Kritik : Das Zitat... und Ihr Gewinn

Noël Coward sagt: Wilddiebe und Kritiker kennen keine Schonzeit.
US-Präsident Obama lobt Vizepräsident Biden © Alex Wong/Getty Images

Monatelang lief Ihre Arbeit wie am Schnürchen. Monatelang war von Ihrem Vorgesetzten kein Wort zu hören. Doch nun, da Ihnen ein Fehlerchen passiert ist, ballert er mit Kritik um sich. Wie geht es Ihnen damit, wenn Ihr Chef beim Kritisieren keine Schonzeit kennt? Nichts macht Mitarbeiter wütender als Vorgesetzte, die mit Lob geizen, auch wenn es angemessen wäre – aber mit Kritik nicht sparen, auch wenn sie unangemessen ist.

Etliche Vorgesetzte blasen kleine Fehler durch ihre Kritik auf, als würde es sich um den Untergang des Arbeitslandes handeln. Dabei entgeht ihnen, welcher Maßstab ein Fehlerchen erst groß erscheinen lässt: eine fehlerlose Arbeit, die ihm über einen langen Zeitraum voranging.

Wer als Führungskraft die gute Arbeit mit Stillschweigen, die (nach ihrer Auffassung) schlechte Arbeit jedoch mit Buhrufen quittiert, ist offenbar auf einem Auge blind: dem Auge für die Leistungen, die Stärken, die Zuverlässigkeit der Mitarbeiter. Dabei ist die wichtigste Aufgabe eines Vorgesetzten, das, was gut klappt, am Laufen zu halten, die Stärken der Mitarbeiter auszubauen und ihre Zuverlässigkeit zu würdigen. Das macht Mitarbeiter noch stärker. Doch viele Chefs tun genau das Gegenteil: Sie lauern geradezu auf Fehler, auf Schwächen, auf Unzulänglichkeiten, sie reiten auf ihnen herum.

Ein solcher Chef kommt mir vor wie ein Schiedsrichter, der jeden noch so kleinen Regelverstoß mit einer Gelben Karte ahndet – aber den Torpfiff konsequent verweigert, auch wenn der Ball grandios ins Netz gepfeffert wird.

Martin Wehrle

Der Coach Martin Wehrle ist Autor mehrerer Karrierebücher. In seinem aktuellen Ratgeber Sei einzig, nicht artig! fordert er den Leser auf, nichts mehr nur für andere zu tun, sondern alles für sich selbst.

Wozu das führt? Die Mitarbeiter schießen immer seltener aufs Tor, spielen ihre Stärken immer seltener aus und halten es für überflüssig, ihre Arbeit mit Engagement zu machen, da dieser Einsatz nicht gewürdigt wird. Sie fühlen sich ungerecht behandelt. Und wenn sie weniger Fehler machen, dann nur, weil sie insgesamt weniger machen und sich ins Heer der innerlich Emigrierten zurückgezogen habe.

Laut einer jährlichen Motivationsstudie sind neun von zehn Mitarbeitern in Deutschland höchstens halbherzig engagiert. Fallen solche Motivationsleichen vom Himmel? Nein, sie gehen oft auf das Konto einer dilettantischen Führung. Eine vorzügliche Waffe, um Motivation zu töten, ist übertriebene Kritik.

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Kommentare

14 Kommentare Kommentieren

Für den Einen ist es "Überheblichkeit" ...

... für den Anderen "Realität". In der Bundesrepublik Deutschland ist es nun einmal so, dass der Staat zunehmend die Steuerung des Individuums übernimmt; Tendenz stark zunehmend - insbesondere (aber nicht ausschliesslich) auf der linksgrünen Seite. Das führt zu Auswüchsen, z. B. der neuesten Modekrankheit "Burnout", aber auch dazu, dass die Zahl derer, die noch richtig "anpacken" wollen, sehr stark im Abnehmen begriffen ist. In diese Schublade passt auch der Wehrle-Beitrag. Truman soll mal gesagt haben: "If you can't stand the heat, you better leave the kitichen". Der Spruch passt hier sehr gut.

Übrigens: Das als Blickfänger gewählte Obama/Biden-Foto (sicherlich nicht von Wehrle, sondern von der Redaktion ausgesucht) passt überhaupt nicht in den Zusammenhang. Der US Vice President ist ein gewählter "Executive" und als solcher kein Untergebener des US-Präsidenten. Obama kann Biden bitten, bestimmte Themen zu übernehmen - oder auch nicht. Schlimmstenfalls könnte Biden die ganze Zeit Golf spielen und Obama müsste damit leben.

Unten zählt, ...

... was umgesetzt wird? Richtig! Allerdings gilt das auch für "oben".

Ihre sonstige Wortwahl allerdings (Putzfrau, Diktierknecht, Laufbursche, Handlanger) spricht allerdings dafür, dass Ihnen bislang der richtige Blickwinkel nicht gegeben ist. Wenn Sie mit "Diktierknecht" mein Vorzimmer meinen, dann kann ich Ihnen sagen, dass ich ohne die Damen und Herren dort (das schliesst den "Laufburschen" = "Assistent" mit ein) meine Arbeit überhaupt nicht machen könnte. Das wissen die Damen und Herren aber auch.

Vielen Dank!

Für Ihre guten Wünsche zum Tag, meine ich. Bislang hat es funktioniert.

Mir ist beim Lesen Ihres Kommentars zu meinem Kommentar zu Ihrem Kommentar zu meinen Kommentar aufgefallen, dass sich keiner Ihrer beiden Kommentare mit Wehrles Artikel auseinandersetzt. Das sind also eigentlich keine Kommentare sondern eigentlich nur (stumpfe?) Reflexe. Aber wie dem auch sein mag, hier abschliessend (für mich): Das Mülltrennverhalten meiner Nachbar interessiert mich nicht. Ich kann es aber auch nicht beurteilen, da unsere jeweiligen Grundstückszufahrten etwa 150 Meter (nach rechts) bzw. 250 (links) entfernt sind.

Da dieser Artikel jetzt nur noch auf Umwegen zu finden ist, klinke ich mich für diese Woche einfach aus. Vielleicht "sehen" wir uns nächste Woche wieder? Bis dann ...

Mir gefallen Herrn Wehrles Beiträge.

Obwohl sich die Beiträge von Herrn Wehrle manchmal etwas seltsam lesen, finde ich das sie an die Realität herankommen.
Meine Erfahrung mit vier verschiedenen Chefs bestätigt die Aussage von Herrn Wehrle. Ein Chef war wirklich fair, hat meine Leistungen erkannt und mich dafür auch mal gelobt. Natürlich musste er mir gelegentlich den Kopf waschen, aber das hat er sachlich und unter vier Augen getan.-Die Kritik war immer berechtigt.
Ganz das Gegenteil dazu waren meine anderen Vorgesetzten. In drei Jahren habe ich nie ein Lob für eine schnelle Ausarbeitung oder eine neuentwickelte Technik bekommen, aber als ich ein einziges Mal eine Probe nicht gleich wiedergefunden habe, wurde mir das monatelang von meinem Chef vorgehalten. Oft habe ich bis nachts gesessen und Sachen ausgearbeitet und recherchiert, um seine Anfrage schnell zu beantworten. Wenn ich Ihm dann zwei Tage später die ausgearbeiteten Sachen oder neue Ergebnisse vorglegt habe, konnte er sich nicht mehr daran erinnern, dass er mir diese Aufgabe gegeben hatte. Ein anderer Chef hat generell nie seine Aufgaben erledigt und sie kurz vorher an einem der Mitarbeiter delegiert, um einem dann zwei Tage später vorzuhalten, dass man seine Aufgaben, die er drei monatelang nicht geregelt hatte, nicht erfüllt hätte.

Dazu muss ich außerdem sagen, dass der Chef, der mich gelobt und mich sehr fair behandelt hat, mit Abstand der fachkompetenste und erfahrenste Chef war, den ich jemals hatte.

Es ist ihr gutes Recht, ...

... dass Ihnen Wehrles Beiträge gefallen. Allerding sollten Sie sich mal die Frage stellen, ob das nicht eher darin begründet ist, dass Sie für ihr einigermassen beschränktes Weltbild in diesen Beiträgen die Bestätigung finden. Falls Sie diese Frage nicht eindeutig mit "nein" beantworten können, dann wäre eine Überprüfung des Weltbilds anzuraten.

Was ist denn ein Lob / eine Zuwendung?

Die höchste Form von Zuwendung, die ich kenne heist: Mich machen lassen...

Konkludentes Handeln reicht mir bereits. Kaufmännisches Denken habe ich verinnerlicht. Mitmenschliches Denken auch. Ich weis wie man Arbeitsabläufe optimiert und wie man Arbeitsplätze trotz höhere Leistung humaner und weniger erschöpfend gestaltet. Wie man Menschen und ihren eigenen Willen stärkt und wie sie kreativ in den Arbeitsprozess eingreifen lässt. (Fähigkeiten, die man mit nach Hause nimmt). Jedoch dränge ich mich niemals ungefragt auf.

Warum sollte man so einem Menschen am Arbeitsplatz die gestalterische Fähigkeit nehmen?

Und: Braucht man tatsächlich zusätzlich Lob in verbaler Form?