In Lebensgefahr: Gegner von Präsident Assad demonstrieren in der Nähe der syrischen Stadt Idilib © Reuters/Raed Al-Fares/Shaam News Networ

Seit einigen Monaten befragt die Bundesanwaltschaft nach Deutschland geflohene Syrer. Sie berichten von Schüssen auf Demonstranten und Folter. Der Berliner Anwalt Wolfgang Kaleck, Gründer der Menschenrechtsorganisation European Center for Constitutional and Human Rights, betreut einige von ihnen.

DIE ZEIT: Herr Kaleck, warum sammelt die Bundesanwaltschaft Aussagen syrischer Zeugen?

Wolfgang Kaleck: In Syrien verübt das Assad-Regime seit knapp zwei Jahren in einem Ausmaß Gewalt, dass man in vielen Fällen von Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder Kriegsverbrechen sprechen kann. Daher wäre es rechtlich möglich, die Täter irgendwann anzuklagen, beispielsweise vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Wenn sie europäischen Boden betreten, könnte auch die Bundesanwaltschaft nach dem deutschen Völkerstrafgesetzbuch Anklage erheben. Für so einen Prozess braucht man Beweise, und da die Lage in Syrien besonders unübersichtlich ist, wird es viel Zeit kosten, sie zu sammeln. Die deutsche Bundesanwaltschaft hat deshalb schon damit angefangen.

ZEIT: Ist es nicht schwierig, die Täter zu finden?

Kaleck: Das ist wie ein Puzzle. Wenn man aber mehrere Zeugen findet, die beispielsweise von Schüssen auf dieselbe Demonstration erzählen, setzen sich Teile zusammen, und unsere Vorstellung von einzelnen Verbrechenskomplexen wird konkreter. Man kann dann zum Beispiel schauen, wer der verantwortliche Polizeipräsident in der Region war und ob diesem Gewalt gegen unbewaffnete Demonstranten strafrechtlich zuzurechnen ist. Dann hat man eine erste konkrete Person, gegen die ermittelt werden kann.

ZEIT: Wie kommen die Flüchtlinge nach Deutschland? Wie viele von ihnen haben Sie gesprochen?

Kaleck: Manche haben Familienangehörige hier, andere sind schwer verletzt und werden von Hilfsorganisationen eingeflogen. Es sind Männer und Frauen, junge Erwachsene und ältere Menschen, an die fünfzehn haben sich an uns gewandt.

ZEIT: Warum kümmern Sie sich um sie?

Kaleck: Unser European Center for Constitutional and Human Rights beobachtet die Situation in verschiedenen Ländern weltweit. Momentan zum Beispiel auch in Bahrain, Kolumbien oder Sri Lanka. Als die ersten syrischen Flüchtlinge nach Deutschland kamen, haben sie sich an uns gewandt. Da fast alle von Verbrechen berichteten, haben wir die Bundesanwaltschaft angesprochen.

ZEIT: Was erzählen die Leute?

Kaleck: Hauptsächlich geht es um Schüsse auf Demonstranten in Homs und Damaskus. Einige Flüchtlinge waren auch in Haft und berichten, dass sie gefoltert wurden.

ZEIT: Wovon leben diese Syrer in Deutschland?

Kaleck: Keine Ahnung. Darum kümmern sich Hilfsorganisationen oder Familienangehörige. Als Menschenrechtsorganisation beschäftigen wir uns ausschließlich mit der juristischen Aufarbeitung.

ZEIT: Können sie irgendwann zurückgehen?