AlaskaCamping mit Grizzly-Besuch

Beim Zelten in Alaska wollte Stefan Nink Naturerlebnis und Feinschmeckerküche kombinieren. Doch dann kamen die Grizzlys. von Stefan Nink

Grizzlybären in einem Nationalpark in Wyoming

Grizzlybären in einem Nationalpark in Wyoming  |  © Karen Bleier/AFP/Getty Images

Und dann knirschten die Kajaks auf dem Ufersand, und wir kletterten hinaus, wie man aus einem Kajak klettert, wenn man die letzten Stunden mit Paddeln verbracht hat, ungelenk, müde, vor allem aber: sehr, sehr hungrig. Am liebsten hätten wir sofort das Zelt aufgeschlagen und mit den Vorbereitungen für unser erstes Gourmet-Wildnis-Abendessen begonnen, Kürbissuppe, gegrillte Zucchini mit einer Champignon-Pesto-Füllung und hinterher Cognac-Creme, aber wir mussten ja erst das erledigen, was der Nationalpark-Ranger am Morgen als "Grizzlycheck" bezeichnet hatte: nachsehen, ob es in der Nähe Spuren von Bären gab. Die gab es, fünf, sechs Schritte von den Kajaks entfernt. Die Tatzenabdrücke im feuchten Sand waren groß wie Unterteller. Sie sahen exakt so aus wie die an unserem letzten Anlandeplatz. Und wie die an dem davor. Wir sahen uns an. Wir mussten gar nichts sagen. Wir wussten, was der jeweils andere dachte. Wie blöd musste man eigentlich sein, um auf so eine Idee zu kommen – das dachten wir.

Und das war unsere Idee: Wenn man lange genug Reisen in die Wildnis unternommen hat, weiß man irgendwann, man kann nicht beides haben – absolute Abgeschiedenheit und tolles Essen. Das eine schließt das andere aus. Wer schlemmen möchte, muss sich auf Tagesausflüge beschränken, um dann abends in einem netten Hotel in der Nähe frisch geduscht das Restaurant aufzusuchen. Dann verpasst man allerdings die schönsten Stunden in der Natur, den frühen Morgen und den späten Abend und überhaupt das Gefühl, wirklich "da draußen" zu sein. Das bekommt man nur, wenn man mit dem Zelt unterwegs ist. Und sich selber verpflegt. Eine umtriebige Outdoor-Industrie hat deshalb in den vergangenen Jahren immer neue Variationen von Instantnahrung und Expeditionsgerichten entwickelt, aber ganz ehrlich: Wer je mit heißem Wasser aufgegossenes "Gartengemüse-Risotto mit italienischen Kräutern" aus dem "wiederverschließbaren Standbeutel" gelöffelt und mit einem zusammengerührten Instantpulver-Rotwein hinuntergespült hat, der weiß, dass belegte Käsebrote bei Wanderern nicht umsonst einen so guten Ruf haben.

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Jochen und ich hatten das alles ausprobiert, und wir wollten das nicht mehr. Stattdessen hatten wir damals beschlossen, den Versuch zu wagen, Naturerlebnis und Feinschmeckerküche zu kombinieren. Wir wollten uns beweisen, dass man abseits jeglicher Zivilisation richtig gut essen kann. Keine Fertiggerichte. Keine Konserven. Stattdessen Drei-Gänge-Menüs mit allem Pipapo. Dazu hatten wir uns von einem befreundeten Sternekoch Rezepte für fünf Tage zusammenstellen lassen, Gerichte, die man mit normaler Campingausrüstung zubereiten konnte. Der Mann hatte online recherchiert, was es in den Supermärkten von Alaskas Hauptstadt Juneau zu kaufen gab. Wir mussten die Zutaten, sieben Einkaufstüten voll, dann nur noch in unseren Kajaks verstauen. Jetzt waren wir einen Tag lang gepaddelt. Wir hatten einen Bärenhunger. Und fanden in diesem verdammten Nationalpark kein Plätzchen, wo wir auch nur für ein paar Minuten ohne Angst an Land gehen konnten. Geschweige denn, uns die Zeit für ein ausgefeiltes Menü nehmen. Wie gesagt: Das Ganze war eine blöde Idee.

Der Nationalpark ist berühmt für seine Tierwelt

Der Glacier Bay National Park liegt ganz im Süden Alaskas, in jenem Teil, den man bei einem flüchtigen Blick auf die Landkarte für ein Stück kanadische Küste halten könnte. Seinen Namen hat er von den 17 Gletschern, die hier vor sich hin schmelzen; sein Ruf als erstklassiges Kajakrevier rührt daher, dass das Meer meist absolut ruhig ist – tiefe Fjorde verhindern stärkeren Seegang. Und natürlich ist der Nationalpark für seine Tierwelt berühmt. Vor allem für die Wale, die im Sommer an diesem Teil der Küste unterwegs sind.

Im Nachhinein kann man über so was lachen, aber: Alaskas Buckelwale hatten uns bei der Planung der fünf Wildnis-Gourmet-Tage die meisten Sorgen bereitet. Wie verhalten sich solche Giganten, wenn sich zwei Kajaks genau dort herumtreiben, wo die Wale herumtreiben? Wir waren uns nicht sicher. Die Ranger im Nationalpark mailten, das alles sei kein Problem, noch nie hätten Wale ein Kajak zum Kentern gebracht. Ein Freund vom Institut für Meereswissenschaften in Kiel meinte, man solle sich da nicht zu viele Sorgen machen. Wir haben dann gebucht. Flüge, Fähre, Kajaks, alles. Wir waren der Meinung, perfekt vorbereitet zu sein. Mir ist es bis heute ein Rätsel, wieso wir zu keinem Zeitpunkt daran gedacht hatten, dass es in Alaska nicht bloß im Wasser große Säugetiere gibt, sondern auch an Land. Wir hatten auch nicht bedacht, dass sich Ursus arctos horribilis wegen seiner 600 Kilo Lebendgewicht und aus etlichen anderen guten Gründen zu Recht als Spitze der Nahrungskette begreift. "Nicht nur Kajakfahrer haben abends Hunger. Bären auch."

Dieser Satz stammte nicht von uns: Er war beim obligatorischen Briefing im Büro der Nationalparkverwaltung am Abend zuvor gefallen. Der Ranger hatte ein ernstes Gesicht gemacht und eine Landkarte entrollt. Darauf war der komplette Nationalpark eingezeichnet, das Land hellbraun-hellgrün, das Wasser blau, das Eis weiß. Was das denn für rot schraffierte Flächen seien, hatten wir wissen wollen – ungefähr die Hälfte der Küste hatte diese Farbe. Das seien Gebiete, in denen das Übernachten im Zelt zurzeit verboten sei, hatte der Ranger geantwortet. "In den vergangenen Wochen gab es dort ungewöhnlich hohe Grizzlyaktivität. Einige der Tiere haben sich nicht so verhalten wie normalerweise. Die haben offenbar ihre Scheu vor dem Menschen verloren."

Ein gewaltiger Grizzly drehte Felsbrocken zur Seite

Wie so etwas in der Realität aussah, bekamen wir am Morgen mit, als wir vom Ausflugsboot aus unseren ersten Bären entdeckten. An der Stelle, an der wir mit unseren Kajaks zu Wasser gelassen werden sollten, stromerte ein gewaltiger Grizzly am Ufer herum und drehte Felsbrocken zur Seite, um an die Insekten darunter zu kommen. Als er das Boot kommen sah, rannte er nicht etwa weg: Er blieb stehen und sah neugierig zu uns herüber. Als warte er, ob der eine oder andere vielleicht einen Fuß an Land setzen wollte. Oder ein zerbrechliches Kajak aufs Wasser. Wir fragten den Kapitän, ob er uns noch ein paar Kilometer weiter mitnehmen könne. Konnte er. Und wir konnten die nächsten zwei Stunden beobachten, wie seine launigen Bären-Anekdoten über die Lautsprecher an unseren Nerven knabberten. Um uns abzulenken, redeten wir uns ein, dass dieser Grizzly da eben außergewöhnlich groß gewesen sei und dass es so viele dieser Bären hier ja nicht geben könne.

Acht oder neun Stunden später standen wir also am vierten oder fünften möglichen Zeltplatz und starrten auf die Spuren im Sand, als könne nicht sein, was nicht sein dürfe. "Geht nicht", sagte Jochen, "geht gar nicht." Er meinte, dass wir hier nicht bleiben konnten, aber es klang, als wolle er die Abdrücke wegreden. "Und der Baumstamm da vorne sieht auch aus, als habe ihn jemand zweckentfremdet." Der Ranger hatte uns noch weitere Anzeichen genannt, die auf die Nähe von Bären hinwiesen. Platt gedrücktes Gras, umgeknickte Stämme, umgedrehte Steinbrocken. Oder Bäume mit abgeschubberter Rinde, wie der da hinten. "Wir suchen uns was anderes", beschloss Jochen. Ich nickte. Wir packten wieder alles ein. Und legten ab. Wir waren ziemlich frustriert.

Leserkommentare
  1. "...Naturerlebnis und Feinschmeckerküche zu kombinieren. Wir wollten uns beweisen, dass man abseits jeglicher Zivilisation richtig gut essen kann. Keine Fertiggerichte. Keine Konserven. Stattdessen Drei-Gänge-Menüs mit allem Pipapo...."

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • brazzy
    • 12. März 2013 11:32 Uhr

    Finden sie dass die aufwändige Zubereitung von Gerichten aus frischen Zutaten weniger naturnah ist als Fertiggerichte und Konserven?

    Oder dass man nur dann ein "wahrer Naturfreund" ist wenn man sich ausschließlich von selbstgesammelten Früchten und mit selbstgebastelten Waffen selbst erlegtem Fleisch ernährt?

    • brazzy
    • 12. März 2013 11:32 Uhr

    Finden sie dass die aufwändige Zubereitung von Gerichten aus frischen Zutaten weniger naturnah ist als Fertiggerichte und Konserven?

    Oder dass man nur dann ein "wahrer Naturfreund" ist wenn man sich ausschließlich von selbstgesammelten Früchten und mit selbstgebastelten Waffen selbst erlegtem Fleisch ernährt?

    7 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Wahre Naturfreunde"
    • lonny
    • 12. März 2013 11:33 Uhr

    ... für den unterhaltsamen Artikel, hat Spaß gemacht zu lesen.

    17 Leserempfehlungen
  2. wieso haben die herrschaften nicht einfach einen dieser "anti-bär-elektrozäune" mitgenommen?

    ansonsten sehr unterhaltsamer artikel.

  3. Nicht mehr, wen oder was möchte ich HEUTE essen, sondern,
    .
    WER will MICH HEUTE essen :)
    .
    Natur kann gemein sein.
    Meint
    Sikasuu

    Eine Leserempfehlung
    • scoty
    • 12. März 2013 12:10 Uhr

    das hätten sie mal lautstark sagen sollen.

    "Wie gesagt: Das Ganze war eine blöde Idee"

    gedacht eher.

    Also in Zukunft Andreas Kieling Sendungen schauen.

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  4. Ich hatte viel Spaß beim Lesen.

    2 Leserempfehlungen
  5. Ein köstlicher Bericht. Vielen Dank!

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