Ein Schimpanse im Taronga-Zoo in Sydney © Cameron Spencer/Getty Images

In einschlägigen Fachartikeln und den bunten Meldungen in Zeitungen werden die Unterschiede zwischen Schimpansen und Menschen mit jedem Tag ein bisschen kleiner. Demzufolge können unsere tierischen Verwandten all das, was auch wir können – sie trauern, trösten, malen, artikulieren, benutzen Werkzeuge und verfügen über eine Kultur. Es ist ein sehr menschliches Bild der Menschenaffen, das die Wissenschaft in den vergangenen Jahren gezeichnet hat.

Aber stimmt es überhaupt? Oder erscheinen uns die Schimpansen womöglich nur deshalb so ähnlich, weil ausschließlich solche Ergebnisse der Affenforschung derzeit gefragt sind? Wer sich mit der Forschung von Claudio Tennie beschäftigt, beginnt bald, sich diese Fragen zu stellen. Die Arbeiten des Verhaltensforschers lassen nicht nur an der romantischen Vorstellung vom ach so menschlichen Affen zweifeln. Sie kratzen auch am Mythos der unvoreingenommenen Wissenschaft und erwecken den Verdacht, dass sie vor allem das zur Kenntnis nimmt, was zu den herrschenden Moden passt.

Es ist 12 Uhr mittags an einem Donnerstag im Oktober 2007 auf Ngamba Island, einer kleinen Insel im Victoriasee, Ostafrika. Die Sonne brennt senkrecht vom Himmel auf die Käfiganlage am Rande des dichten Regenwalds. Hier leben 45 Schimpansen, die einst in der Wildnis gekidnappt, in Gefangenschaft gehalten und schließlich befreit wurden. Den Tag verbringen sie im Regenwald, abends kommen sie jedoch freiwillig in den Käfig, wo ein Schlafplatz und Futter auf sie warten. An wenigen Plätzen auf der Erde gibt es die Möglichkeit, das Verhalten von so vielen weitgehend wild lebenden Schimpansen unter kontrollierten Bedingungen zu studieren – perfekt für Tennies Experiment, dessen entscheidende Phase bevorsteht.

Der Verhaltensforscher vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig (EVA) widmet sich der großen Frage: Warum unterscheidet sich das Leben der Schimpansen so sehr von dem von uns Menschen – obwohl wir genetisch zu 98,5 Prozent identisch sind? »Schimpansen jagen nicht mit Pfeil und Bogen, sie bauen keine Hochhäuser«, sagt Tennie, »aber wieso nicht?« Die Antwort könnte in der Imitationsfähigkeit liegen. Menschen zeichnen sich ja unter anderem dadurch aus, dass sie ständig durch Nachahmen lernen. Unterscheiden sich Menschenaffen möglicherweise deshalb so stark von uns, weil sie nicht imitieren?

Um das herauszufinden, hat Tennie einen zweistufigen Versuch ersonnen. Im ersten Schritt hat er einem Schimpansen eine bestimmte Geste beigebracht. Im zweiten Schritt will er jetzt sehen, ob andere Affen diese Geste imitieren. Wichtig war dabei, eine Geste zu finden, die in der Natur bei Schimpansen nicht vorkommt. Nur so kann Tennie ausschließen, dass das beobachtende Tier zufällig eine Geste aus seinem angeborenen Repertoire macht, die dann versehentlich für eine Imitation gehalten würde.

Der Verhaltensforscher entschied sich, dem Schimpansen eine Art Gebetsposition beizubringen. Dazu bediente er sich der klassischen Konditionierung, mit deren Hilfe man auch Zirkustieren Kunststücke beibringt: Er führte die Hände des Schimpansen Mawa über dessen Kopf zusammen und gab dem großen, fast schwarzen Männchen immer dann Futter, wenn es sie dort beließ. Mit der Zeit half er immer weniger, belohnte Mawa aber weiterhin, bis dieser die betende Haltung beherrschte.

An diesem Donnerstag folgt der zweite Schritt des Experiments. Zunächst holt Tennie Mawa, dann lässt er Baluko in den Käfig, ein schmächtiges Jungtier mit braunem Fell. Baluko setzt sich in eine Ecke und beobachtet Mawa. Sobald der die Hände zum Gebet hebt, zieht Tennies Assistent, an einer dünnen Angelschnur – und schon rollt eine Erdnuss aus einer Apparatur vor die Füße von Mawa, der sie begierig auffrisst. Ein-, zwei-, dreimal geht das so. Baluko sieht zu, offenbar interessiert. Nach vier Minuten beendet Tennie die Vorführung, ein Tierpfleger lockt Mawa aus dem Käfig.

Nun ist Baluko alleine. Er geht zu der Stelle, an der Mawa die Hände gehoben und dafür Erdnüsse bekommen hat. Würde er jetzt die gleiche Geste machen, so wie er es mehrmals bei Mawa gesehen hat, dann würde auch zu ihm eine Erdnuss rollen. Doch Baluko kommt nicht auf die Idee. Stattdessen beginnt er, hektisch im Käfig herumzurennen, haut mit der Faust gegen das Brett. Er kreischt, tritt gegen die Tür. Baluko will auch Erdnüsse, das ist offensichtlich. Doch die Hände hebt er nicht. Nach drei Minuten setzt er sich in eine Ecke des Käfigs und starrt vor sich hin.