Ohne kürzere Arbeitszeiten werden wir nie wieder Vollbeschäftigung erreichen. Das ist die Idee hinter einem offenen Brief, mit dem hundert Erstunterzeichner aus Politik und Wissenschaft die 30-Stunden-Woche gefordert haben. Die ZEIT berichtete darüber (Nr. 8/13) und führte eine Reihe von Argumenten gegen den Vorstoß an, an dem ich als einer der Initiatoren beteiligt war. Doch die in der ZEIT und anderen Medien erhobenen Einwände lassen sich entkräften.

Natürlich stimmt es, dass bei einer Arbeitszeitverkürzung nicht jede Arbeitsstelle, die an einem bestimmten Ort frei wird oder im Rahmen eines bestimmten Qualifikationsprofils, sofort eins zu eins neu besetzt werden kann. Deshalb sind Anpassungsprozesse unvermeidlich. Über Qualifizierungsmaßnahmen mit staatlicher Unterstützung lässt sich das aber bewältigen. Es ist geradezu eine Beleidigung der Arbeitslosen, zu behaupten, sie seien nicht hinreichend ausgebildet. Die große Masse ist es.

Ohnehin haben die meisten Arbeitsprozesse in Wirklichkeit repetitiven Charakter. Die Kritiker sollten sich lieber Gedanken über die hohen staatlich-fiskalischen Kosten der Arbeitslosigkeit von zurzeit über 50 Milliarden Euro jährlich machen. Staatsverschuldung wäre kein Problem, hätten wir Vollbeschäftigung. Und die Kritiker sollten vor allen Dingen an das Schicksal der Arbeitslosen, ihrer Familien und Kinder denken. Außerdem leiden die (noch) Beschäftigten, weil sie permanent die Reservearmee der Nicht- und Unterbeschäftigten vorgeführt bekommen. Lohnsenkungen, Arbeitszeitverlängerungen und gesundheitliche Schäden sind der eindeutige Befund.

Das Argument, die frei werdende Arbeit ließe sich auch regional nicht ohne Weiteres neu besetzen, wiegt schwerer. Uns ist bewusst, dass die Arbeitslosenquoten in Deutschland unterschiedlich hoch sind. Hier wird man monetäre staatliche Anreize zur Mobilität setzen müssen.

Die von den Kritikern angeführten Sachprobleme lassen sich lösen. Entscheidend ist die Frage: Wollen wir eine Wirtschaft mit Vollbeschäftigung? Es ist eine Tatsache, dass das seit Langem rückläufige reale Wirtschaftswachstum tendenziell kleiner ausfällt als das Wachstum der Produktivität. Das Ergebnis ist ökonomisch trivial: Es wird weniger Arbeit gebraucht, das Arbeitsvolumen (Beschäftigte multipliziert mit der Arbeitszeit) geht zurück. Natürlich kann man versuchen, über steigende Löhne eine entsprechende Nachfrage an den Gütermärkten und abgeleitet an den Arbeitsmärkten zu entfalten, wie dies reine Wachstumsfetischisten machen. Grundsätzlich bin ich als Sprecher der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik auch dafür, dass die Löhne steigen und die Einkommen von den Kapitalbesitzern zu den Arbeitnehmern umverteilt werden.

Nur wirft diese Lösung Probleme auf. Erstens: Wie soll diese Umverteilung bei der bestehenden Massenarbeitslosigkeit gelingen? Die Beschäftigten können sich in dieser Situation nicht durchsetzen. Zweitens: Wachstum verschärft Umweltprobleme. Für eine Arbeitszeitverkürzung gilt das nicht. Nun mag man einwenden, die Gewerkschaften seien auch zu schwach, kürzere Arbeitszeiten durchzusetzen. Richtig. Deshalb sagen wir ja auch, Arbeitszeitverkürzung zur Bekämpfung der Massenarbeitslosigkeit ist ein "gesamtgesellschaftliches Projekt", das man nicht allein über Tarifverhandlungen verwirklichen kann.

Anders als oft behauptet, ist auch ein voller Lohnausgleich möglich. Nehmen wir an, in einer Volkswirtschaft wächst die Produktivität und damit die Menge der in einer Stunde Arbeit produzierten Güter um zwei Prozent. Dann kann man die Arbeitszeit entsprechend verringern und den Stundenlohn um den gleichen Prozentsatz erhöhen. Im Ergebnis erhält ein Beschäftigter bei geringerer Arbeitszeit das gleiche Einkommen wie vorher. Dieser volle Lohnausgleich hält die Lohnstückkosten konstant und erhöht die Gewinne in Höhe der Produktivitätsrate. Und es entsteht Spielraum für zusätzliche Beschäftigung. Die 30-Stunden-Woche ist daher richtig, dringend nötig und realisierbar.