in einem rosafarbenen Büchlein notiert. Ich träumte von großen Bühnen, großen Songs, tollen Outfits und von diesem Energieaustausch, den man erlebt, wenn man als Künstler vor seinem Publikum steht. Ich erinnere mich an meine ersten Konzerterlebnisse. Zu sehen, dass eine einzige Person so viele Menschen auf einmal glücklich machen kann, hat mich sehr fasziniert.

Mit zehn fing ich an, meinen Traum konsequent zu verfolgen: Ich nahm Gesangsunterricht, schloss mich einer Kindertheatergruppe an, ging zum Chor und gründete eine Schülerband. Am liebsten sang ich Lieder von Norah Jones, Come Away With Me war das erste Album, das ich rauf und runter singen konnte. Ich hatte es mir von meinem Papa stibitzt. Später entdeckte ich Billie Holiday und Carole King für mich. Mit 16 wollte ich auf ein Musikinternat in London – und meine Eltern ließen mich ziehen. Das lag auch an einem schicksalsprägenden Erlebnis in meiner Kindheit: Jemand in unserer Familie war lebensbedrohlich erkrankt. Seither galt bei uns: Das Leben ist kurz, man sollte alles daransetzen, seine Träume zu verwirklichen. Und so sträubten sich meine Eltern auch nicht dagegen, mich gehen zu lassen.

Heute kommt mir mein Leben vor wie ein wahr gewordener Traum. Davon würde ich gerne etwas weitergeben. In unserer Gesellschaft wird man schon früh auf Effizienz getrimmt, junge Menschen haben kaum noch die Möglichkeit, zu sich selbst zu finden, sich auszuprobieren. Wer mit 23 noch nicht seinen Bachelor hat, wird komisch angeguckt. Aber wie soll man in diesem Alter schon wissen, wer man sein und was man machen will? Es wird einem nicht die Zeit gelassen, das herauszufinden, und das bedauere ich sehr.

Wovon ich nie zu träumen gewagt hätte: mit Elton John auf Tour durch Australien zu gehen. Sein Tour-Manager sah mich vergangenes Jahr bei einem Auftritt in Los Angeles und sprach mich an. Er wollte, dass ich im Vorprogramm auftrete. Danach hörte ich vier Monate nichts mehr von ihm und glaubte schon nicht mehr daran, dass es passieren würde. Doch dann hatte ich eines Nachts einen Traum: Ich war mit einer Freundin unterwegs, auf einer Straße breiteten wir Handtücher auf dem Boden aus, legten uns auf sie – und plötzlich tauchte Elton John auf. Er kam auf uns zu, blieb stehen und fragte mich, auf Deutsch mit englischem Akzent: "Bist du bereit?" Ich antwortete: "Yes, of course!"

Zwei Tage später erreichte mich tatsächlich der Anruf des Tour-Managers. Letzten November war es so weit, und ich flog nach Australien. Von meinem Traum habe ich Elton John jedoch nicht erzählt. Er hätte mich vielleicht für verrückt gehalten.

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