Sie liefern den Stoff für eine beispiellose Erfolgsgeschichte der Evolution. Dank ihrer Fruchtbarkeit, Langlebigkeit und Vielfalt eroberten Schildkröten weltweit die Ozeane und Kontinente. Ihr Lebensraum umfasst Wälder und Wüsten, Seen und Sümpfe, reicht von der Tiefe der Meere über Flussauen bis hinauf ins Hochland. Schon vor 220 Millionen Jahren waren sie die Begleiter der ersten Dinosaurier, haben zahllose Arten kommen und verschwinden sehen.

Doch nun droht ihnen der abrupte Niedergang durch eine gefräßige Spezies, die mühelos ihre schützenden Panzer knackt: Menschen begehren nicht nur das delikate Fleisch der Tiere, sie sammeln auch säckeweise ihre Eier ein. Sie überfischen die Heimatgewässer der Schildkröten, dämmen und verschmutzen Bäche und Flüsse, verwandeln Sümpfe und Urwälder in Plantagen für Reis, Zucker oder Palmöl.

Die Ausbeutung zeigt Wirkung: Schildkröten sind inzwischen stärker gefährdet als die öffentlich wesentlich mehr beachteten Säugetiere, Vögel oder Frösche. Nach Einschätzung von Experten der Weltnaturschutzunion IUCN ist mittlerweile jede zweite der rund 320 Schildkrötenarten in ihrem Bestand gefährdet oder vom Aussterben bedroht.

Der dringende Handlungsbedarf wird nun ein zentrales Thema auf der Weltkonferenz über den internationalen Handel mit gefährdeten Arten (Cites), die vom 3. bis 14. März in Bangkok stattfindet. Gleich 45 gefährdete Schildkrötenarten, hauptsächlich aus Asien, sollen dort in eine höhere Schutzkategorie eingestuft werden.

»Sie sind in einen Teufelskreis geraten«, erklärt Uwe Fritz, Leiter des Dresdner Museums für Tierkunde, einem Senckenberg-Institut. »Die steigende Wirtschaftskraft in Asien, besonders in China, hat zu einer Massenvernichtung geführt. Schildkröten sind nicht nur begehrt als Lieferanten für Fleisch und Eier, sondern auch für Arzneimittel der Traditionellen Chinesischen Medizin

Allein in China landen jährlich mehr als 300 Millionen Schildkröten im Kochtopf. Die schier unstillbare Nachfrage hat die Schildkrötenzucht zum florierenden Geschäft gemacht. Denn die einst üppigen Wildbestände sind nicht nur in China, sondern in fast ganz Asien weitgehend geplündert. Dafür hat ein schwunghafter Handel gesorgt, der von Indien über Vietnam bis nach Malaysia und Indonesien reicht. »Der Nachfragesog wirkt global und hat sogar zum Export von Schildkröten aus den USA geführt«, sagt Uwe Fritz. Deshalb haben er und andere Fachleute den erhöhten Cites-Schutz gefordert.

Für die letzten Wildtiere werden bis zu 20.000 Dollar pro Exemplar gezahlt

Allerdings glaubt Fritz nicht daran, dass die verschärften Handelsverbote ausreichen, um die zahlreichen hochgefährdeten Schildkrötenarten zu retten. Denn der Teufelskreis, in dem sie steckten, folge einer »irren Dynamik«: »Je seltener die Wildtiere sind, desto höher ist ihr Wert. Umso mehr wird ihnen nachgestellt. Das macht sie noch seltener und noch wertvoller, bis ihre natürlichen Bestände erloschen sind.« In den Cites-Unterlagen werden Preise von 20.000 Dollar pro Tier genannt – für Arten, die hoch begehrt sind, etwa wegen ihrer Schönheit und Rarität. Oder weil sie angeblich wundersam Krebs heilen können. Da hilft keine billige Kopie aus der Zucht. Nur das Original aus der Wildnis entfaltet angeblich die volle Heilkraft. Oder erfüllt Sammler mit Stolz.

»Einige Tausend Dollar, die sie für ein einzelnes Tier einnehmen können, bedeuten für viele arme Landbewohner in Asien mehr als ein Jahresgehalt«, sagt Markus Auer, ein Kollege von Uwe Fritz. Die hohen Preise führten zu einem enormen Suchdruck nach raren Exemplaren. Nebenbei werden auch häufiger vorkommende Tiere gesammelt, auch die bringen Geld. Das Ergebnis ist aus wildbiologischer Sicht pervers. »Wenn wir als Forscher einen Überblick bekommen wollen, welche Arten in welchen Regionen noch vorkommen, dann gehen wir nicht mehr in die Wildnis«, berichtet Auer über seine China-Erfahrungen. »Den besten Überblick bieten die lokalen Märkte.«

Inzwischen gibt es sogar mehrere Schildkrötenarten, die Wissenschaftler erstmals bei einem Besuch auf dem Markt entdeckt haben. Ein Beispiel ist Cuora zhoui, Zhous Scharnierschildkröte. Die Art wurde sogar zweimal auf Märkten entdeckt. Zunächst tauchten 1990 eine Handvoll Exemplare im südchinesischen Handelsstädtchen Pingxiang nahe der vietnamesischen Grenze auf. Sie wurden von chinesischen Forschern als neu erkannt und Cuora zhoui getauft. Ein Jahr später entdeckten US-Wissenschaftler die gleiche Art unabhängig wieder, dank einiger Exemplare von einem Schildkrötenhändler aus Hongkong. Sie tauften ihren Fund auf den Namen Cuora pallidicephala, mussten jedoch bald feststellen, dass die chinesischen Marktforscher schneller gewesen waren.