Beschneidung : "Sie ist einfach verblutet"

Fatmata Kamara war Beschneiderin in Sierra Leone – bis sie den Tod eines Mädchens verschuldete.

DIE ZEIT: Was bedeutete Ihnen Ihr Beruf?

Fatmata Kamara: Es war meine Einkommensquelle und meine Berufung, Mädchen in die Gesellschaft einzuführen, und dies umfasst nicht nur die Beschneidung. Traditionell war ich Lehrerin und Ärztin zugleich, und es ist eine verantwortungsvolle Aufgabe, Mädchen auf die Ehe vorzubereiten. Ich habe diese Aufgabe pflichtbewusst wahrgenommen und damit auch selbstständig meinen Lebensunterhalt verdient. Frauen, die finanziell unabhängig sind und eine verantwortliche Rolle in der Gesellschaft haben, werden sehr respektiert.

ZEIT: Warum beschneiden Sie heute nicht mehr?

Kamara: Wir haben nie darüber geredet, was bei der Beschneidung wirklich passiert und wie viel Unheil wir anrichten. Ich habe es einfach als ein Stück Kulturgut akzeptiert und deshalb die Praxis weitergeführt. Aber trotzdem kam bei jeder Beschneidung der Schmerz wieder hoch, den ich selber erfahren habe. Zwei Ereignisse haben mich dann zum Nachdenken gebracht und an der Praxis zweifeln lassen. Zum einen hat mein Mann mich wegen einer unbeschnittenen Frau verlassen, und ich hatte gelernt, dass man als Unbeschnittene nie einen Mann bekommt. Zum anderen ist mir eine junge Frau unter den Händen weggestorben, sie ist einfach verblutet. Als ich dann bei einem Workshop zur Aufklärung über Genitalverstümmelung einen Film gesehen habe über das, was ich jahrelang gemacht habe, war ich geschockt. Ich konnte dort meine Erlebnisse mit anderen teilen, und ich bekam eine Perspektive, wie ich auch ohne diese Praxis meinen Lebensunterhalt verdienen kann.

ZEIT: Wann haben Sie diese Praxis aufgegeben, und wie hat Ihre Umgebung reagiert?

Kamara: 2008 habe ich öffentlich erklärt, dass ich nicht mehr als Beschneiderin arbeite. Die Reaktionen darauf waren gemischt: Einige haben mich für diesen Schritt bewundert, andere Beschneiderinnen verachten mich seitdem. Aber ihre Drohungen sind leer, sie können mir nichts antun oder mich einschüchtern. Seitdem bin ich auch eine sehr öffentliche Person, eine Art Vorbild. Andere Frauen, vor allem die Beschneiderinnen, beobachten mich und meine berufliche Entwicklung. Mein beruflicher und sozialer Erfolg kann auch sie ermutigen, mit den Beschneidungen aufzuhören.

ZEIT: Wie steht es mit Ihrer gesellschaftlichen Position heute, da Sie nicht mehr als Beschneiderin tätig sind?

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Kommentare

67 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Vorwand

Ich frag mich wann der erste gleich kommt und dies als Vorwand für seine Islam kritik missbraucht. Frauenbeschneidung ist im Islam verboten und ist nicht das selbe wie die beschneidung bei jungs !

Ungebildete von Gesellschaftsdruck unerhabene Menschen machen schwachsinnige Sachen. Wir können nur Impulse setzen das in den Gesellschaften Kräfte gestärkt werden die dagegen Aufklären

Es sind zwei paar Schuh

mit völlig unterschiedlichen Folgen, in unterschiedlichen Gesellschaften. Ein beschnittener Mann (und dabei sage ich nicht, dass es sinnvoll oder begrüßenswert ist ein Säugling zu beschneiden) kann problemlos Freude am Sexualleben haben. Vergleichbar wäre es, wenn dem Mann die Eichel amputiert werden würde und genau das merkt die Foristin zu recht an. Man kann beides nicht miteinander vergleichen, denn dazu kommt noch die Gesellschaftlichen Stellungen und vor allem Intentionen. Bei der männlichen Beschneidung steht in der Regel das positive Bündnis mit Gott, oder aber hygienische Aspekte im Fokus. Bei der weiblichen geht es um die früheste Platzzuweisung der Frau in patriarchalischen Gesellschaften.
Es ist wirklich wichtig dies separat zu betrachten und nur so am Rande. Die männliche Beschneidung wird häufig auch im Erwachsenenalter freiwillig vollzogen aus verschiedenen Gründen, jedoch glaube ich nicht, dass es z.B. in den USA Frauen gibt, die sich freiwillig beschneiden lassen.

@ 46 - Rituale verändern

"Männliche und weibliche Beschneidungen sind Aufnahmerituale - DIE gilt es, zu verändern"

Vielleicht ist es möglich, in diesem Forum die entsprechenden Adressen zu nennen, um Ihrem Vorschlag zu folgen ?

Oder in einem weiteren Artikel dieses Thema weiterzuführen ?

Auf jeden Fall Lob an die Zeit, dass es sowohl in der Printausgabe und hier auf ZON die gebührende Beachtung findet.

Ergänzende links

Fide e.V. https://docs.google.com/f... zum Umgang von beruflichen damit Befassten (in der Entwicklungsarbeit, Ärzte, Hebammen etc.etc.) mit beschnittenen Frauen - die umfassenste Information, die im www zu finden ist, an der auch die *Unterschiede zur Zirkumzision* deutlich werden dürften. Das Fulda Mosocho Project und der Wandel einer Gesellschaft im Westen von Kenia http://www.blog.fulda-mos... Unicef über Egypt, Ethiopia, Kenya, Senegal, Sudan http://www.unicef-irc.org... sehr gute Arbeit sah ich von NAFGEM http://www.nafgem.com/?la... in Tanzania, bei materra http://www.materra.org/ca... ist deren Arbeitsweise noch detaillierter beschrieben, Information über Geburtsfisteln http://www.fistula.de/fis... an alle Organisationen kann man auch spenden.

Es geht nie *nur* um Abschaffung einer (1) traditionellen Praxis, sondern immer um Initiierung eines gesamtgesellschaftlichen Wandels, andernfalls werden Traditionen nicht ersetzt, egal, wie schädlich sie sind.

Stellen Sie sich als fiktives Beispiel bloß mal vor, Autofahren würde jedes Jahr xTausende an Toten, Verletzten, Behinderten fordern, Landschaften und Städte zerstören, außenpolitische Verwicklungen, Ausbeutung und Umweltzerstörung im großen Maßstab mit sich bringen - wäre also in jeder Hinsicht schädlich zu nennen (ganz ruhig, ist ja nur eine Fiktion...). Was wäre wohl nötig, um vom rollenden goldenen Kalb Abschied zu nehmen? Eben, genau.