Monatelang lief Ihre Arbeit wie am Schnürchen. Monatelang war von Ihrem Vorgesetzten kein Wort zu hören. Doch nun, da Ihnen ein Fehlerchen passiert ist, ballert er mit Kritik um sich. Wie geht es Ihnen damit, wenn Ihr Chef beim Kritisieren keine Schonzeit kennt? Nichts macht Mitarbeiter wütender als Vorgesetzte, die mit Lob geizen, auch wenn es angemessen wäre – aber mit Kritik nicht sparen, auch wenn sie unangemessen ist.

Etliche Vorgesetzte blasen kleine Fehler durch ihre Kritik auf, als würde es sich um den Untergang des Arbeitslandes handeln. Dabei entgeht ihnen, welcher Maßstab ein Fehlerchen erst groß erscheinen lässt: eine fehlerlose Arbeit, die ihm über einen langen Zeitraum voranging.

Wer als Führungskraft die gute Arbeit mit Stillschweigen, die (nach ihrer Auffassung) schlechte Arbeit jedoch mit Buhrufen quittiert, ist offenbar auf einem Auge blind: dem Auge für die Leistungen, die Stärken, die Zuverlässigkeit der Mitarbeiter. Dabei ist die wichtigste Aufgabe eines Vorgesetzten, das, was gut klappt, am Laufen zu halten, die Stärken der Mitarbeiter auszubauen und ihre Zuverlässigkeit zu würdigen. Das macht Mitarbeiter noch stärker. Doch viele Chefs tun genau das Gegenteil: Sie lauern geradezu auf Fehler, auf Schwächen, auf Unzulänglichkeiten, sie reiten auf ihnen herum.

Ein solcher Chef kommt mir vor wie ein Schiedsrichter, der jeden noch so kleinen Regelverstoß mit einer Gelben Karte ahndet – aber den Torpfiff konsequent verweigert, auch wenn der Ball grandios ins Netz gepfeffert wird.

Wozu das führt? Die Mitarbeiter schießen immer seltener aufs Tor, spielen ihre Stärken immer seltener aus und halten es für überflüssig, ihre Arbeit mit Engagement zu machen, da dieser Einsatz nicht gewürdigt wird. Sie fühlen sich ungerecht behandelt. Und wenn sie weniger Fehler machen, dann nur, weil sie insgesamt weniger machen und sich ins Heer der innerlich Emigrierten zurückgezogen habe.

Laut einer jährlichen Motivationsstudie sind neun von zehn Mitarbeitern in Deutschland höchstens halbherzig engagiert. Fallen solche Motivationsleichen vom Himmel? Nein, sie gehen oft auf das Konto einer dilettantischen Führung. Eine vorzügliche Waffe, um Motivation zu töten, ist übertriebene Kritik.