ArbeitszeitWarum die Kritiker irren

Die Forderung nach der 30-Stunden-Woche ist richtig. von Heinz-J. Bontrup

Arbeiterinnen in der Autoproduktion

Arbeiterinnen in der Autoproduktion  |  © Sean Gallup/Getty Images

Ohne kürzere Arbeitszeiten werden wir nie wieder Vollbeschäftigung erreichen. Das ist die Idee hinter einem offenen Brief, mit dem hundert Erstunterzeichner aus Politik und Wissenschaft die 30-Stunden-Woche gefordert haben. Die ZEIT berichtete darüber (Nr. 8/13) und führte eine Reihe von Argumenten gegen den Vorstoß an, an dem ich als einer der Initiatoren beteiligt war. Doch die in der ZEIT und anderen Medien erhobenen Einwände lassen sich entkräften.

Natürlich stimmt es, dass bei einer Arbeitszeitverkürzung nicht jede Arbeitsstelle, die an einem bestimmten Ort frei wird oder im Rahmen eines bestimmten Qualifikationsprofils, sofort eins zu eins neu besetzt werden kann. Deshalb sind Anpassungsprozesse unvermeidlich. Über Qualifizierungsmaßnahmen mit staatlicher Unterstützung lässt sich das aber bewältigen. Es ist geradezu eine Beleidigung der Arbeitslosen, zu behaupten, sie seien nicht hinreichend ausgebildet. Die große Masse ist es.

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Ohnehin haben die meisten Arbeitsprozesse in Wirklichkeit repetitiven Charakter. Die Kritiker sollten sich lieber Gedanken über die hohen staatlich-fiskalischen Kosten der Arbeitslosigkeit von zurzeit über 50 Milliarden Euro jährlich machen. Staatsverschuldung wäre kein Problem, hätten wir Vollbeschäftigung. Und die Kritiker sollten vor allen Dingen an das Schicksal der Arbeitslosen, ihrer Familien und Kinder denken. Außerdem leiden die (noch) Beschäftigten, weil sie permanent die Reservearmee der Nicht- und Unterbeschäftigten vorgeführt bekommen. Lohnsenkungen, Arbeitszeitverlängerungen und gesundheitliche Schäden sind der eindeutige Befund.

Heinz-J. Bontrup

ist Professor für Wirtschaftswissenschaft an der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen, Campus Recklinghausen

Das Argument, die frei werdende Arbeit ließe sich auch regional nicht ohne Weiteres neu besetzen, wiegt schwerer. Uns ist bewusst, dass die Arbeitslosenquoten in Deutschland unterschiedlich hoch sind. Hier wird man monetäre staatliche Anreize zur Mobilität setzen müssen.

Die von den Kritikern angeführten Sachprobleme lassen sich lösen. Entscheidend ist die Frage: Wollen wir eine Wirtschaft mit Vollbeschäftigung? Es ist eine Tatsache, dass das seit Langem rückläufige reale Wirtschaftswachstum tendenziell kleiner ausfällt als das Wachstum der Produktivität. Das Ergebnis ist ökonomisch trivial: Es wird weniger Arbeit gebraucht, das Arbeitsvolumen (Beschäftigte multipliziert mit der Arbeitszeit) geht zurück. Natürlich kann man versuchen, über steigende Löhne eine entsprechende Nachfrage an den Gütermärkten und abgeleitet an den Arbeitsmärkten zu entfalten, wie dies reine Wachstumsfetischisten machen. Grundsätzlich bin ich als Sprecher der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik auch dafür, dass die Löhne steigen und die Einkommen von den Kapitalbesitzern zu den Arbeitnehmern umverteilt werden.

Nur wirft diese Lösung Probleme auf. Erstens: Wie soll diese Umverteilung bei der bestehenden Massenarbeitslosigkeit gelingen? Die Beschäftigten können sich in dieser Situation nicht durchsetzen. Zweitens: Wachstum verschärft Umweltprobleme. Für eine Arbeitszeitverkürzung gilt das nicht. Nun mag man einwenden, die Gewerkschaften seien auch zu schwach, kürzere Arbeitszeiten durchzusetzen. Richtig. Deshalb sagen wir ja auch, Arbeitszeitverkürzung zur Bekämpfung der Massenarbeitslosigkeit ist ein "gesamtgesellschaftliches Projekt", das man nicht allein über Tarifverhandlungen verwirklichen kann.

Anders als oft behauptet, ist auch ein voller Lohnausgleich möglich. Nehmen wir an, in einer Volkswirtschaft wächst die Produktivität und damit die Menge der in einer Stunde Arbeit produzierten Güter um zwei Prozent. Dann kann man die Arbeitszeit entsprechend verringern und den Stundenlohn um den gleichen Prozentsatz erhöhen. Im Ergebnis erhält ein Beschäftigter bei geringerer Arbeitszeit das gleiche Einkommen wie vorher. Dieser volle Lohnausgleich hält die Lohnstückkosten konstant und erhöht die Gewinne in Höhe der Produktivitätsrate. Und es entsteht Spielraum für zusätzliche Beschäftigung. Die 30-Stunden-Woche ist daher richtig, dringend nötig und realisierbar.

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Leserkommentare
    • voy
    • 08. März 2013 10:42 Uhr

    völlig richtig , vor allem finde ich es bemerkendwert, das mal jemand an das Befinden der sich in Arbeit befindenden sowohl als auch an die die Arbeitslos sind denkt. Solche Sichtweisen fallen leider immer den ökonomischen Sichtweisen zum Opfer. Nur langfristig wird so etwas wie hier beschrieben wohl nicht verhindern lassen, Menschen sind doch keine Arbeitsroboter und könnten auch in der sog. Freizeit viel machen. z.B. sich sozial / kulturell engagieren, oder aber in der Politik und die gegenwärtigen Repräsentaten zum Teufel jagen.

    28 Leserempfehlungen
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    „[...] oder aber in der Politik und die gegenwärtigen Repräsentaten zum Teufel jagen“

    Ich habe manchmal das Gefühl, dass die größten Wetteiferer gegen solch sinnvolle Vorschläge wie die 30-Stunden-Woche genau das fürchten:

    Menschen die zu viel Freizeit haben, in der sie zuerst ihren kritischen Geist wiederentdecken, sich dann ihre eigenen Meinungen bilden und sich schließlich sogar einbilden an politschen und damit an gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen beteiligt werden zu wollen.

    Eine 30-Stunden-Woche oder gar ein bedingungsloses Grundeinkommen könnten den Teufelskreis durchbrechen, der dafür sorgt, dass die braven arbeitenden Menschen sich ohne großes Murren von den wenigen Profiteuren des Systems weiterhin wie Bullen am Nasenring durchs Leben führen lassen.

    Ein selbstbestimmtes Leben für alle Menschen passt nach Ansicht Einiger wohl leider nur in die Welt der Science-Fiction-Romane.

    • paul12
    • 08. März 2013 10:46 Uhr

    Würden dann aber nicht die Gewinne der Konzerne sinken?

    MFG

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    • rsi99
    • 08. März 2013 11:06 Uhr

    zumindest nicht der ausländischen und multinationalen Konzernen. Die suchen sich weiterhin den günstigsten Standort und solange wir nicht die Weltherrschaft haben, finden sie ihn irgendwo

    denn die Binnennachfrage würde gewaltig steigen (und wir müßten nicht immer den Idiotentitel "Exportweltmeister" vor uns herschieben).

    Ist schon möglich, dass hier und da Gewinne sinken. Was ist aber wichtiger? Millionen-Boni an "vernetzte" Zampanos oder das Wohlergehen der Bevölkerung? Zur Not geht es auch ohne Lohnausgleich...

  1. > "Anders als oft behauptet, ist auch ein voller Lohnausgleich möglich..."

    An dieser Stelle erscheint mit die Argumentation widersprüchlich. Natürlich kann man den Produktivitätszuwachs in niedrigere Arbeitszeiten überführen ohne dabei die Lohnsumme abzusenken. Wenn man das tut, kann man aber keine Arbeitswilligen in den Arbeitsprozess aktivieren, weil sowohl die Aufgaben wie auch der Ertrag bereits verteilt sind. Man kann höchstens Entlassungen vermeiden.

    Sofern man Arbeitswillige integrieren will, müsste man die Aufgaben und die Erträge neu verteilen. Das ist akzeptabel, aber es geht definitionsgemäß nicht mit vollem Lohnausgleich. Es sei denn, man will ein entsprechendes Wachstum generieren.

    Das könnte im einfachsten Fall gehen, wenn man davon ausgeht, dass die neuen Werktätigen ihre eigene Nachfrage generieren. Allerdings ist das nicht so sicher, weil sie einerseits schon über eine Grundversorgung verfügen und andererseits in der exportorientierten deutschen Wirtschaft ein großer Teil der Nachfrage von außen komme.

    5 Leserempfehlungen
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    Schließlich wird das Einkommen ja via Lonhnebenkosten und Einkommensteuern ja mit den Menschen geteilt, die ihre Zeit und Arbeitskraft dennoch nicht einbringen dürfen.
    Von daher wäre ein Nullsummenspiel volkswirtschaftlich möglich, ja sogar nötig, weil das gravierende Ungleichgewicht zur Zeit viele Ressourcen an Zeit, Gesundheit und Geld verschlingt.

  2. in schönen Theorien und volkswirtschaftlichen Modell - egal von links oder rechts.

    Ein Blick nach Frankreich genügt. Neben einer sich immer stärker werdenden Arbeitslosigkeit, suchen immer mehr Franzosen Arbeitsmöglichkeiten in Deutschland und Frankreich. Also Ländern, in denen deutlich mehr als 30 Stunden pro Woche gearbeitet wird.

    10 Leserempfehlungen
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    war selbstverständlich gemeint.

    gilt in Frankreich die 30 Stunden Woche?

    Schweiz: 1632
    Frankreich: 1476
    Deutschland: 1413

    Quelle : http://stats.oecd.org/Index.aspx?DatasetCode=ANHRS

    • MaxS2
    • 08. März 2013 10:58 Uhr

    Warum nicht Arbeitszeitreduzierung ohne Lohnausgleich? Auch das würde die vorhandene Arbeit fairer verteilen, und kein Arbeitgeber müsste befürchten, für weniger Leistung gleich viel zahlen zu müssen.

    Mehr noch: Würde man damit weniger Arbeitslose erreichen, könnten die Beiträge zur Arbeitslosenversicherung sinken. Das niedrigere Einkommen würde also teilweise durch niedrigere Versicherungsbeiträge ausgeglichen.

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    Das mag bei guter Organisation überall funktionieren, wo es um Arbeit mit "repetitiven Charakter" geht, wie es in dem Artikel so schön formuliert wird. An allen Stellen -und das sind nicht wenige in diesem Land- wo es um kreative und/oder Entwicklungstätigkeiten geht, ist Arbeitszeitverkürzung der reine Humbug. Abgesehen davon, dass es in diesen Bereich an vielen Stellen echten Mangel gibt, kann man solche Tätigkeiten nicht auf Knopfdruck an- oder ausschalten, sonst kommt überhaupt nichts mehr dabei heraus. Außerdem hat jedwede Tätigkeit Anlauf- und Auslaufzeiten, die dann natürlich einen immer größeren Anteil ausmachen. Insgesamt halte ich diese Arbeitszeitdebatte für sehr theoretisch angelegt. Arbeit ist nicht nur eine Frage der Arithmetik und damit sind 30 Stundenansätze nicht sehr erfolgversprechend.

    • rsi99
    • 08. März 2013 10:59 Uhr

    (genannt BIP) ... geht es sicherlich. Es werden dann einfach 3/4 der bisher geschaffenen Werte hergestellt. Diese können dann zum gleichen Lohn wie vorher gekauft werden (=33% Inflation).

    Da hinter der "Konzernen" stets immer der Kunde steht, führt der Mangel an Arbeit zu einer erhöhten Begehrlichkeit an Waren = Mangel. Hat schon in der DDR gut funktioniert,.

    3 Leserempfehlungen
  3. schon lange machbar, wie zb auch die forderung des buergergeldes. die machtvollen interessengemeinschaften, welche an den bestehende verhältnissen profitieren und mit deren 'unphysikalischen' argumenten dagegenhalten, werden jedoch nur ein 'wenig' ruecken, wenn der veränderungsdruck von vielen verlierern momentan nicht mehr aufzuhalten sein wird.
    leider gehören die gewerkschaften auch zu diesen interessengemeinschaften.

    das verhältnis zwischen denen die haben, auch auf kosten von jenen welche wenig haben, zb 55 jahre alt und arbeitslos, wird irgendwann zu verändern sein im sinne eines gesellschaftskonformeren ausgleichs. ansonsten wird der physikalische kippunkt fuer verändrung sorgen. (synergestisch wie ueber kybernetische regelmechanismen)

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  4. war selbstverständlich gemeint.

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