Charakter : Miss Verstanden

Frauen sind sanftmütiger, klüger, teamfähiger, ach, sie sind einfach die besseren Menschen. Unsere Autorin erklärt, warum das nicht stimmt.

Sind Frauen nicht nur schöner anzuschauen, haben sie auch den edleren Charakter? Dieser Frage muss man mal nachgehen in einer Zeit, in der viele glauben, Frauen könnten mit "weiblichen Tugenden" die Welt zu einem besseren Ort machen. Frauen gelten wie Hannelore Kraft und Angela Merkel als besonnene Politikerinnen, während Gerhard Schröder, der das Staatsbürgerschaftsrecht reformierte und die Eingetragene Lebenspartnerschaft für Homosexuelle einführte, nur noch "Testosteron-Kanzler" genannt wird. Das Deutsche Ärzteblatt schreibt, dass es Ärztinnen im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen nicht um Geld und Macht gehe, sondern um "Sinnfindung". Professorinnen seien frei von Forschernarzissmus, glaubt die Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken, sie forschten aus Leidenschaft für ihre Disziplin. Frauen hätten ein "nicht so großes Ego", sagt Beiersdorf-Personalchef Ulrich Schmidt, sie verbreiteten "positiven Teamgeist". Sie seien überhaupt die besseren Vorgesetzten, behauptet die Journalistin Wibke Bruhns, eine ehemalige Ressortleiterin, und verweist auf sich selbst. Frauen seien die besseren Hedgefonds-Manager, schreibt die FAZ, die besseren Polizisten, schreibt der Spiegel, die besseren Friedensvermittler in Krisengebieten, schreibt die Frankfurter Rundschau.

Es hat immer Frauen gegeben, die gar nicht in dieses Bild passen, das sich viele derzeit von Weiblichkeit machen. Diese Frauen sind keine Extremfälle, die wir als untypisch abtun können. Dafür gibt es zu viele Beispiele in der Geschichte und in der Gegenwart, die belegen, dass jede schlechte Eigenschaft, die man Männern zuschreibt, auch bei Frauen vorkommt. Frauen sind gewalttätig, eitel, verlogen, unbeherrscht, habgierig, herablassend, unbelehrbar, fahrlässig, grob, laut, unordentlich, niederträchtig, egozentrisch. Frauen sind genauso böse wie Männer.

Aus dem Alltag weiß das jeder. Genau wie Männer brechen Frauen Herzen, machen Witze auf Kosten anderer, lassen ihre Laune an Schwächeren aus. Sie können nicht zuhören, nehmen einem den Parkplatz weg und drängeln sich beim Bäcker vor. Sie vergessen Geburtstage und ein Dankeschön. Und fragt man einen Detektiv wie Marcus Lentz, Geschäftsführer der Detektei Lentz, einer der größten in Deutschland, stellt sich heraus, dass es auch beim Ehebruch in der Häufigkeit keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern gibt. Trotzdem ist es den Frauen gelungen, sich das Image zu verleihen, sie seien empathischer als Männer – als hätten sie stets ein offenes Ohr für die Sorgen ihrer Mitmenschen.

Einigen Frauen wird es ganz recht sein, dass man annimmt, sie seien harmlos. Beate Zschäpe, die demnächst wegen Mord und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vor dem Oberlandesgericht München steht, trat kürzlich im rosa Girlie-Shirt vor die Kamera des Bundeskriminalamtes – als käme es noch darauf an, den Schein zu wahren, so wie sie es laut Anklageschrift jahrelang für das rechtsradikale Terrortrio NSU getan hatte. Zufall, dass für diese Aufgabe eine Frau zuständig war? Sie versorgte die Katzen und grüßte die Nachbarn, während ihre Komplizen Menschen erschossen, die nicht in ihr Weltbild passten. Der Prozess wird zeigen, wie viel positiven Teamgeist Beate Zschäpe im NSU verbreitete.

Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse überall hin hieß ein erfolgreiches Frauenbuch von 1994, ein Ratgeber im Plauderton. Man traute Frauen einfach nicht zu, dass sie wirklich schlechte Menschen sein könnten. Das war etwa die Zeit, als die Serbin Biljana Plavšić im Jugoslawienkrieg ethnische Säuberungen anordnete, die Tausende Muslime das Leben kosteten. Plavšić war Stellvertreterin des Serbenführers Radovan Karadžić. Die Biologieprofessorin entdeckte im Krieg ihr Talent zur ultranationalistischen Rhetorik und bezeichnete die Muslime als "genetischen Irrtum im serbischen Körper". Einmal ließ sie 78 muslimische Kinder als Geiseln nehmen, um ihren Bruder und ihre Schwägerin aus dem Gefängnis in Sarajevo freizupressen.

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