Zeitgeist: Runde ohne Ehre
Sitzenbleiben ist doof, Sommerschule ist schlauer.
Ein Wunder wäre es, wenn nicht auch das Sitzenbleiben ideologisch aufgeladen würde. Rot-Grün ist dagegen, zum Beispiel mit dem flüssig über die Lippen rollenden Spruch: "Die Schule muss sich nach den Kindern richten, nicht die Kinder nach der Schule." Eine hübsche Idee: Die StVO muss sich nach den Autofahrern richten, das Finanzamt nach den Steuerzahlern, der Dirigent nach dem Orchester.
Auf der anderen Seite poltern die Lehrerverbände. Die "Ehrenrunde" muss sein, weil die "naive Erleichterungspädagogik" ins "Mittelmaß" führe. Bild fährt auf einer dritten Schiene: Sitzenbleiben ist cool. Den Beleg liefert eine Foto-Galerie der Großen und Größten, die alle wiederkäuen mussten: Thomas Mann, Otto v. Bismarck, Edmund Stoiber, Peer Steinbrück, Klaus Wowereit... Diese Liste erinnert an die Eltern, die ihre Kinder mit der Mär trösten, auch Einstein hätte eine Sechs im Mathe-Abi gehabt. Hatte er wirklich; bloß war die Sechs im Aargau wie die Eins in Deutschland – die beste Zensur.
Wer sich ehrlich macht, muss zugeben, dass die internationale Forschung keine gesicherte Erkenntnis über Sinn und Unsinn des Sitzenbleibens zulässt. Manche meinen aus der jüngsten Pisa-Studie schließen zu können, dass der zweite Durchlauf die Schwachen keineswegs stärker mache. Eine jüngere Harvard-Studie besagt das Gegenteil: Doppelt hält besser; "zurückgehaltene Schüler leisten deutlich mehr als die Versetzten". Eine ältere Studie des US-Bildungsministeriums ist agnostisch: Es fehlten "schlüssige Forschungsdaten".
Am einfachsten wäre die Rückkehr in die Zwergschule: Da bleiben alle Kinder im selben Raum; niemand muss sich zurückgesetzt fühlen; die Lehrer bedienen die Langsamen wie die Schnellen. Just diese Idee (minus Zwergschule) kursiert nun als Dilemma-Knacker durch das Land. Sie lautet: "individuelle Förderung".
Es ist eine feine Idee, die noch mit der hässlichen Realität verknüpft werden muss. Die meckert, dass schon heute die Lehrer für den konventionellen Unterricht fehlen, dass Länder und Kommunen keineswegs gewillt sind, die Etats zu erhöhen. Selbst wenn das Geld da wäre, wie fördert man eigentlich individuell? Die Lehrer kümmern sich um die Langsamen und lassen die Schnelleren selber lernen? Die "Doofen" sitzen nach, die "Schlauen" verziehen sich ins Multiplex? Vielleicht richten wir verschiedene Züge ein und zeigen so den Nachzüglern, dass sie es nicht "bringen" – nicht gut für das Selbstwertgefühl.
Wahrscheinlich ist es sinnvoll, ganz junge Kinder eine Klasse wiederholen zu lassen; nicht alle sind mit sechs schon reif für die Schule. Aber die Älteren, die alles wiederholen sollen, nur weil sie zwei Fünfen haben? Das ist eine krasse Fehlsteuerung von Lebenszeit und staatlichen Ressourcen – so, als würde man ein neues Fahrrad anschaffen, weil das Vorderrad zerbeult ist. Die offenkundige Lösung ist die Wiederholung des Pensums in den Fächern X und Y in der Sommerschule – so wie es Amerikaner und Briten machen. Die Schüler bleiben im Verband, und die Schule steht im Sommer sowieso leer. Der Schönheitsfehler: Auch das kostet Geld. Es wäre aber produktiver angelegt als für eine "Ehrenrunde". Fragen wir die Lehrerverbände und Länder, was sie davon halten. Der Applaus wird spärlich sein. Der Ideologie-Streit kostet dagegen nichts.





weniger Ferien (so das Konzept aus dem Gedächtnis) für die "Gefährdeten" bietet eine Privatschule - mit Mehraufwand an Konferenzen und Eintragungen von Noten in entsprechende Listen für die absehbaren Noten. Und mit Erfolg.
Das Konzept: fördern durch fordern und fordern durch fördern - vermittelt zudem durch das Steuerungsinstrument "Anreiz" - erscheint mir zielführend.
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