Waldorf Astoria BerlinDas Anti-Adlon

Berlins neues Waldorf-Astoria-Hotel setzt die Renaissance des alten Westteils fort – mit einem klaren Bekenntnis zur Moderne. von 

Die Lang Bar zeigt reines Art déco – im Gegensatz zum Rest des Hotels.

Die Lang Bar zeigt reines Art déco – im Gegensatz zum Rest des Hotels.  |  © Quabbe+Tessmann/Waldorf Astoria

Berlin ist eine nüchterne Stadt. Für hochfliegende Pläne braucht sie auswärtige Visionäre. Ein Hamburger musste die Rekonstruktion des Hohenzollernschlosses anregen, und wieder ein Hamburger war nötig, die Schlossidee als Größenwahn zu tadeln. All das Gezänk und Gerede, die Debatten um Berlins Haupt- und Weltstadtwerdung sind den Bewohnern längst entzogen und zu einer nationalen Angelegenheit geworden. Gebürtige Berliner, falls es sie überhaupt noch gibt, blicken mit stiller Skepsis auf die Projektemacherei. Was ist nicht alles in Berlin, dem alten West-Berlin zumal, groß gedacht und schlecht ausgeführt, jedenfalls fulminant in den Sand gesetzt worden! Und so könnte es auch mit dem jüngsten Traum von einer Wiederbelebung des alten Berliner Westens geschehen, den gerade eben die Eröffnung eines Waldorf-Astoria-Hotels am Zoo beflügelt hat.

Der ganze sogenannte goldene Westen, die Gegend um Zoo und Kurfürstendamm, war schon zu Kaisers Zeiten, als er entstand, ein Spekulationsobjekt. Keine hundert Jahre hat der Glanz gehalten, aber doch bis weit in die siebziger des vorigen Jahrhunderts war der Kurfürstendamm mit seinen Cafés und Restaurants, die ihre verglasten Veranden pariserisch auf den Gehsteig schoben, die gesellige Ader der Stadt. Die Filmfestspiele, damals noch im Sommer, hatten dort ihre Flaniermeile und mit Hotels wie dem Kempinski auch ihre Herbergen und Bars.

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Es ist also, wenigstens in historischer Perspektive, keineswegs eine traditionslose Wüste, in der sich das Waldorf Astoria ansiedelt. Ein Hotel dieses Anspruchs hat hier seinen Platz, auch wenn der Blick aktuell noch auf Bauzaun und Baustelle und das verwahrloste Einzugsgebiet des Bahnhofs Zoo fällt. Der Zoo-Palast direkt dem Eingang gegenüber, eines der letzten echten Uraufführungskinos des Westens, harrt derzeit einer Restauration, die einem Abriss verdächtig ähnlich sieht. Andere berühmte Kinos sind verschwunden oder in billige Discounter verwandelt. Der Niedergang war aber keine Folge der Wiedervereinigung, er setzte viel früher ein, mit einer schlichten Rechnung der Vermieter. Wer konnte mehr zahlen – ein Kino oder McDonald’s, ein Hotel oder H&M? Der Niedergang war keine Schlamperei, sondern Folge der Renditehoffnung.

Aber da nun einmal nichts in Berlin für ewig ist, nicht einmal der Verfall, setzte auch der Versuch zur Wiederveredelung des Westens schon vor längerer Zeit ein. Vom unteren Ku’damm her, wo der Boulevard den sommerfeuchten, waldigen Villen Grunewalds entspringt, begannen sich wieder Luxusgeschäfte und Cafés, die den Namen verdienen, auszubreiten und der Zoo-Gegend entgegenzuschieben. Vielleicht waren sie ursprünglich nur für russisches Geld bestimmt, aber immerhin kamen sie überhaupt. Der schüchterne Vormarsch des Glamours schaffte es bis nah an den Bahnhof Zoo heran. Nur die letzte, die durstigste der Durststrecken, über Zoo und Europa-Center hinaus, die überwunden werden müsste, um Anschluss an das strahlende KaDeWe zu finden, ist noch nicht geschafft.

Ein kaltes, großartiges Hochhaus

Und just dort, an der für eine Luxusbesiedlung steinigsten Stelle, steht nun das Waldorf Astoria. Das Gebäude, das neue sogenannte Zoofenster, sieht paradoxerweise wie ein Stück Friedrichstraße aus, und das liegt an dem Architekten Christoph Mäckler, der den Lindencorso an der Friedrichstraße gebaut und eine Neigung zum Bronze-und-Travertin-Stil der dreißiger Jahre hat. Etwas Kaltes, Großartiges, unbestreitbar Elegantes, aber in der Gegend, die von Jugendstil und Fünfziger-Jahre-Moderne beherrscht wird, auch ungeheuer Fremdartiges strahlt das Hochhaus aus.

Das Hotel hat darin nicht alle Etagen belegt, doch für seine Suiten einige der höchsten – die mit dem schönsten Blick. Wahrscheinlich gibt es im hochhausarmen Berlin kein Hotel mit einer derart berauschenden Panoramaperspektive. Nur das Park Inn am Alexanderplatz könnte auf niedrigerem Niveau Vergleichbares bieten. Indes muss man zum Panorama in Berlin auch den Mut haben – den Mut zur Wahrheit. Was die Hauptstadt dem Blick von oben zeigt, ist genau jenes struppige Durcheinander von Groß und Klein, Glanz und Misere, Erhaben und Vermurkelt, das sich sonst nur erleben lässt, wenn man die Magistralen des Westens von Anfang bis Ende abfährt, die Potsdamer Chaussee über Unter den Eichen bis zum Potsdamer Platz zum Beispiel – oder aber die Kantstraße, die unmittelbar hinter dem Waldorf Astoria entspringt.

Für den Neubau musste das Schimmelpfennig-Haus weichen, das den Quellgrund der Kantstraße wie ein Torhaus mehrstöckig überbaut hatte, es waren die Propyläen für diese Ausfallstraße nach Westen, die unter wechselnden Namen bis über Spandau hinaus zum Grenzkontrollpunkt Heerstraße führte. Hier begannen die Ferien des Westberliners, und es hat seine eigene Symbolik, dass der wiedervereinigungsbedingte Baustil der Friedrichstraße sich ausgerechnet an die Stelle jenes Baus setzte, mit dem zu Mauerzeiten die Transitträume und -albträume des Westberliners begannen. Wird er das Waldorf Astoria je annehmen können?

Leserkommentare
  1. Schade, wenn man einen Artikel zum Bekenntnis zur Moderne eines Hotels ausschließlich mit einem Bild illustriert, das dem Betrachter nichts anderes als ein Bekenntnis zu gestern vermittelt...

    5 Leserempfehlungen
    • TDU
    • 10. März 2013 14:27 Uhr

    Das Adlon träumt vom Feudalen und das Waldorf Astoria ist doch american way of Luxury oder nicht? Das Palace ist nur ein Hotel. Von seinem wirklich riesigen Frühstücksbuffet mit Köstlichkeiten aller Länder war schwer zu geniessen. Der Abend war meist zu lang und zu feucht. Konversation machen war Pflicht, weglaufen galt nicht, also zu spät, um vor dem Termin am nächsten Tag lange frühstücken zu können. Aber gemssen an seinen Herbergen könnte man Berlin tatsächlich für weltläufig halten.

  2. mit dem Pleite-Hotel Adlon zu vergleichen, verbietet sich eigentlich. Das Adlon ist reine Fassadenarchitektur und innen architektonisch eine Zumutung.

    „Die Langbar im Waldorf zeigt reines Art déco“. Naja, was immer das auch bedeuten mag, sieht irgendwie ganz schön geküselt aus und Art déco hat übrigens auch keine besonders festgelegten Stilmerkmale. Zudem, die niedrige Decke erdrückt das Ganze und es wirkt dadurch etwas bieder.
    Ja und immer diese „ekelhafte“ Teppichauslegware.

    Aber man kann ja nicht alles haben.

  3. 4. [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen Argumenten zum konkreten Artikelthema. Danke, die Redaktion/ls

  4. Ich war erst kürzlich drin, nach meinem Geschmack hat die Bar den Charme eines zu bürgerlich gestalteten Wiener Cafe Hauses, alleine die Vorhänge sind eine Katastrophe. Der Eingangsbereich des Hotels ist so ein Versuch der "Modernisierung" eines Grand Hotels, es wurde ein fader Kompromiss draus.

    @ Daniel Düsentrieb: vielleicht sollte mancher es als Stufe der persönlichen Reife begreifen, den Deutsch LK dann auch mal hinter sich zu lassen.

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