Port SaidMursi, du Drache

Der Protest gegen Ägyptens Präsidenten wächst. Seit Tagen blockieren Demonstranten die Hafenstadt Port Said. von 

Ahmed grüßt den Engel auf seiner rechten Schulter, den Engel auf seiner linken Schulter und zieht hastig den Gebetsteppich unter seinen Knien hervor. Es ist ein Transparent. "Seid froh und aufmüpfig" steht drauf. Mitten in der Hafenstadt Port Said auf dem Platz der Märtyrer haben sich jetzt ohnehin alle nach dem Gruppengebet erhoben. Die Menschen knabbern geröstete Kichererbsen, malen ihre Gesichter bunt an und warten ungeduldig auf das Startzeichen zum zivilen Ungehorsam. Dampf ablassen. Aufstand gegen das arrogante Kairo.

Ahmed ist zwanzig Jahre alt. Er hat sein Gesicht schwarz, weiß, grün geschminkt. Die Farben von Port Said. "Und der syrischen Revolution", merkt er an. Ja, er sei stolzer Port Saider, stolz auf seine Fußballmannschaft und seinen Sueskanal, stolz auf die Handelstradition und die Fischerei in der einzigen Stadt der Welt, die sowohl in Afrika wie in Asien liegt. Für die Unabhängigkeit Ägyptens hätten sie hier gegen die Briten, für die Rückeroberung des Sinai gegen Israel und für die Revolution vom 25. Januar 2011 gegen das Mubarak-Regime gekämpft. Längst steht der Platz der Märtyrer für Kämpferehre und Mut. "Wenn ich heirate, dann nur jemanden aus Port Said." Der Spruch macht jetzt sogar auf dem viel berühmteren Tahrir-Platz in Kairo die Runde.

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Dabei ist Ägyptens Hauptstadt eigentlich die Hochburg der Feinde. Vor rund einem Jahr kamen bei brutalen Ausschreitungen nach einem Fußballspiel im Stadion von Port Said 74 Fans der gegnerischen Mannschaft von Al-Ahly ums Leben. Aus Sicht der Hauptstädter war das ein gezielter Racheakt gegen die berühmten Ultras des Kairoer Clubs, die seinerzeit auf dem Tahrir-Platz mit harten Bandagen gegen die Schlägertrupps des Mubarak-Regimes gekämpft hatten. Für die Port Saider war es schlicht eine Massenpanik, die unfähige Sicherheitskräfte nicht in den Griff bekamen – oder bekommen wollten. Als dann vor einem Monat ein Kairoer Gericht 21 junge Männer aus Port Said wegen der Stadionkatastrophe zum Tode verurteilte, erschossen Sicherheitskräfte bei den folgenden Protesten in Port Said 42 Menschen. Seitdem ist in der Stadt am Nordende des Sueskanal eine eigene Revolution im Gang. "Mursi", sagt Ahmed, "hat Schiss vor den Fußball-Ultras in Kairo und opfert uns für seinen Machterhalt."

Mit den Protestlern in der Hauptstadt verbindet die Port Saider immerhin eines: ungebremste Wut auf den Präsidenten. Laternen, Bäume, Zäune sind mit Porträts jener geschmückt, die gerächt werden müssen. Jeder in Port Said kennt mindestens einen der Toten oder der zum Tode Verurteilten persönlich. Hupen, Megafone, Knallkörper: Auch ihre Helden im Gefängnis unweit vom Platz der Märtyrer sollen sie hören. Ahmed übt schon mal mit zwei Topfdeckeln, die seine Mutter mitgebracht hat. Die wiederum krempelt ihr schwarzes Gewand hoch und zeigt ihren Fuß, unter dem ein Foto des Staatsoberhaupts klebt: "Ohne das Gesicht von Mursi unter meiner Schuhsohle gehe ich nicht mehr aus dem Haus."

Nach dem Willen des Präsidenten sollten die Menschen überhaupt nicht aus dem Haus gehen, jedenfalls nicht nachts während der Ausgangssperre. Doch seit über einer Woche herrscht nach Einbruch der Dunkelheit aufrührerische Stimmung auf den Straßen. Aus Solidarität bleiben Schulen geschlossen, Arbeiter streiken, der Hafen ist blockiert, Züge fahren unregelmäßig, Beamte werden daran gehindert, das Rathaus zu betreten. Die Port Saider haben dabei ihre ganz eigene Protestkultur entwickelt. Ähnlich wie beim rheinischen Karneval halten Prominente auf einer Bühne Büttenreden auf altkluge Kairoer, bärtige Muslimbrüder und untertänige Richter. In einem Umzug mit riesigen Puppen aus Pappmaché gibt es Mursi als dicken Drachen und als zahmen Welpen zu sehen. Und Mursi mit seinem berühmten ausgestreckten Zeigefinger und einer riesigen blauen Propangasflasche, die dem Präsidentenschädel gefährlich nahe kommt.

Dabei geht es hier nicht nur um einen Wutausbruch gegen Mursi. Es ist vielmehr der Aufschrei einer vernachlässigten, beleidigten Provinz: Die seit 30 Jahren versprochene Freihandelszone kam nie, die Fernsehkameras sind fest auf den Tahrir-Platz fixiert, und aus Kairo schicken sie das Militär, mit sechs polierten Panzern. Als einer davon gefährlich nahe an die Menschenmenge heranfährt, verstummt die Masse für einen Moment. Ein Dröhnen, ein Knattern, das gewaltige Rohr vibriert. Dann schallen nationalistische Gesänge aus einem Lautsprecher in der Panzerluke. Ganz Port Said jubelt: "Volk und Armee Hand in Hand!" Der Kommandeur nimmt ein Bad in der Menge und bittet die "Mitbürger und Mitbürgerinnen" freundlich zum Protest.

Selbst wenn er gewollt hätte, hätte der Offizier die Menge an diesem Abend nicht stoppen können. Wenn eine halbe Millionen Port Saider mit ganzer Wucht und Wut auf den Boden stampfen, hat man das Gefühl, die Hafenstadt löst sich gleich vom Festland und treibt ins Mittelmeer hinaus. Port Said möchte am liebsten nichts mehr zu tun haben mit Mursi, mit den bevorstehenden Parlamentswahlen, mit Ägypten überhaupt. Einige Demonstranten rufen wenig später die unabhängige Republik Port Said aus und meinen das ausdrücklich nicht als Karnevalswitz.

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